Die Videoplattform TikTok schränkt mithilfe von Wortfiltern die Meinungsfreiheit ein, wie eine Recherche ergab: Kommentare, die gewisse Wörter enthalten, werden von TikTok zurückgehalten.

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TikTok begann als Plattform, auf der Nutzer:innen vor allem Videos von ihren Tanz- oder Gesangseinlagen teilten. Mittlerweile findet sich dort aber eine ganze Bandbreite ein Inhalten, darunter Comedy-Sketches und tagesaktuelle Nachrichten zu verschiedenen Themen – vom Angriffskrieg gegen die Ukraine bis zum Klimawandel. Auch von Utopia kannst du auf TikTok Videos rund um das Thema Nachhaltigkeit sehen.

Doch wer als Nutzer:in Videos kommentieren möchte, muss damit rechnen, dass der Kommentar nicht auf der Plattform veröffentlicht wird. Recherchen von NDR, WDR und Tagesschau zufolge setzt TikTok in Deutschland systematisch Wortfilter ein, um anderen Nutzer:innen Kommentare nicht anzuzeigen, die bestimmte Wörter beinhalten.

Nicht erwünscht: Diese Begriffe blockiert TikTok

Über mehrere Testaccounts verfassten die Journalist:innen der Recherche Kommentare auf TikTok. Dabei testeten sie insgesamt 70 Wörter und Wortkombinationen. Den Ergebnissen zufolge hält die Plattform mithilfe automatisierter Filter offenbar mindestens 20 dieser Wörter zurück. Kommentare, die diese Wörter enthalten, werden nicht öffentlich gemacht.

Die Verfasser:innen der Kommentare bekommen von dieser Blockade allerdings nichts mit, denn TikTok setzt hierbei auf das sogenannte "Shadowbanning": Den Kommentierenden selbst erscheint ihr Beitrag, doch für die restlichen Nutzer:innen ist er nicht sichtbar.

TikTok erklärte, dass man Technologien einsetze, die "proaktiv nach Kommentaren suchen, die gegen unsere Richtlinien verstoßen oder die ein Spam-Verhalten darstellen". Doch die Plattform blockierte nicht nur Begriffe wie "Nazi", "Sklaven" und "Gas", sondern auch Wörter wie "schwul" und "Heterosexuelle".

Das sind die 20 Wörter, die TikTok im September 2022 scheinbar blockierte:

  • Cannabis
  • Crack
  • Drogen
  • Gas
  • gay
  • Heroin
  • Heterosexuelle
  • homo
  • Kokain
  • LGBTQ
  • LGBTQI
  • LSD
  • Nazi
  • Porno
  • Pornografie
  • Prostitution
  • schwul
  • Sex
  • Sexarbeit
  • Sklaven

Auch von "Klimawandel" soll nicht die Rede auf TikTok sein

Ein klares Filtermuster ließ sich im Test von NDR, WDR und der Tagesschau nicht erkennen. Während Kommentare mit den Begriffen "Cannabis" und "Kokain" mehrfach blockiert wurden, entgingen solche mit "Crystal Meth" und "Ecstasy" den Wortfiltern dagegen oft. Zudem kam es vor, dass ein von zwei unterschiedlichen Testaccounts verfasster Kommentar mit demselben Wort in einem Fall veröffentlicht, im anderen jedoch zurückgehalten wurde.

Auch führten Kommentare, die Wörter aus dem Kontext des Ukraine-Kriegs enthielten, oft zum "Shadowbanning", darunter "Ukraine", "Spezialoperation", "Kampfjets", "Völkerrecht" oder "Truppen".

Unter den teilweise blockierten Wörtern befanden sich außerdem solche, die nicht gegen mögliche Jugendschutzvorgaben verstoßen. So griffen die Wortfilter in den meisten Fällen auch bei den Begriffen "Klimakrise" und "Klimawandel".

Eine Sprecherin von TikTok räumte diesbezüglich Fehler gegenüber der Tagesschau ein: "In diesem Fall wurden Kommentare, die nicht gegen unsere Community-Richtlinien verstießen, fälschlicherweise als potenziell schädlich gekennzeichnet." Ein Grund dafür könnte laut des Konzerns sein, in dem Test viele Kommentare in relativ kurzer Zeit gepostet wurden, sodass diese fälschlicherweise als Spam eingestuft worden seien.

TikTok will "nuancierter moderieren"

Das "Shadowbanning" von Kommentaren stuft Caja Thimm, Professorin für Medienwissenschaft und Intermedialität an der Universität Bonn, gegenüber der Tagesschau als "höchst problematisch" ein. Blockierte Begriffe würden verhindern, dass man über bestimmte Themen diskutieren könne, was viele Menschen veranlassen könnte, TikTok aufgrund der beschränkten Meinungsfreiheit zu verlassen. So könnte der Konzern eine subtile Sortierung seiner Nutzer:innen vornehmen.

Angesichts der Ergebnisse erklärte TikTok, dass es seine automatischen Filtersysteme weiter schulen und die Bedenken der LGBTQ+-Gemeinschaft besonders ernst nehmen werde, indem für die Community relevante Kommentare nun nuancierter moderiert werden.

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