Ich mag Island wirklich! Mehrmals habe ich dort schon meinen Urlaub verbracht, bin mitten im Winter mit dem Geländewagen unterwegs gewesen und habe meine Töchter vor dem Bad im kochend heißen See bewahrt. Aber diesmal wollte ich gar nicht nach Island. Dieses mal bin ich unfreiwillig für ein paar Tage hier.

Ich sollte eine Fernsehdokumentation über die Auswirkungen der globalen Klimaerwärmung auf das Leben in Grönland machen. Für Kay, den Kameramann, Marion, die Assistentin und für mich waren Flüge von Berlin über Reykjavik nach Kulusuk gebucht.

Der erste Teil der Reise lief perfekt und pünktlich. Knapp viereinhalb Stunden Flug von Berlin bis zum Flughafen Keflavik, rund 50 Kilometer westlich der Hauptstadt Reykjavik auf einer Halbinsel im Nordatlantik. Am nächsten Tag sollte es vom alten internationalen Flughafen, der mitten in der Stadt liegt, zur Ostküste von Grönland gehen. Eine Nacht im Hotel also und Weiterflug an frühen Vormittag. Unser Hotel war geschickt gebucht: direkt am Rande des Flughafens Reykjavik.

Der Flug ist abgesagt – wir sind in Island als Gast der Airline

Überpünktlich stehen wir am Check-In-Schalter von "Air Iceland". Diese Airline bedient vor allem die Strecken innerhalb Islands, und nach Grönland.

Geflogen wird mit modernen, zweimotorigen Propellerflugzeugen, die speziell auf die manchmal harschen Bedingungen hier oben im Norden abgestimmt sind.

Erstaunlich: am Schalter der "Air Iceland" stehen wir ganz alleine. Keine anderen Fluggäste heute? Schnell klärt sich die Situation. Eine junge, überaus attraktive Dame kommt auf uns zu und fragt, worauf wir warten würden. Nun ja, auf unseren Flug nach Kulusuk natürlich. Der aber, so erklärt sie, ist abgesagt, da das Wetter am Zielflughafen so schlecht ist, dass eine Landung zu gefährlich wäre.

Wortreich entschuldigt sie sich dafür, dass man uns nicht benachrichtigt hat und notiert sich unsere Zimmernummern im Hotel (das ohnehin zur Fluggesellschaft gehört). Wann es den nächsten Flug in Richtung Nordwesten, nach Kulusuk gibt, weiß sie natürlich nicht. Vielleicht morgen, vielleicht in ein paar Tagen. Man würde uns am Vorabend des (wahrscheinlichen) Abflugs rechtzeitig Bescheid geben.

In Island sein und im Hotel die Zeit totschlagen? Das geht für mich gar nicht! Zurück im Hotel haben wir innerhalb weniger Minuten einen Mietwagen und als wir uns in Richtung Osten auf den Weg machen, fühle ich mich ein bisschen wie ein Reiseleiter. Marion und Kay waren zuvor noch nie in Island. Denen werde ich es zeigen ...

Vier Tage später, wir waren rund 500 Kilometer über die Insel gefahren: Um sechs Uhr am Morgen klingelt das Telefon in meinem Hotelzimmer. Abflug um 10:00 Uhr, Einchecken um 08:00 Uhr. Ich wecke die beiden anderen. Die heftigen Schneefälle in Ostgrönland scheinen nachgelassen zu heben, die Maschine ist startbereit und schon einige Minuten vor zehn heben wir vom Stadtflughafen Reykjavik ab, drehen in Richtung Westen und sind endlich unterwegs ins ewige Eis.

Mit unserer Kamera im Cockpit

Schon bei der Buchung unserer Flüge hatten wir mit "Air Iceland" vereinbart, dass Kay, unser Kameramann, im Cockpit filmen darf. Ganz besonders die Landung in Kulusuk auf Video zu haben, ist wichtig für uns. Das O.K. der Fluggesellschaft war eigentlich so etwas wie ein Deal: unser Kameramann darf zu den Piloten, dafür mussten wir versprechen, das Flugzeug in unserem Film auch von außen zu zeigen. Warum nicht? Eine Hand wäscht die andere ...

Nach gut eineinhalb Stunden taucht die Küste Grönlands vor uns auf. Ganz anders als erwartet, liegt die riesige weiße Fläche in strahlendem Sonnenschein. Doch wir sollten uns nicht zu früh freuen, sagen die Piloten, manchmal ändert sich das Wetter hier in Minuten. Und genau aus diesem Grund wollen sie aus Kulusuk auch so schnell wie möglich wieder weg.

