Gerade vor Kurzem hatte ich mal wieder eine Begegnung mit ein paar Kamelen. Zusammen mit einem Kamerateam war ich in der Nähe von Alice Springs unterwegs, um etwas zum Thema "Australische Ureinwohner" zu drehen.

Die Stadt Alice Springs mit ihren weniger als 30.000 Einwohnern liegt geografisch fast genau in der Mitte von Australien. Mit dem Auto braucht man bis Sydney mindestens drei Tage, nach Perth etwas länger und nach Brisbane noch ein bisschen länger. Möglich ist das alles nur, wenn man einen zuverlässigen Geländewagen benutzt.

Alice Springs: Schwierig auf dem Landweg – teuer per Flugzeug

Fliegen kann man natürlich auch. Dann erreicht man von Alice Springs aus diese Orte innerhalb von drei bis vier Stunden. Dass es auf dem Landweg, gerade nach heftigen Regenfällen, schwierig sein kann, wissen natürlich auch die Fluggesellschaften – und haben ihre Preise entsprechend kalkuliert. Es gibt nicht sehr viele Flüge und für Trips nach Perth oder Melbourne verlangen die Airlines gerne schon mal über 1.000 Dollar (€ 650,-) für den Hin- und Rückflug in der Economy-Class.

Marions Marktstand bringt den Australiern die Alpenküche nahe.


Für dieses Geld kann man mit einer australischen Fluggesellschaft durchaus nach Los Angeles oder Hongkong fliegen. Oder, andersherum betrachtet, ist ein Flug von Sydney nach Cairns, etwa die gleiche Entfernung wie nach Alice Springs, schon für deutlich unter 300 Dollar (€ 200,-) zu bekommen. Die Reise nach und von Alice Springs ist also zeitraubend und nicht ohne Risiken – oder aber sehr teuer – vor allem, wenn man (wie wir) zu dritt fliegt und auch noch Übergepäck dabei hat.

Ein paar Tage waren wir im "Herzen Australiens" unterwegs. Jetzt, mitten im Winter, können dort tagsüber durchaus über 30 Grad erreicht werden – Nachts wird es für australische Verhältnisse bitterkalt. Manchmal bis knapp unter den Gefrierpunkt.

Da frieren dann selbst die Kamele mit ihrem dichten Fell. Bei den Kamelen hier handelt es sich um die Art der Dromedare. Tiere also, die nur einen Höcker besitzen und eigentlich im arabischen Raum und in Nordafrika zuhause sind.

Rinder und Pferde waren untauglich – Kamele mussten her

So wie Kaninchen, Agakröten, Katzen, Füchse und andere Tiere wurden auch die Kamele von klugen Engländern nach Australien eingeführt. Nicht besonders viele. Vielleicht ein paar Hundert der Tiere kamen zusammen mit ihren afghanischen Besitzern nach Down Under, um dort Rinder und Pferde zu ersetzen.

Das Klima im Outback war so hart, dass vor allem beim Bau der Eisenbahn von Süden nach Alice Springs Ende des 19. Jahrhunderts kaum eines der Arbeitstiere überlebte. Erst als die Kamele kamen, konnte weitergearbeitet werden. Für sie war das Klima kein Problem.

Die Eisenbahnstrecke von Adelaide im Süden des Kontinents nach Alice Springs wurde erst 1929 fertig. Später wurde die komplette Strecke erneuert und erst 2004 ist die Linie quer durch den Kontinent bis nach Darwin im Norden befahrbar. Die Personenzüge werden fast immer von zwei Diesellokomotiven gezogen.

Nicht, dass es nennenswerte Steigungen gäbe oder der Zug so schwer sei. Nein, die zweite Lok ist nur für den Fall dabei, dass die erste Lokomotive ausfällt. Eine passende Ersatzlok herbeizuschaffen würde unter Umständen Tage dauern. In dieser Zeit wäre der Zug ohne Strom für Klimaanlagen und Beleuchtung.

Als man sie nicht mehr brauchte, durften sie sich einen neuen Kontinent erobern

Als man Ende der zwanziger Jahre mit den Gleisen in Alice Springs ankam, war man einerseits stolz und froh, anderseits wusste man aber nicht so recht, was man mit den mehreren Hundert Kamelen anfangen sollte. Man wählte die einfachste Lösung und ließ sie laufen. Ohne es zu ahnen, schufen die verantwortlichen Briten damals ein Problem, das bis heute nicht gelöst werden konnte.

