Die einzigen Vulkane auf dem spanischen Festland, kühle Bergseen und tiefe Schluchten: Während alle Welt nach Barcelona reist, fliehen die Einwohner vor der Hitze und dem Rummel der Stadt. Hauptziel für die Sommerfrische sind die katalanischen Pyrenäen.

Ja, Barcelona ist toll, die Kombination aus Strand und Shopping, aus Kultur und Kunst, dazu die einzigartigen Bauwerke von Gaudí: Aber ich gehöre auch zu denjenigen, die nach ein paar Tagen Metropole den Kopf wieder freikriegen müssen. Die katalanischen Pyrenäen sind das ideale Ziel dafür.

Die grünen Kegel von La Garrotxa

Vulkane gibt es in Spanien nur auf den Kanaren? Falsch gedacht. Zwar spucken die Berge in der Region Garrotxa kein Feuer mehr, aber die symmetrischen Kegel mit ihren Vertiefungen in der Mitte sind deutlich zu erkennen. Rund vierzig Krater bilden eine ganz eigentümliche Berglandschaft. Am besten lässt sich das aus der Luft entdecken, mit dem Heißluftballon.

Morgens früh um 7 Uhr kommen wir an in Santa Pau, wo surrende Ventilatoren die Ballons gerade aufblähen. Sobald die Fahrer das Gas aus der Flasche entzündet haben, richten sich die liegenden Körbe auf. Und als der Mitarbeiter die Leinen löst, rauscht das Gefährt sanft wie ein Fahrstuhl mit uns nach oben. Der Ballon gleitet mit dem Wind, Stille herrscht hier.

Plötzlich umgibt uns eine weiße Nebelwand: wir stoßen durch die Wolkendecke und dann ertönt ein Aaaah und Wow aus allen Mündern. Die Sonne strahlt und beleuchtet das wattige Wolkenmeer unter uns, immer wieder durchbrochen von Löchern, durch die wir auf die Vulkanberge schauen. Weiter hinten überragt die Bergkette der Pyrenäen die Wolken und in der Ferne zeichnet sich das Meer ab.

Und dann ertönt plötzlich ein Knall: Unser Ballonfahrer macht eine Flasche mit spanischem Cava auf, Sekt gehört einfach dazu zu diesem feierlichen Moment. Gemächlich zieht unten die Landschaft aus erloschenen Vulkanen und Dörfern, aus verfallenen Ruinen, Schluchten und Flüssen unter uns vorbei.

Wir landen auf einer Freifläche voller Schilf. Und nun helfen alle fleißig mit beim Einrollen der Ballonseide, beim Zusammenschnüren und Verpacken auf dem Anhänger. Auf der Rückfahrt mischt sich schon ein wenig Wehmut in die Hochgefühle, weil alles viel zu schnell vorbeiging.

Doch es geht auch langsamer, denn die Landschaft zu erwandern ist mindestens ebenso reizvoll: Über ein dichtes Wegenetz namens Itinerànnia ist die Gegend des Vulkanparks bestens erschlossen.

Das Pyrenäental Vall de Núria

Eines der beliebtesten Ausflugsziele der Barceloner ist das Vall de Núria. Im Winter kommen sie zum Skifahren hierher, im Sommer zum Wandern. Weil das Gebirgstal autofrei ist, muss man entweder per Zahnradbahn oder zu Fuß auf die Bergstation kommen.

Wir entscheiden uns für die abenteuerliche Fahrt im Waggon und starten auf dem urigen Bahnhof in Queralbs mit seinen verschnörkelten Lampen und der Bahnhofsuhr im Jugendstil. Die Zahnradbahn fährt durch viele grob in den Stein gehauene Tunnel, vorbei an steilen Hängen und Schluchten, die der Fluss Riu de Núria mit seinem Wasser in das Gebirge gefräst hat.

Oben auf knapp 2.000 Metern erwartet uns das Sanktuarium der Muttergottes von Núria, zu dem auch ein Hotel, eine Spiellandschaft für Kinder und ein Reitstall gehören. Vor dem Sanktuarium liegt ein riesiger Stausee, in dem sich malerisch die Gebirgslandschaft spiegelt. Von dort führen mehrere Rundwege in die Pyrenäenlandschaft.