Der Anflug erfolgt nach Sicht und ohne jede Hilfe des Autopiloten. Der Wind kommt genau von vorn. Perfekt für eine weiche Landung auf der relativ kurzen Piste. Mit einem leichten Ruck setzen wir auf und sofort hört man die Kieselsteine und Schotterbrocken gegen den Rumpf des Flugzeugs prasseln. Asphaltiert ist hier nichts. Das auf einer Insel gelegene Kulusuk ist für uns nur ein Umsteige-Flughafen. Wir wollen weiter nach Tasiilaq, der größten Stadt an der Ostküste Grönlands. Gut 25 Kilometer, die wegen des Pack- und Treibeises nicht mit einem Boot zurückgelegt werden können. Der Hubschrauber wartet schon.

Ich glaube, dass wir hier die schnellste Passkontrolle der Welt erleben – unser Gepäck wird draußen schon in den Helikopter umgeladen. Schnell noch in den winzigen Duty-Free-Shop für ein paar Flaschen Wein, und schon Minuten später sitzen wir in einem Hubschrauber der "Air Greenland". Das sprichwörtliche "Sardinendosengefühl" stellt sich ein. 12 Passagiere und zwei Piloten sitzen in der Maschine von Typ Bell-212. Dicht gedrängt hängen wir auf den drei Sitzbänken, hinter uns das Gepäck.

Anflug auf die Eispiste

Unser Blogger wagt sich in Kleinflugzeuge und Hubschrauber, um sein Ziel in Grönland zu erreichen.

Und es wurde ein großartiger Flug mit freier Sicht auf Eisberge, Packeis, tiefblaues Meerwasser und auf Tasiilaq, unser Ziel. Wie gut, dass Kay mit seiner Kamera einen Fensterplatz ergattern konnte! Gut 15 Minuten Flug unter dem knatternden Rotor, dann senkt sich die Maschine langsam auf das Helipad am Rande der Hauptstadt Ostgrönlands. Das Fahrzeug vom Hotel wartet auf uns und nach einer kurzen Fahrt zwischen meterhohen Schneewällen und über vereiste Wege stehen wir nach kaum 10 Minuten in der kuschelig warmen Lobby an der Rezeption. Das Feuer im Kamin prasselt, das Einchecken dauert keine zwei Minuten und wir haben unsere Zimmer.

Eine Stadt mit rund 2.000 Einwohnern – davon fast 400 in schulpflichtigem Alter

Von meinem Fenster aus kann ich die ganze Stadt Tasiilaq überblicken. Mit gut 2.000 Einwohnern ist der Ort die größte Siedlung in Ostgrönland. Es gibt eine moderne Schule, ein Krankenhaus, zwei Supermärkte und zwei Kneipen. Außerdem ist hier der Sitz der grönländischen Postverwaltung, die von Tasiilaq aus Sammlerbriefmarken in alle Welt verschickt. Ganz unten liegt der kleine Hafen, der jetzt, im Mai, völlig zugefroren ist. Dahinter der gut acht Kilometer ins Land hineinführende Kong Oscars Fjord.

Am nächsten Morgen sind wir mit Dines verabredet. Er ist Mitte 30, hier in Tasiilaq geboren und damit ein Inuit, ein "Östlicher Eskimo". Seinen Lebensunterhalt verdient er vor allem als Hundeschlitten-Führer und Jäger. Ihn wollen wir am nächsten Tag auf die Jagd begleiten. Bis vor ein paar Jahren, so erzählt der Grönländer, gab es hier in der Region noch Eisbären.

Erschossen hätte er noch nie einen, höchstens mal mit Schüssen in die Luft vertrieben. Ihr Fleisch würde nicht besonders gut schmecken und für ihr Fell würde sich hier niemand mehr interessieren, da es ohnehin nicht legal verkäuflich wäre. Hier in der Region wären Robben immer die wichtigste Beute für die Bären gewesen. Jetzt nicht mehr, denn die meisten Robben sind in Richtung Norden, in kältere Regionen gezogen, wo die Eisdecke tragfähiger ist und wo es mehr Fische gibt, als hier in der Gegend. Die Bären natürlich hinterher.