Landung auf durchweichter Graspiste bei Regen: Das vergisst man nie!


Die 300 oder 400 Tiere machten das, was andere Lebewesen auch machen. Sie richteten sich häuslich ein und vermehrten sich. Völlig unkontrolliert natürlich. Und das tun sie bis heute.

Wie viele wild lebende Kamele es derzeit in Australien gibt, ist absolut unklar. Zählungen und Schätzungen liegen zwischen 350.000 und 2 Millionen Tieren. Nur eines ist sicher: sie alle stammen von den Arbeitstieren ab, die vor gut 120 Jahren nach Australien eingeführt wurden.

Die Zahl der Dromedare steigt und Menschen und andere Tiere haben inzwischen ein echtes "Kamelproblem". Wildtiere und Vieh konkurrieren mit den Kamelen um die Nahrung.

Vor allem aber tragen die oft großen Kamelherden erheblich zur Bodenerosion bei, machen die ohnehin wenigen Wasserlöcher für Menschen und andere Tiere unbrauchbar und fressen mehr und mehr auch Gemüsegärten und Plantagen kahl.

Rund eine Million Tiere sollten erschossen werden

Anfang dieses Jahrzehnts fasste die australische Regierung dann den Plan, dass "rund 1 Million Kamele zum Abschuss freigegeben sind". Tatsächlich wurden "nur" rund 160.000 Tiere getötet. Parallel dazu versuchte man aber, möglichst viele der Tiere in den arabischen Raum zu verkaufen, wo rassereine Tiere rar und teuer geworden waren. Es gab Interesse, aber das Vorhaben scheiterte an den hohen Transportkosten.

Zusätzlich versucht man noch immer, den Australiern das Fleisch der Tiere schmackhaft zu machen. Manche Supermärkte führen es, ein paar Delikatessengeschäfte und ein paar Dutzend Touristenrestaurants. Dort, wo viele Muslime leben, wie in Teilen von Sydney und Perth, lässt sich das Fleisch verkaufen.

Andere Australier wollen es ebenso wenig wie das Fleisch der Kängurus. Man schätzt, dass das Fleisch von rund 5.000 Kamelen pro Jahr als menschliches Nahrungsmittel verkauft wird. Etwa 3.000 Tiere werden zu Katzen- und Hundefutter verarbeitet.

"The Ghan": Dieser Zug erschloss Australien

"The Ghan": Einfahrt des Zuges nach Alice Springs als die Linie noch hier endete.

Ein paar Dutzend Kamele werden inzwischen bei den langsam populär werdenden Kamelrennen eingesetzt. Nach arabischem Vorbild fing man in den siebziger Jahren mit diesen Rennen an. Die Resonanz in der Bevölkerung war anfangs sehr verhalten. Inzwischen ziehen diese "exotischen" Wettbewerbe auch Zuschauer aus dem Ausland und Fernsehteams an.

Das alles ist nur so etwas wie der sprichwörtliche "Tropfen auf den heißen Stein" zur Lösung des australischen Kamelproblems. Was jetzt mit all den Dromedaren geschehen soll, ist weiterhin völlig unklar. Hin und wieder gibt es Kampagnen, bei denen einige Hundert Tiere gekeult werden. Sowohl hier in Australien als auch im Ausland gibt es auch immer wieder Proteste gegen Abschuss und Verwertung australischer Kamele.

Aus Sicht von Tierschützern vielleicht verständlich. Doch was ist zu tun? Derzeit vermehren die Tiere sich wohl so schnell, dass nach Schätzungen seriöser Wissenschaftler innerhalb von nur zehn Jahren mit einer Verdopplung des Bestandes gerechnet werden kann. Darunter leiden in erster Linie die Aborigines und die in Australien heimische Fauna.

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Blogger Dieter Herrmann

Beruflich ist Dieter Herrmann immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten als Ausbilder unterwegs. Privat will er es jetzt etwas ruhiger angehen und lebt deshalb seit einiger Zeit in Australien und berichtet aus der Region. Im Blog schreibt er auch über seine Erlebnisse auf Reisen.