Wie eine Raupe in ihren Kokon liege ich eingerollt in meinem Schlafsack in einem der sechs Triple-Stockbetten. Seit drei Stunden starre ich aus der kleinen Öffnung in die helle Vollmondnacht. Zwei Sterne leuchten am Himmel. Wieder huscht ein Schatten durch den Schlafsaal, etwas später höre ich die Klospülung. Dieses Geräusch begleitet mich nun seit wir uns um 18.30 Uhr zum Schlafen gelegt haben und lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Nervosität und Anspannung sind deutlich zu spüren, nicht nur bei mir, sondern bei jedem hier.

Die Besteigung des Vulkans ist anstrengend und wunderschön zugleich.

Um 22 Uhr greifen wir scheinbar erleichtert im Schein unserer Stirnlampen zu unseren Sachen. Jeder Handgriff sitzt. Noch einmal wird der abends gepackte Rucksack gecheckt: zweite Jacke, Sonnencreme, Sonnenbrille, Gatorade, Snickers, Energiegels, Apfel, Thermoskanne mit warmem Tee, Wasser, Steigeisen, Eisaxt und Wanderstock. Es herrscht eine emsige Stille während wir im Speiseraum fast meditativ unsere Marmeladenbrote kauen.

Kurz vor 23 Uhr bewegt sich unser Geländewagen von Gulliver Expedition vom Basislager La Rinconada Richtung Cotopaxi. Erst jetzt ist mir klar, dass ich es machen werde. Zu schön leuchtet der Berg aus der idyllischen Vulkanstraße heraus, einer der höchsten aktiven Vulkane der Welt. Und schließlich habe ich ein mehrtägiges Akklimatisierungsprogramm absolviert.

Als wir 45 Minuten später auf dem 4600 m hoch gelegenen Parkplatz unterhalb des Cotopaxi stehen, setzt sich mein Wille durch und ein Automatismus ein, als wäre es nicht mein erster Berg solchen Formats. Wir haben Glück mit dem Wetter, meint unser Bergführer José. Im hellen Mondschein sehen wir sehr deutlich unser Ziel, den schneebedeckten Gipfel. Es soll noch 9 Stunden dauern, bis ich ihn erreichen werde. Der aktuelle Rekord am Berg liegt bei 1,5 Stunden für Auf- und Abstieg.

Unsere kleine Gruppe setzt sich zunächst durch ein steiles Geröllfeld im Gang, nach 45 Minuten erreichen wir auf 4800 m das alte Basislager, das sich aktuell im Bau befindet. Aus allen Nischen der offenen Baustelle sieht man gedämpftes Licht der Stirnlampen. Der erste Stopp ist erreicht. Schweigend lasse ich mich an der kühlen Außenwand des Baus nieder. Ich bekomme keinen Happen runter, stattdessen starre ich auf den Berg. Kleine Lichter setzen sich in Gang und ziehen eine Schlängellinie im Dunkel der Nacht. Diesen muss ich nur folgen. Ich bin mental total bei mir – merke weder Kälte, Schmerzen noch Hunger.

Früher wollte Madlen Brückner nach Berlin, heute in die Welt. Sie sehnt sich immer nach dem, was sie nicht hat. Das lernte sie bereits in ihrer Kindheit östlich der Mauer. Sehnsüchte wurden zur Sucht. Ihr Blog "puriy unterwegs" soll den Blick für das Andere öffnen, um die Welt bewusst zu erleben.

Weitere 45 Minuten durch das unwegsame Geröllgelände folgen, bis der Augenblick erreicht ist, von dem uns viele Tagesausflügler bisher berichteten. Eis löst das Geröll ab. Steigeisen werden unter die Schuhe gebunden, die Eisaxt in die linke Hand und der Wanderstock in die rechte Hand genommen. So marschieren wir im Rhythmus einer Dreier-Seilschaft durch das Eis.

Nach nicht einmal einer weiteren Stunde legt sich der Schalter in meinem Kopf um. Von einem sehr hellen, klaren Zustand, falle ich in einen nicht zu bändigenden Schlafzustand. Ich versuche zunächst stillschweigend gegen meinen Körper anzukämpfen, doch schnell merke ich, dass ich diesen Kampf verlieren werde. Ich verliere die Gewalt über meinen Kopf und meinen Körper, falle in einen Zustand der der Einnahme einer Schlaftablette gleicht. Ich habe mit allem gerechnet, nur nicht mit solch einer Müdigkeit. Ich komme nicht umher, meinem Freund anzuzeigen, dass ich Umkehren muss. Doch er reicht mir ein Energiegel und meint, ich solle weitergehen. Ich schalte meinen Kopf aus und laufe fremdgesteuert die nächste Stunde mit festem Blick auf Josés Waden. Wir wechseln französischen Stil mit Krätschschritt ab. Gruppen holen uns ein, wir sind sehr langsam unterwegs. Es geht immer 45 bis 60 Grad bergauf, Pausen muss man sich suchen. Das Powergel verliert seine Wirkung. Wieder reicht mir mein Freund Energieriegel-Nachschub und Coca-Tee aus meinem Rucksack. Wir hocken in einem Eisvorsprung geschützt vom kalten Wind. Eine andere Gruppe spricht vom Aufgeben. Ich will weiter – mindestens auf 5500 m.