Dines sagt, dass es hier in der weiteren Umgebung noch kleinere Robben, wie zum Beispiel Seehunde gibt. Größere Tiere, vor allem Walrosse sind in den letzten Jahren in Richtung Norden gezogen. Morgen geht es also an einem rund 15 Kilometer westlich gelegenen Fjord auf Robbenjagd.

Anders als zum Beispiel in Kanada, wo in manchen Jahren mehrere Hunderttausend Tiere, die zwischen wenigen Tagen und ein paar Wochen alt sind, nur wegen ihres Fells getötet werden, zählt das Fleisch der Robben für die Grönländer zu den wichtigsten Nahrungsmitteln. Zudem dürfen Robben nicht systematisch erschlagen werden sondern müssen fachgerecht gejagt werden. Das Fell der Tiere ist wichtigster Grundstoff für warme Winterkleidung in allen Teilen Grönlands. Jungtiere werden nicht getötet.

Tageslicht von 03:00 bis 22:00 Uhr

Am Morgen um vier Uhr steht Dines mit einem Freund und seinem Lastwagen vor der Tür unseres Hotels. Auf der Ladefläche drei Schneemobile, die hier und anderswo in der Welt auch als "SkiDoo" bezeichnet werden. Daneben ein Anhänger auf Kufen und ein Boot. Die Sonne ist schon vor über einer Stunde aufgegangen, hängt aber ganz niedrig über dem Horizont. Sonnenuntergang wird nicht vor 22 Uhr sein. Tageslicht für noch rund 18 Stunden bedeutet das – wobei, so richtig hell ist es noch nicht, mehr so ein hellgraues, diffuses Leuchten am Himmel.

Alles um uns herum ist klar zu erkennen. Die Schneemobile werden abgeladen, an das größte wird der Anhänger angehängt. Mit ein paar Zurrgurten wird das Boot und der Außenbordmotor auf dem Hänger befestigt.

Mikael, so heißt der Freund von Dines, fährt das große SkiDoo mit dem Hänger, auf dem blauen sitzen Dines, der hoffentlich weiß, wo es lang geht und Kay mit seiner Kamera. Das rote Gerät ist unseres. Marion sitzt hinten, ich fahre den Motorschlitten. Gelernt habe ich das in Norwegen, wo ich ein paar Jahre gearbeitet habe, und ich vermute, das wird hier in Grönland kaum anders funktionieren.

Zwar sind die Handgriffe und der Fußraum der SkiDoos beheizt doch muss man hier, selbst im Mai, besonders warme Kleidung tragen. Die Temperatur dürfte jetzt, am frühen Morgen, bei minus 10 Grad liegen. Das ist nicht besonders kalt für grönländische Verhältnisse. Der große Feind ist der Fahrwind. Auf ebenen Strecken kann man mit den Schneemobilen hier durchaus über 80 Stundenkilometer fahren – der Wind ist dann absolut brutal.

Lange Unterwäsche also, Jeans, ein warmes Hemd und ein Pullover. Darüber ein dick gefütterter Overall mit eine Kapuze, die so groß ist, dass sie über den Sturzhelm passt. Unter dem Helm eine Wollmütze und an den Händen warme Wollhandschuhe mit einer wasserabweisenden Oberfläche. Die Füße stecken mit zwei Paar Socken in gefütterten, wasserdichten Stiefeln.

Von Tourismus keine Spur: Blogger taucht in den Alltag der Menschen ein.

Diese Motorschlitten sollte man nicht unterschätzen. Es sind moderne, technisch anspruchsvolle Hochleistungsmaschinen. Unsere drei hier sind in Kanada gebaut worden.

"Meines" hat 100 PS und ich bin sicher, dass sowohl Dines als auch Mikael mit stärkeren Motoren fahren. Gas gegeben wird, anders als bei Motorrädern, mit einem (beheizten) Hebel unter dem rechten Daumen. Aus Sicherheitsgründen ist der Fahrer über eine Schnur mit einem Schalter am Schneemobil verbunden, so dass der Motor, falls der Fahrer von der Maschine fällt, sofort stoppt.

Am Anfang ist alles ganz entspannt. Mit 60 oder 70 km/h brettern wir kilometerweit über den zugefrorenen, fast ebenen Fjord. Die drei SkiDoos leicht versetzt hintereinander, so dass die Sicht von aufgeschleudertem Schnee kaum behindert wird. Es ist ähnlich wie beim Auto: geradeaus fahren ist relativ einfach... Aber irgendwann ist der Fjord zu Ende und die Berge beginnen. Wir müssen über einen Pass, hatte Dines vorher erklärt. Dahinter läge das ideale Gebiet für die Jagd auf Seehunde.