Wir wählen den historischen Camí Vell (katalanisch für 'Alter Weg'), um in etwa 3 Stunden ins Tal zu marschieren. Aber zunächst geht es ein Stück hinauf, wo wir vom Berg aus den Stausee und die herrliche Landschaft genießen.

Wir folgen dem Flusslauf des Riu de Núria. Der Wanderweg passiert leuchtend gelbe Ginsterbüsche, die ihre Wurzeln in das Gestein getrieben haben, schlängelt sich in Serpentinen den Berg hinab, an Wasserfällen vorbei und über steinerne Bogenbrücken. Die Schlucht eröffnet nach jeder Biegung neue atemberaubende Ausblicke.

Der Weg der guten Menschen

Menschen, die ohne Waffen leben wollen und kein Fleisch essen? Die gab es schon im Mittelalter, es waren die geheimnisvollen Katharer. Mit ihrer Disziplin und Genügsamkeit waren sie bei den Armen besonders beliebt, beim Rest der Bevölkerung weniger. Ihretwegen soll die katholische Kirche die Inquisition erfunden haben. Und in den Pyrenäen fand die Glaubensgemeinschaft der Katharer ihre letzte Zuflucht.

Heute kann man wieder auf ihren Spuren wandeln, auf dem "Weg der guten Menschen", dem Camí dels Bons Homs. Dieser länderübergreifende Wanderweg durchquert das Grenzgebiet zwischen Spanien und Frankreich. Er führt durch drei Naturparks der Pyrenäen und nutzt die alten Flucht- und Kommunikationswege der Katharer. Dabei kommen Wanderer durch viele mittelalterliche Städte, zum Beispiel Berga im Norden von Barcelona.

Wir wandern von dort aus ein Stück entlang der Route, vorbei an den Ruinen des verlassenen Dorfes Peguera. Da sind schroffe Felsen und düstere, verfallene Häuser, in deren Schatten bunte Bergblumen um die Wette leuchten und Schmetterlinge auffliegen. Drama und Schönheit auf engstem Raum vereint.

Im größten Tal der Pyrenäen

Der Katharerweg führt noch weiter nach Norden, bis zur französisch-spanischen Grenze, wo sich La Cerdanya, das größte Tal der Pyrenäen vor uns ergießt. In dieser riesenhaften Schüssel, 1.000 Quadratkilometer groß und umgeben von Bergen, herrscht ein ganz eigenes Mikroklima, es ist weniger feucht als normalerweise in den Pyrenäen. Deshalb kann das Tal mit 3.000 Sonnenstunden pro Jahr aufwarten.

Wir machen uns auf zu einer der beliebtesten Ausflugstouren in der Region, einer Wanderung zum Bergsee "Estany Malniu". Die Landschaft hier oben ist einzigartig: Riesige, glattgeschliffene Steine wirken wie aufgetupft auf das tiefgrüne Gras. Knorrige Kiefern säumen den Weg. Und sogar die abgestorbenen Bäume sind dank Wind und Wetter ganz hell geworden, weiße Baumgerippe, deren verwachsene Äste und Zweige wie geheimnisvolle Schneewesen in der Landschaft stehen.

Als wir uns dem See nähern, kreuzt eine Kuhherde den Weg, mit bimmelnden Glocken um den Hals. Die Pyrenäenversion der Almkühe, die sich zum Wassertrinken aufgemacht haben zum Estany Malniu.

Und dann liegt er plötzlich da, der See, in dessen Oberfläche sich die Berge der Umgebung spiegeln, man kann durch das kristallklare Wasser bis auf den Grund schauen. Und im Uferbereich liegen schneeweiße Findlinge wie von einem Riesen zur Dekoration hingeworfen. Die katalanischen Pyrenäen sind voller zauberhafter Orte, ein lohnendes Ausflugsziel nicht nur für stadtmüde Barceloner.

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Dramatisch schöne Pyrenäen

Unsere Bloggerin nimmt Sie mit auf einen unvergesslichen Ausflug.

Iris Schaper (Bild) gehört wie Silke Haas, Sandra Malt, Dörte Saße und Anke Benstem zum Bloggerteam Reisefeder. Die Journalistinnen und Reisebuchautorinnen schreiben über Reisen in alle Welt. Der Schwerpunkt liegt auf der Nachhaltigkeit.