Ich bin irgendwo zwischen Jaffator und Damaskustor, als über dem muslimischen Viertel der alten Stadt der Ruf des Muezzins hallt, um sich in den nächsten Minuten zu vervielfachen. Es ist das erste Mal auf meiner Reise durch Israel, dass ich dem Ruf aus dem Minarett lausche. Kurz verweile ich auf den Stufen der Mauer und schaue über das dichte Häusermeer Jerusalems, aus dem die goldene Kuppel des Felsendoms auf dem Tempelberg herausragt.

Die Davidszitadelle ist eine Festung in der Altstadt Jerusalems neben dem Jaffator.

Es sind kaum Touristen auf der Mauer, stattdessen treffe ich ab dem Damaskus-Tor immer wieder auf Militär. Unter mir spielen hinter einem Zaun Jungen und Mädchen auf getrennten Sportplätzen Ballspiele. Hin und wieder rufen sie ein paar Worte zu mir hinauf. Verhüllte Muslima laufen durch die Straßen, während sich die Männer auf Bänken sitzen und unterhalten.

Die Altstadt Jerusalems auf der Mauer zu umrunden, wirft noch einmal eine andere Perspektive auf die Stadt, die wie ein großes Puzzle anmutet.

Eingerahmt von der Stadtmauer, die Sulaiman der Prächtige erbauen ließ, liegen mir nun Teile wie das jüdische, armenische, christliche und muslimische Viertel zu meinen Füßen. Nur zusammen funktionieren sie und ergeben ein packendes Bild, das einen auch nach Tagen nicht loslässt.

Von der Zitadelle am Jaffator beginnen zwei Wege, die sich aufgrund des gesperrten Teilstücks um den Tempelberg nie treffen.

Zu den Feierlichkeiten einer Bar Mizwa wird das Schofarhorn geblasen.

Zwischen 9 und 17 Uhr lassen sich beide Wege täglich erkunden. Sollte man dies nicht schaffen, kann man das Ticket (16 Schekel, mit Wegekarte 24 Schekel) am nächsten Tag noch einmal verwenden. Am ersten Tag entscheide ich mich für den nördlichen Mauerweg zum Löwentor. Eine Stunde Zeit bleibt mir. Neben mir liegen die Dächer des lateinischen Patriarchats und des Ritter Palasts im christlichen Viertel. Ab dem Damaskustor wechselt das Straßenbild, aus dem die Minarette herausragen.

Am nächsten Tag stehe ich bereits eine viertele Stunde vor Einlass am Jaffator, um das zweite Teilstück vom südlichen Eingang anzugehen.

Mit "If it is not open, I will open it for you – Honey!" begrüßt mich der junge Mann am Einlass und winkt mich durch. Somit bin ich die erste, die heute die Mauer erklimmt, um Richtung Zionstor zu laufen. Als ich die Davidzitadelle hinter mir lasse, ist es ein stetes Auf und Ab an Treppenstufen am armenischen Viertel mit der Armenischen Akademie und dem Armenischen Museum vorbei. Orthodoxe Männer mit schwarzem Mantel und Hut, unter dem die dunklen Schläfenlocken herausschauen, huschen eilig durch die Straßen, wo ich mich im Müßiggang übe.

Am Zionstor wird gerade Bar Mizwa eines 13jährigen Jungen gefeiert. Von weitem höre ich schon das Schofarhorn. Es wird musiziert und getanzt. Mit dieser feierlichen Zeremonie, zu der die Jungen und Mädchen Gebetskleidung tragen und einen Abschnitt aus der Thora vorlesen, sind sie nach den religiösen Gesetzen des Judentums erwachsen.

Die Klagemauer stellt die frühere Westmauer des Plateaus des zweiten Jerusalemer Tempels dar, der sich an dieser Stelle befand - und ist heute eine religiöse Stätte des Judentums.

Vom Zionstor wird der Weg auf der Mauer noch etwas fordernder und der Blick fällt eher auf das, was vor den Mauern der Altstadt liegt. Die Dormitio Abtei ragt hier heraus, wo sich auch der Raum des letzten Abendmahls und Davids Grab befindet.