Schon bald geht es ziemlich steil bergauf. Jetzt halten wir uns genau in der Spur des vorausfahrenden Inuit. Mikael, mit dem Boot auf dem Anhänger ist ein paar Dutzend Meter hinter uns. Dines scheint hier wirklich jeden Stein zu kennen. Geschickt umkurvt er Felsvorsprünge und Senken. Es geht noch immer recht schnell voran, doch gerade jetzt wird es schwierig.

Wir fahren an der Flanke eines langgestreckten Berges entlang in einer Schräglage, die ich schon als grenzwertig empfinde. Rechts fällt der Berg im Winkel von rund 45 Grad ein paar Hundert Meter schräg ab, links, dreißig oder vierzig Meter über uns, der Grat des Berges und jede Menge Himmel. Marion und ich verlagern unser Gewicht so weit wie möglich, um das Schneemobil auf der schrägen Fläche stabil zu halten.

Überschlag im Schnee

Doch dann passiert es trotzdem: der Schlitten ist für uns nicht mehr zu halten, kippt nach rechts, rollt über Marion und mich hinweg und bleibt ein paar Meter unterhalb von uns in einer Schneewehe auf der Seite liegen. "Alles klar mit dir?" will ich von Marion wissen. Ein atemloses "ja" kommt als Antwort. Beide stehen wir auf – nicht einmal Prellungen oder verstauchte Gelenke.

Ein solches Unglück gab es noch nie. Kann es noch aufgeklärt werden?

Dines, Kay und Mikael sind schon bei uns, sind offenbar erleichtert, dass wir nicht verletzt sind. Nach ein paar tröstenden Worten holt Dines unser abgerutschtes Schneemobil und fährt dann nacheinander Kay, Marion und mich bis zu einer Stelle, an der der Berg nicht mehr so steil ist und wir nicht mehr umkippen können. Da zeigt sich wirklich, wer so ein Gerät beherrscht und wer der blutige Anfänger ist.

Nur Minuten später sind wir auf dem Pass. Unser Ziel, der Sermelik-Fjord liegt matt in der Sonne glänzend vor uns. Eis treibt auf dem hier fast 10 Kilometer breiten Fjord. Brocken von der Größe eines Eiswürfels sind zu sehen und Berge von der Größe einer stattlichen Villa.

Weite Teile der Wasserfläche sind mit Slush bedeckt, einer zähen, schlammartigen Mischung aus Schnee, Eis und Wasser. Keine zehn Minuten mehr und wir sind an einer Stelle, wo das Boot gefahrlos zu Wasser gelassen werden kann. Es ist kurz nach acht Uhr – rund vier Stunden Fahrt liegen hinter uns.

Für Marion, Mikael und mich beginnt jetzt der langweilige Teil des Tages. Kay und Dines machen sich mit dem Boot auf die Suche nach Robben. Dines mit dem Gewehr, Kay mit der Kamera.

Für eine dritte Person wäre im Boot kein Platz gewesen. Mit schabendem Geräusch schiebt das Boot sich durch die Mischung aus Wasser und Eis an der Oberfläche des Fjords. Nur wenige Minuten und Dines und Kay sind aus unserem Blickfeld verschwunden.

Mikael, der Däne, der schon seit über zehn Jahren in Grönland lebt, befürchtet, dass es später am Tag windig werden könnte. Aus den drei Schneemobilen und dem Hänger bauen wir uns einen Windschutz. Das Thermometer am SkiDoo von Mikael zeigt eine Temperatur von 18 Grad unter Null an, trotzdem verführt das bisschen Sonne am Horizont dazu, zumindest die Reißverschlüsse zu öffnen und die Mütze abzunehmen. - Aber nur ganz kurz. Schon nach Minuten beginnen die Ohren vor Kälte zu schmerzen.

Mittagessen: Müsliriegel und lauwarmer Tee

Es ist Mittagszeit. Wie gut, dass wir Thermosflaschen mit heißem Tee, Schokoriegel und Kekse mitgenommen haben. Der Magen knurrt. Die Sonne hat ihren höchsten Stand für heute erreicht – und das ist nicht wirklich hoch. "Eine Handbreit über dem Horizont" könnte man sagen. Hin und wieder ist das Knirschen des Eises zu hören. Sonst nichts. Vor allem kein Motorengeräusch. Eigentlich, so hoffen wir, sollten Dines und Kay bald zurück sein. Mit oder ohne Robben. Ich ärgere mich darüber, dass wir keine Funkgeräte mitgenommen haben – dabei liegen solche Dinger zu Hause im Schrank. Handyempfang gibt es natürlich nicht – wer sollte hier auch telefonieren wollen?