Das nächste Stück wird noch steiler. Die Krätsche geht hier mit meinem verletzten Knöchel nicht mehr. Wir überschreiten Gletscherspalten, immer wieder müssen wir Balance halten, um nicht am Bergrücken abzurutschen. Und schwanke ich doch im Wind, spüre ich Josés schnellen Zug am Seil. Ich habe Respekt vor seiner Arbeit. Jeden Moment muss er 100% wach sein. In seinen Händen liegt unser Erfolg und irgendwo – pathetisch gesagt – auch unser Leben.

Die nächsten Stunden sind monoton. Immer wieder sehe ich einen neuen Anstieg, der sich nach einem eben Bezwungenen vor mir auftut. Ich spüre den Mond im Nacken. Zu sehr haftet mein Blick auf Josés Schritte. Um 5 Uhr legt sich ein glutroter Streifen über den Horizont im Osten. Und etwas nördlicher unter dem Streifen glitzern die Lichter von Quito. Was für eine wahnsinnige Aussicht! Was für ein Moment! Doch ich schaue immer nur kurz nach links, um nicht vom Weg abzukommen. Kein Stehenbleiben, kein mühsamer Griff an den Rucksack, um die Kamera herauszuholen. Das Handy hat sich aufgrund der Kälte längst ausgeschaltet. Ich sollte jetzt und hier stoppen und diesen Augenblick festhalten und genießen. Doch das Glitzern der Lichter über Quito wird nur ein Gedanke, eine Erinnerung bleiben. Wir sind auf 5500 m – 397 m sind noch zu bezwingen, und die haben es sich in sich.

Der Wind zieht an, weht eisig in die offene Luke meiner Schlitzkappe. Es wird hell. Wieder und wieder schaltet sich mein Kopf ab. Wieder und wieder schlucke ich Coca-Tee und Powergel. Um 7.30 Uhr kommen uns Gruppen auf ihren Rückweg entgegen. Ich bin frustriert. Noch 1,5 Stunden prophezeit uns ein befreundeter Guide. Es werden die schlimmsten 1,5 Stunden. Das, was mich die ganze Zeit am Gehen hielt, schiebt mich nicht mehr an – mein eigener Wille. Vor uns tut sich ein Feld mit Tiefschnee auf, das wir am Steilhang durchstapfen müssen. Plötzlich schaltet sich auch mein Körper aus. Ich kann meine Beine nicht mehr anheben. Mein Freund fragt, ob ich umkehren will. Ich will, 5500m sind längst geschafft, der Sonnenuntergang auf dem Gipfel hat ohne uns stattgefunden. José kommt meiner Antwort zuvor: "1,5 Stunden, das schaffst Du!". Ich höre mich sagen: "Das schaffe ich, aber ganz langsam!" Ich halte nach jedem dritten Schritt – schnaufe, kämpfe.

Nach dieser Passage sehen wir einen weiteren steilen Gipfel. Ich bin am Ende. Da klopft mir José auf die Schulter: "Das ist er." Ich spüre meine Finger nicht mehr, durch zwei Schichten dicker Handschuhe hat sich der eisige Wind durchgearbeitet. Ich denke an das, was ich in unzähligen Foren las. An dieser Stelle geben viele auf. Ich sage José zum ersten Mal das, was ich am Berg zig Male gedacht habe, aber erst jetzt aus mir herauskommt: "Ich kann nicht mehr!" "Are you sure?", versichert er sich. Ja, natürlich bin ich mir sicher. Kalte Finger wollte José nicht als Umkehrgrund gelten lassen. Ich solle meine Hände kräftig gegen meine Beine schlagen. 60 % Neigung – 1 Stunde – Come on! Noch einmal schiebe ich mir das dickflüssige, süße Zeug in meinen Mund. 100 Höhenmeter vom Ziel entfernt.

Langsam schießt das Blut wieder in meine Finger, mein Körper fühlt sich zum Zerbersten an. Ich trabe behutsam an. Kurz vor 9 Uhr erreichen wir den Gipfel. Ich werfe mich auf den Boden. "Ich will schlafen, ich will schlafen, ich will schlafen." Quito befindet sich im Schatten der Wolken, die sich langsam um die Berge geschoben haben. Die Aussicht ist nicht mehr optimal. Mein Körper fühlt sich noch weniger optimal. Ich spüre nichts, gar nichts während mein Freund neben mir Tränen in den Augen hat. Ich starre in die Wolkendecke unter mir. Kurz vor unserem Abstieg gehe ich noch ein paar Schritte auf dem Gipfel. Irgendwo da drüben ist der Chimborazo, und dort der Rumiñahui. Auf dem Weg nach unten fällt mir ein, dass ich doch eine Caldera hätte sehen müssen. Ich frage meinen Freund, wo die denn war. Irgendwo in den Wolken, beruhigt er mich.

Am Parkplatz angekommen drehe ich mich um und schaue zum Gipfel hinauf. Plötzlich kehren die Gefühle zurück. Da oben war ich vor drei Stunden – ein kleiner Punkt im Eis, den es jetzt ganz warm ums Herz wird. Erschöpft sinke ich auf die Rückbank unseres Autos. Das war der körperlich anstrengendste Kampf meines Lebens und ich habe ihn fast verschlafen!