Der westliche Zipfel der Bretagne heißt auf französisch "Finistère", Ende der Erde. Die Bretonen nennen diese Region "Penn ar Bed", Anfang, oder Spitze der Welt. Klingt schon mal viel positiver als Ende.

Abalone Zucht bei Lilia: In der ökologischen Meerohrenfarm wachsen Millionen winziger Meerohren in Meerwasserbehältern heran.

Wie der Kopf eines Drachen streckt sich die wild zerklüftete westliche Spitze der Bretagne wagemutig hinaus in den rauen Atlantik. Windzerzauste Heide im Inneren und eine einmalig abwechslungsreiche, von Meeresbrandung und gewaltigen Gezeiten aus Granit geformte Küste bestimmen die Landschaft. Immer wieder wird die Dramatik aufgelockert durch kleine Fischerstädtchen, Sandstrände oder Dünen.

Das Meerohr, eine Delikatesse

"Da vorne, eine Robbe", die nette Französin zeigt Richtung Meer. Einfach ist es nicht, den kleinen Kopf in den vom Sturm aufgewühlten Wellen zu finden. Wir sind gerade erst mit der Fähre von England nach Frankreich rüber gekommen. Ich stehe am Strand von Brignogan, atme die salz- und gischtgeschwängerte Luft in tiefen Atemzügen ein und genieße die Massage des Sturms.

Hummerreusen in Le Conquet: Die Hummerreusen im Hafen von Le Conquet warten darauf, im bretonischen Meer zum Einsatz gebracht zu werden.

Odile ist Meeresbiologin, sie will uns die oft fälschlicherweise als Muschel bezeichnete Schnecke "grünes Meerohr", auf Französisch "l'Ormeau", in ihrem Lebensraum zeigen. Bisher kannten wir nur die edel perlmuttschimmernden ovalen Schalen dieser Schnecke, mit dem Tier haben wir noch keine persönliche Bekanntschaft gemacht.
Kein Wunder, das Meerohr wohnt weit draußen, wo die Brandung permanent die mächtigen Felsen umspült. Ich traue mich ohne fachkundige Begleitung nicht so weit hinaus in das Felsenmeer denn ich habe Angst, dass mir die Flut den Rückweg abschneidet.

Bei Ebbe laufen wir mit kurzen Hosen und rutschfesten Strandschuhen ausgerüstet, hinein in das Felslabyrinth. Schon bald klettern wir mehr als wir gehen, bis wir den Lebensraum des Meerohrs erreichen. Bis zu den Oberschenkeln im Wasser stehend, fühlen wir unter den Felsen nach den flachen Tieren. Mindestens 9 cm muss der Durchmesser der Schale betragen, dann darf die Schnecke "geerntet" werden und landet als begehrte Delikatesse auf dem Teller. Wir finden einige kleinere Exemplare, welche erst in ein paar Jahren weichgeklopft, mit Knoblauch und Butter in einer französischen Pfanne landen werden. Jetzt dürfen sie erstmal Fotomodell für mich spielen. Während ich mit Fotografieren und Filmen der Meerohren beschäftigt bin, zieht Odile mit unseren Kindern weiter, die springen flink wie Wiesel über die Felsen.
Viel zu schnell kehrt das Meer zurück, die Flut scheucht uns wieder auf den Sandstrand. Den erwachenden Hunger stillen wir mit frischem Baguette und Käse, was uns hier in der Bretagne am allerbesten schmeckt.

Ökologische Meerohrfarm

Menhire in Camaret

Aber es geht auch einfacher. Wir besuchen die wenige Kilometer westlich von Brignogan entfernte ökologische Meerohrenfarm von Sylvain Huchette.
Millionen winziger Meerohren wachsen hier in Meerwasserbehältern heran. Nach einem Jahr in den Zuchtboxen, werden die Jungtiere für weitere 2-3 Jahre im Atlantik versenkt und ausschließlich mit frisch geerntetem Seetang gefüttert. Die Mitarbeiter der Meerohrenfarm reinigen regelmäßig die Käfige und versorgen die Tiere mit frischem Tang. Kaum sind die Meerohren erwachsen, endet ihr kurzes Leben in den europäischen Gourmet-Restaurants. Die Wildbestände der Schnecken können sich etwas erholen.

