Bogotá liegt so wunderbar farblos am Fuße des Montserrat. Rotbrauner Backstein, wohin das Auge sieht. Das ist aber nur ein Blick, der erste Blick von oben. Wagt man einen zweiten, dann erscheint die Hauptstadt Kolumbiens sehr bunt.

Künstlerkollektive verschönern Bogotá und weisen auf Missstände hin.

Und genau das ist es, was mich seit meinem ersten Besuch 2009 an dieser Stadt fasziniert, der urbane Lebensstil, die Verbindung der Tradition und Moderne und die Vielfalt der Kunst.

Wer sagt, dass gute Kunst immer nur hinter geschlossen Türen und Mauern stattfinden muss, warum nicht mal auf den Mauern? Eine ganze Stadt hat sich das zu eigen gemacht und gilt heute als die Streetart-Metropole Südamerikas mit Anspruch auf mehr.

Was mir besonders gefällt, viele Graffitis in Bogotá sind nicht nur Fun, sie drücken tatsächlich noch politische und sozialgesellschaftliche Botschaften aus. In einem Land mit einer konfliktreichen Vergangenheit verwundert das nicht. Die Streetart-Künstler projizieren mit Farbe kleine Mahnmale an die grauen Mauern und Wände der Großstadt, an denen niemand blind vorbeiläuft.

Sie bleiben ein Stück weit anti – Anti-Regierung, antikapitalistisch und irgendwie noch Punk. Und trotzdem sind sie geduldet, werden tatsächlich durch Gesetze unterstützt und gelten als alles andere als Schmierereien. Der Bürgermeister hat einige Mauern für Streetart freigegeben und auch werden die Künstler nicht mehr verfolgt, verglichen zu früher, als sie mit empfindlichen Strafen und Inhaftierungen rechnen mussten. Leider ging dem Ganzen ein trauriges Ereignis voran, der junge Künstler Diego Felipe Becerra wurde 2011 von einem Polizisten erschossen, als er in einer Unterführung sprayte, was den Anlass zum Umdenken hin zu einer neuen Toleranz hinsichtlich Streetart gab.
Der Bürgermeister Gustavo Petro ermunterte mit einem Dekret, Graffitis als künstlerischen und kulturellen Ausdruck Bogotás zu sehen und definierte Orte wie offizielle Gebäude und Monumente, an denen das Sprühen weiterhin verboten sein sollte.

Inzwischen zählt man über 6.000 Streetart-Künstler, sie kommen sogar aus dem Ausland nach Bogotá und hinterlassen in der Stadt ihre kreativen Werke. Bekannt ist beispielsweise der spanische Graffiti-Künstler Pez, dessen grinsende Fische die Candelaria zieren.

Aber auch unter den Bogateños gibt es ein unheimlich kreatives Potenzial – Künstlerkollektive wie beispielsweise die APC (Animal Poder Crew), Grupo M30 oder Toxicómano wurden gegründet.

Eines der eindrücklichsten Bilder an der Calle 26 erinnert an die 4.150.000 Vertriebenen durch den Bürgerkrieg. Ein Stück weiter hat der Graffiti Künstler Guache seinen Ruf nach Hoffnung hinterlassen. Er fasziniert mich mit seinen starken Inhalten, mit denen er mit einem Stück Optimismus die Ungerechtigkeit und die Gewalt der vergangenen Jahrzehnte anprangert. Guache sprayt mit einer indigenen Handschrift und will somit auch die ganz normalen Leute erreichen. Von Toxicómano stammt ein Bild, das gegen die Ausbeutung der Natur durch Ölgesellschaften protestiert, die Grupo M30 hingegen fällt mehr mit surrealistischen Stücken auf.

Für sie ist Reisen mehr als Urlaub.

Das höchste Kunstwerk auf einer Hauswand entdeckte ich erst kurz vor meiner Abreise. Es ist eine Auftragsarbeit des Bürgermeisters an fünf Künstler von Vertigo und trägt den wundervollen Namen "Kuss der Unsichtbaren". Dieses Werk ist in sechs Tagen entstanden und soll den normalen Leuten der Stadt eine Stimme geben, die sich oft einfach unsichtbar fühlen.

Auf meinem Weg zum Flughafen nehme ich jedes Werk mit anderen Augen wahr. Caesar von Natura Travel hat mir bei der Tour durch Bogotá auf wunderbare Weise die Bilder aus der Anonymität geholt und ihnen eine Bedeutung gegeben. Sie geben der Stadt nicht mehr nur ein buntes Gesicht, eine schön anzusehende Fassade, sie schauen auch hinter die Fassade und geben in ihrer Auseinandersetzung mit dem tiefen Kern der versteckten Probleme eine wichtige Sinnhaftigkeit. Bogotá ist reich an Museen, doch das größte Museum ist die Stadt selbst, man muss nur die Augen öffnen.