Wo ich auf der Mauer nicht weiterkomme, bedarf es einer extra Anstrengung. Ich bin gewillt, die Mauerlücke zu schließen und begebe mich am frühen Morgen zum Tempelberg. Nach all dem, was ich zuvor über den Tempelberg mit seinem Felsendom und seiner al-Aqsa-Moschee gehört hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich mir diese heilige Stätte zumindest von außen ansehen sollte. Unser Guide riet immer wieder vehement ab. Eine zu lange Schlange würde mich erwarten. Und außerdem müsste ich da am frühen Morgen erst mal hinkommen. Mit langem Kleid und Tüchern bedeckt betrete ich gegen 7.30 Uhr das arabische Viertel durch das Damaskustor, um geradezu auf die Klagemauer zuzusteuern. Es ist ein sehr intimer Moment, in dem sich die Gläubigen mit Tränen in den Augen in das Zwiegespräch mit Gott begeben und kleine Zettel in die Ritzen der Mauer stecken. Ich stelle mich an die Seite, um die Atmosphäre aufzusaugen und schnell fällt mein Blick auf eine zweite Mauer, die Frauen von Männern trennt. Auf Stühlen kann man diese Teilung überwinden und auch ich kann dem Angebot des Stuhls nicht widerstehen, um auf die Männer herabzuschauen, die an die Klagemauer eilen.

Felsendom, Klagemauer, Grabeskirche: Auf Besuch in der prächtigen Altstadt Jerusalems.

Ich verlasse den Bereich und laufe über die dominante Brückenkonstruktion hinüber zum Tempelberg. Zuvor muss ich noch kurz meinen Pass zeigen. Als ich durch das Marokkotor den Tempelberg erreiche, legt sich eine morgendliche Ruhe über die Stadt. Vor mir thronen der märchenhaft schöne Felsendom und rechts davon die al-Aqsa-Moschee. Ein paar Muslime sitzen unter den Bäumen – unterhalten sich oder lesen. Nur eine deutsche Reisgruppe ist sonst noch hier. Über dem Gassengewirr der Altstadt habe ich hier meine Ruheoase gefunden. Vögel zwitschern, kleine Frauengruppen überqueren in Zeitlupe den Platz während im Schatten der Bäume ältere Männer einen Plausch halten. Von allen Seiten beschaue ich mir das vermutlich bekannteste Wahrzeichen Jerusalems, den Felsendom, der für die Gläubigen die Stelle von Mohammeds Himmelfahrt und zugleich die Stelle, in der Abraham seinen Sohn Issak opfern wollte, markiert.

Die lange Schlange und die vorhergesagte Gängelei war eine Mär. Ein wenig übermütig versuche ich noch, Einlass in den Felsendom zu bekommen. Mit "only Muslima" werde ich schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Früher wollte Madlen Brückner nach Berlin, heute in die Welt. Sie sehnt sich immer nach dem, was sie nicht hat. Das lernte sie bereits in ihrer Kindheit östlich der Mauer. Sehnsüchte wurden zur Sucht. Ihr Blog "puriy unterwegs" soll den Blick für das Andere öffnen, um die Welt bewusst zu erleben.

Ich kehre durch das zurück in die Stadt, durchquere die lebhaften Souks, in denen sich der Glaube im Geschäft verliert. Schließlich kehre ich zurück zu dem Ort, der unter einem Dach auf zwei Etagen mehr als 30 Kirchen verschiedener Konfessionen hütet – die Grabeskirche. Russische Frauen legen sich auf den Salbungsstein, auf dem Jesus Leichnam gesalbt wurde, nieder, rubbeln ihre Tücher und Jacken daran, um diese zu weihen. Immer wieder küssen sie den Stein. Überall um uns herum wird gebetet. Es sind die Momente, in denen sich die Gläubigen in der Nähe von Jesus’ Grab in der Grabrotunde völlig befreit zeigen.

Als ich durch das Jaffator die Altstadt verlasse, atme ich ein Stück frisches Jerusalem ein. Was hinter den Mauern ist, fordert permanent. Es ist der Sound einer Stadt, der mir meist nach einer Reise in Erinnerung bleibt. Doch Jerusalem ist eher leise. Selbst an der Klagemauer dominieren nicht die Töne, sondern die Bilder. Und immer wenn ich ein Bild von Jerusalem erfasst habe, glaube, die Stadt begriffen zu haben, wird dieses im nächsten Moment überschrieben. Jerusalem ist ein Dauerrauschen, das erst mit genug Abstand ein Bild ergibt.