Über mir kreisen Möwen. Der Duft des Schwarzen Meeres liegt in der Luft. Fast könnte ich das Meeresrauschen hören, würde ich mich ein wenig anstrengen. An diesem Sonntagmorgen ist fast niemand in den Straßen des beliebten Küstenörtchens Sozopol unterwegs.

Die faszinierende Architektur von Sozopol und Nesebar.

Eine unaufdringliche Stille macht sich breit und das Gefühl, endlich im Urlaub angekommen oder zumindest am Meer zu sein. Nur ein paar Marmeladenverkäufer haben ihre Küchentische mit leuchtenden Decken auf die Straße gestellt und bieten zur besten Frühstückszeit ihre Gläser an. "Feige" tönt es immer wieder im perfekten Deutsch von den Ständen zu mir herüber.

Überall Meer

Vor den Holzhäusern hängt Fisch zum Trocknen und zum Verkauf. Fast jeder hier geht wohl angeln. Kein Wunder, wir sind an einem Ort mit einer besonderen Lage, von drei Seiten umringt das Meer diese Stadt. Ich kann mich nicht ganz entscheiden, welchen Weg ich einschlagen soll. Egal in welche Richtung ich laufe, überall öffnet sich von dieser Landzunge der Blick auf das Meer.

Häuser im traditionellen Schwarzmeerküstenstil aus steinernen Fundamenten, Wänden aus Holz und türkischen Dachziegeln schmücken die Stadt. Kleine Kirchen aus Stein setzen Akzente. Abgesackt, weil auf osmanischem Befehl unterhalb des Straßenniveaus gebaut, fällt dabei die mittelalterliche Kirche Sveta Bogorodica auf. Doch viele Touristen zieht eine andere Kirche an. In der Hl. Brüder Kiril und Method kann man seit 2012 Überreste von Johannes dem Täufer bestaunen, die bei Ausgrabungen in der Sveti Ivan (St. Johannes) Kirche auf der vorgelagerten Insel Sveti Ivan gefunden worden waren. Kleine Knochen liegen in einer Schatulle unter Glas.

Auf den Spuren der Thraker, Byzantiner und Osmanen

Sozopol klingt als wäre es eine Wortgenerierung aus dem Sozialismus. Dabei schaut das Städtchen auf eine viel reichere Geschichte zurück. Erst kamen die Thraker, um 611 v. Chr. gesellten sich Griechen dazu und nannten die Stadt Apollonia. Eine 13 m hohe Apollo-Statue ragte gen Himmel. Diese wurde später von den Römern mit nach Rom genommen. 330 n. Chr. wurde Apollonia in Sozopol – Stadt des Heils – umbenannt. Heil und Ruhe findet man hier – und sei es, wenn man nur den Blick von einem der vielen kleinen Restaurants über das Meer unterhalb der Felsen und Wehrmauern schweifen lässt.

Umtriebiger als in Sozopol geht es da schon in dem nicht weit entfernten Nesebar zu, das wir in nur einer Stunde mit dem Tragflächenboot anfahren.

Früher wollte Madlen Brückner nach Berlin, heute in die Welt. Sie sehnt sich immer nach dem, was sie nicht hat. Das lernte sie bereits in ihrer Kindheit östlich der Mauer. Sehnsüchte wurden zur Sucht. Ihr Blog "puriy unterwegs" soll den Blick für das Andere öffnen, um die Welt bewusst zu erleben.

Mein Gefühl zu Nesebar ist ambivalent. Da ist eine Stadt, die auf eine tausendjährige Geschichte und Kultur zurückschaut. Thraker, Byzantiner, Osmanen, Griechen – alle waren hier und hinterließen ein Erbe. So ist es verständlich, dass die UNESCO diese Stadt als einzige ganz Bulgariens als "Freilichtmuseum" auf die Weltkulturerbeliste setzte. Wer nach Nesebar kommt, durchquert die 3000 Jahre alte Befestigungsmauer, die von den Thrakern erbaut und von den Byzantinern und Griechen verstärkt wurde und spürt somit gleich ein Stück Geschichte.

Aus dem Touristendorf an die Bucht

Dahinter liegen wieder zahlreiche Fotomotive: Häuser im traditionellen Schwarzmeerküstenstil und wunderschöne Kirchen aus Streifen von weißem Naturstein und roten Ziegeln. 80 dieser sehenswerten Kirchen und Kapellen gab es einst, doch nur noch wenige sind geblieben. Nesebar reizt aber auch landschaftlich: So liegt der historische Kern auf einem 850 m langen und 300 m breiten Felsvorsprung, der nur durch einen schmalen Wall mit dem Festland und der Neustadt verbunden ist.

Doch der Nachteil ist ebenso sichtbar, Touristen drängen sich durch die engen Gassen dieser viel zu kleinen Stadt, die mit Souvenirläden und Restaurants gefüllt sind. Mehr als 700 Bettenburgen sieht man in der Ferne – der berühmte Sonnenstrand liegt nur 2 km entfernt. Diese Orte bieten genug Besucher, die in der Altstadt von Nesebar Abwechslung zu einem Strandtag suchen.

Nach drei Stunden lasse ich mich an der Stadtmauer auf die Stufen fallen und blicke hinaus aufs Meer. Die Ruhe der kleinen Bucht mit bunten Fischerbooten lässt mich das Gewusel hinter den Mauern vergessen. Fischgeruch löst den Duft der Speisen aus den Restaurants ab. Eine Fähre legt ab, Möwen begleiten sie auf ihren Weg. Nirgends ist man dem Schwarzen Meer so nah wie in Sozopol und Nesebar.