Französische Rohkost-Cuisine am Strand

Leuchtturm Phare d'Eckmühl: Der Phare d’Eckmühl wurde neben zwei älteren Leuchttürmen im Dorf Saint-Pierre erbaut. Er ist mit 60 Metern Höhe iner der höchsten Leuchttürme Europas.

An den bretonischen Stränden finden sich immer Ansprechpartner. Anfänglich hinderten mich meine rudimentären Sprachkenntnisse daran, die mit Stöcken, Keschern und Schaufeln bewaffneten Bretonen anzusprechen, bis ich meine Neugierde nicht mehr unterdrücken konnte.
Das Fragen nach dem Inhalt ihrer Körbchen beinhaltet ein gewisses kulinarisches Risiko: einmal musste ich aus Höflichkeit eine fangfrische, lebendige Auster schlürfen, ein anderes Mal eine Garnele roh verspeisen. Und als Nachspeise gab es Tang, das ist salziger Meeresgeschmack pur.

Oceanopolis in Brest

Es regnet, doch der Regen erreicht kaum den Boden, horizontal fliegen uns die Tropfen nur so um die Ohren. Zeit für ein Kontrastprogramm. In der Hafenstadt Brest besuchen wir Europas größtes Aquarium, das Oceanopolis. Einen ganzen Tag streiften wir mit unseren staunenden Kids durch die ausgedehnte Anlage mit den unzähligen Meeresbecken.

Kalvarien, Kirchen und Megalithen

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Am Ende der Welt?

Der westliche Zipfel der Bretagne heißt auf französisch "Finistère", Ende der Erde. Die Bretonen nennen diese Region "Penn ar Bed", Anfang, oder Spitze der Welt. Klingt schon mal viel positiver als Ende.

Freunde bretonischer Kultur entdecken im Finistère Kalvarienberge, Kirchen und Megalithen. Die oft in strenger Einfachheit gehaltenen Kirchen, ragen massiv, und trotzdem mit verspielt durchbrochenen Türmen und bedrohlichen Figuren dekoriert, hoch hinauf in den Himmel. In St. Pol-de-Léon kommen wir an der Kathedrale vorbei, deren offenstehendem Portal wir nicht widerstehen können. Beim Eintreten ist es schlagartig ruhig, der Lärm der Autos, das lebendige Gewusel der Stadt, alles ist wie abgeschnitten. Stille ist der erste Eindruck. Doch von irgendwo her hört man leise, meditative Kirchenmusik vom Band, es riecht etwas muffig und feucht, die Menschen bewegen sich andächtig, flüstern nur, zünden Kerzen an. Es ist eine magische Welt mit den Bildern der farbenfrohen Fenster, den biblischen Gemälden und den in Granit gemeißelten Figuren, Säulen und Ornamenten.

Die Kalvarienberge mit ihren biblischen Szenen sind Wahrzeichen der Bretagne. Die in Stein gemeißelten fantastischen Ungeheuer und Teufel sind immer noch furchteinflößend. Das war wohl auch ihr Zweck, den Kirchenschäfchen Angst vor der Verdammnis einzutrichtern. Zusammen mit unseren Kindern können wir diese Kavlarienberge stundenlang betrachten.

Aber auch weltliche Bauwerke ziehen uns immer wieder in ihren Bann: die Leuchttürme.

