Es ist ein Mahnmal, eine Erinnerung: Ein vollständig weißes Fahrrad soll nun an der Esso-Tankstelle in Mülheim einen Unfall im Februar vergegenwärtigen.

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Bei einer Kollision mit einem LKW kam eine Fahrradfahrerin dort ums Leben. Als das Geisterrad am Mittwochabend im Rahmen des Ride of Silence 2024 zu ihren Ehren aufgestellt wird, ist die Stimmung bedrückt. Einige Menschen fassen sich betroffen ans Herz, andere liegen sich in den Armen, weinen. Angehörige trauern offen, als das Fahrrad mit Kerzen, Blumen und Luftballons geschmückt wird.

Der Anblick schmerzt. Er soll schmerzen. Die jährliche Gedenkfahrt des Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC) Köln soll an die im Straßenverkehr getöteten Radfahrerinnen und Radfahrer erinnern und auf nötige Sicherheitsmaßnahmen aufmerksam machen. Der Nieselregen, der den Abend begleitet, scheint symbolisch zu der Stimmung der Veranstaltung. Er führt aber auch dazu, dass deutlich weniger Menschen teilnehmen als in den Vorjahren. Trotzdem zieht ADFC-Köln-Vorsitzender Christoph Schmidt ein positives Fazit.

Köln: Ride of Silence soll Aufmerksamkeit für Gefahren für Fahrradfahrende schaffen

"Es war eine würdige Veranstaltung, eine traurige, aber auch eine schöne", sagt Schmidt. "Wir konnten so den Verstorbenen noch einmal eine Stimme geben." Auch für die Angehörigen sei der Ride of Silence und das damit verbundene Geisterrad wichtig. Am Mittwoch sind einige Angehörige vor Ort, als das erste Rad in Mülheim aufgestellt wird. Einige fahren auch mit.

Die Route führt durch Köln. Die Kölner Polizei fährt die gesamte Zeit mit, sichert die rund 120 Fahrradfahrenden. Auch Teilnehmende unterstützen stetig beim Absperren, damit die Gruppe unversehrt durch die Stadt fahren kann. Immer wieder fragen Leute am Straßenrand, was los sei.

Einige recken einen Daumen nach oben in die Luft, wenige Autofahrende beschweren sich. Es ist eine friedliche Veranstaltung. Das Thema Straßensicherheit begleitet durch den Abend, in Kundgebungen, in Gesprächen und vor allem an den Geisterrädern, die angefahren werden und vor denen Blumen und Kerzen abgelegt werden.

LKW sind auffällig häufig in tödlichen Fahrradunfällen verwickelt

"Der Ride of Silence soll auch ermahnen, Verkehrsteilnehmende aber auch Verantwortliche für die Infrastruktur", betont Schmidt. "Es muss etwas geändert werden!" Auch die Teilnehmenden fragen immer wieder, wie es sein könnte, dass nichts unternommen würde. Es klingt auch Kritik an der Priorisierung von Kraftfahrzeugen heraus. "Es wird Zeit, dass die Sicherheit priorisiert wird", sagt Schmidt klar.

Ein Geisterrad, das an der Clever Straße angefahren wird, ist das originale Unfallfahrrad. Der hintere Reifen ist demoliert. Es macht den Unfall greifbar, sichtbar. Auch hier war eine Radfahrerin von einem LKW erfasst worden.

LKW-Unfälle sind der Schwerpunkt am Mittwochabend. Es sei auffällig, wie häufig die großen Fahrzeuge in tödlichen Unfällen verwickelt sind. Eben so auffällig sei, dass die meisten Opfer weiblich und deshalb aufgrund von Größe und Auftreten vermutlich weniger sichtbar seien.

An Luxemburger Straße stehen nun bereits zwei Geisterräder

Die Fahrradfahrenden hätten selten eine Chance gegen LKWs, betont Schmidt. "Es reicht ein Moment der Unkonzentriertheit." Deshalb sei es so wichtig, die Verkehrsinfrastruktur so sicher wie möglich zu gestalten. Ein Unfall betreffe eben nicht nur die Opfer, sondern auch die Verursacher, alle, die ihn mitbekommen, die Schreie hören, Verletzungen sehen. Ein Unfall betreffe auch die Arbeitenden im Verkehrsamt und die Angehörigen.

Das wird an diesem Abend besonders deutlich. Als am Ende das zweite Geisterrad an der Luxemburger Straße aufgestellt wird, liegen sich viele Menschen in den Armen. Die Trauer ist frisch. Die Fahrradfahrerin, die dort bedacht wird, war erst Anfang April von einem LKW erfasst worden und gestorben.

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Es ist bereits das zweite Gedenkrad, das an der Luxemburger Straße angebracht wird. Die Straße sei bekannt dafür, für Radfahrende gefährlich und unübersichtlich zu sein. Nun dient ein weiteres weißes Fahrrad an der Kreuzung zum Sülzring als Mahnmal, als Erinnerung an ein Menschenleben, das dort endete.  © Kölner Stadt-Anzeiger

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