Pointe du Van

Dramatisch streckt sich im Nordwesten der höchste gemauerte Leuchtturm der Welt den Wolken entgegen: der Phare de l'ile Vierge. Er misst fast 83 Meter und ist nur per Boot erreichbar. Im Inneren des Phare de l'ile Vierge windet sich die Treppe freischwebend an der gekachelten Innenwand entlang in schwindlige Höhen hinauf. "Uhh, ich habe Angst!" unsere Tochter traut der Architektur der spiraligen Treppe nicht. Wir schaffen es schließlich trotz aller Ängste nach oben, und von da an ist die erste Frage bei Sichtung eines Leuchtturms: "Können wir da auch hoch?" Außer Puste und mit leichtem Drehwurm treten wir hinaus auf die Balustrade, da nimmt uns die Aussicht direkt noch einmal dem Atem. Von der Höhe blickt man weit über die wilde von Felsen durchsetzte Küstenlandschaft.
Westlich des Phare de l'ile Vierge kommen wir über kleine Küstenstraßen an tief eingeschnittenen Flusstälern, den Abers vorbei. Sandstrände und Dünen wechseln sich mit felsigen Abschnitten und Steilküsten ab. Im Hafen von Le Conquet, einem ehemaligen Piratennest, entladen Fischer ihren Fang, blaue Hummerfangreusen bestimmen das Bild in den Hafengassen. Südlich des Ortes fällt der weite Blick auf eine hoch auf den Klippen thronende Klosterrruine. Und da, rote und weiße Farbe zwischen den grauen, alten Mauern, mittendrin ein weiterer Leuchtturm, der Phare St. Mathieu. Auf der Klippenspitze gebaut, bietet er trotz nur 37 Meter Höhe einen grandiosen Panoramablick.

Tags darauf verschwindet der Leuchtturm im dichten Nebel und wir fahren ein paar Kilometer weiter entlang der Küste Richtung Brest. Über eine unscheinbar abzweigende Landstraße erreichen wir den Phare Petit Minou, der, da militärisches Sperrgebiet, leider nicht für Besichtigungen geöffnet ist. Auf dem Küstenwanderweg entlang der Klippen genießen wir nicht nur den Blick zum Leuchtturm und zur Bucht, etliche Eidechsen und Blindschleichen wärmen sich lässig in der Sonne.

Die beiden Fotografen waren schon lange vor ihrer Familiengründung ein reisebegeistertes Team. Sind die Reicherts zwischen ihren Touren daheim, geben die beiden auf ihrem Blog "5 Reicherts" Tipps zur Kameratechnik und Anregungen für die Reisefotografie.

Weiter im Süden stürmt es, und der Aufstieg zum Phare d'Eckmühl in Penmarch bleibt uns erst einmal verwehrt. Doch das Sturmwetter ist ideal, um am nahegelegenen, weitläufigen Plage de la Torche, die Surfer auf den hohen, langgezogen brechenden Wellen reiten zu sehen.

Am Leuchtturm verschlägt es uns am nächsten Tag später buchstäblich den Atem. Der Sturm hat tonnenweise Tang auf die Felsen geworfen, welcher nun in der Sonne mit intensivem modrig meerigem Duft vergammelt. Wir zwirbeln uns wieder über eine freischwebende Treppe nach oben, ähnlich wie im Phare de I'lle Vierge, und können in der böig frischen Luft wieder aufatmen.

Auch zurück am Leuchtturm Pontusval in Brignogan stürmt es jetzt. Die Ausflüge mit Odile und ihren Freunden brachten uns nicht nur Wissen, sondern auch kulinarische Erfahrungen. Gemeinsam und typisch französisch, verspeisen wir in zahlreichen Gängen unsere Beute, dazu noch Hummer und Seespinnen, und danach Käse und Brot. Unser Lachen ist sicher bis zum Strand zu hören. Hier in Finistère, da fühlen wir uns wohl, wo wir mit echten Bretonen im Watt müde und hungrig werden und dann gemeinsam den Tag mit Meeresfrüchten und Wein ausklingen lassen.

Fahren und Unterkunft

Wir sind fast immer mit unserem Wohnmobil und den drei Kids in der Bretagne unterwegs. Neben den regulären Campingplätzen gibt es ein gut ausgebautes Netz von Servicestationen und günstigen, oft auch kostenlosen Stellplätzen (Aire de Camping-Cars). Das lädt geradezu ein, einfach drauf los zu fahren und am Meer zu übernachten, wo es am schönsten ist.

Weitere Sehenswürdigkeiten im Finistère:

Die Altstadt von Roscoff
Das fantastische Felsenmeer zwischen Meneham und Neiz-Vran
Das Fischerstädtchen Camaret-sur-Mer, mit Pointe de Penhir und den Grotten von Morgat
Die beiden Felsenkaps Pointe du Raz und Pointe du Van der Halbinsel Sizun
Die Calvarie von Notre-Dame de Tronoën beim Plage de la Torche
Die Sandstrände am Pointe de Trevignon
Die Steilküste bei Port Manech