Vanuatu ist ein ambitionierter Inselsaat und echter Geheimtipp für Urlauber.

Gegen drei Uhr verschwindet die blassgelbe Sonne hinter den Bergen auf der anderen Seite des Fjords. Es ist beinahe wie ein Schock. Zwar wird es kaum dunkler doch sofort erheblich kälter. Zumindest fühlt es sich so an, denn das Thermometer zeigt nur eine minimale Veränderung nach unten. Mikael sitzt mit stoischer Ruhe an unseren Windschutz gelehnt, raucht hin und wieder, trinkt ab und zu einen Schluck aus seiner Thermosflasche und scheint völlig entspannt zu sein. Ich hingegen friere, mache mir Sorgen um Kay und Dines und würde gerne etwas warmes essen. Wie ein Tiger im Käfig fange ich an, auf und ab zu laufen, bis ich nach ein paar Minuten selbst merke, dass das eigentlich albern ist.

Es ist fünf Uhr Nachmittags, ich finde, es ist noch kälter geworden. Gefühlt. Endlich das lange ersehnte Motorengeräusch, und bald sehen wir das kleine Boot und die zwei Männer darin in der Ferne. Doch es scheint ein Problem zu geben. Der Slush entlang des Fjordufers hat sich erheblich verdichtet. An manchen Stellen sind aus der matschigen Eis-/Wassermasse feste Eisflächen geworden. Der Außenborder heult gequält auf als Dines immer wieder gegen das Eis anfährt. Meter für Meter bricht das kleine Boot eine Schneise in die noch dünne Eisfläche. Das letzte Stück ziehen wir den Kahn gemeinsam an Land. Keine Robbe.

Die Robben haben Glück gehabt

Beim Verladen des Bootes und der Ausrüstung erzählt Kay, dass Dines und er an mehreren Stellen im Schnee auf dem Bauch gelegen und auf Robben gelauert haben. Dines mit der Waffe im Anschlag, Kay mit der Kamera. Einmal haben sie ein Tier gesehen, doch es war nach dem Luftholen viel zu schnell wieder abgetaucht. An Land waren die beiden zwischendurch nicht. Ihre "Beobachtungsplattformen" waren mittelgroße Eisberge.

Dines ist ein bisschen traurig. Gerne hätte er seiner Familie frisches Fleisch nach Hause gebracht – und die hätte sich sicherlich sehr gefreut. Eines allerdings stimmt ihn wohl besonders missmutig: als Jäger hätte ihm die Leber des Tieres zugestanden. Und die hätte er, Minuten nach dem tödlichen Schuss, der Robbe entnommen und noch körperwarm (und natürlich roh) gegessen. Eine uralte Tradition. Trotzdem: über Geschmack lässt sich gerade auch in Grönland streiten.

Vier Stunden Fahrt im Zwielicht liegen vor uns. Es ist zwar alles weiß um uns herum doch schnell wird deutlich, dass Dines eine andere Strecke in Richtung Tasiilaq gewählt hat.

Nicht weniger steil und felsig aber die Überraschung kommt auf halber Strecke. Hier gibt es eine Nothütte für Jäger und Wanderer. Ein auf hohen Stelzen stehendes Holzhaus. Die Tür ist geschlossen aber nicht verriegelt. In der Hütte gibt es acht Betten, einen Petroleumofen, einen Benzinkocher und einen kleinen Vorrat an Lebensmitteln. Frischer Kaffee wird gebrüht und für den verwendeten Pulverkaffee wird etwas Geld in eine Dose gelegt.

Es ist dunkler geworden. Man sieht schon deutlich die Lichtkegel unserer Scheinwerfer vor uns auf dem Schnee. Wie gern wäre ich in der Hütte über Nacht geblieben ...

Als wir in Tasiilaq ankommen, ist es stockdunkel und fast 22:30 Uhr. Was für ein Tag! Wir haben gefroren, waren hungrig, kaputt von der Fahrt, Marion und ich sind von unserem Schneemobil überrollt worden, ich hatte Angst um Kay und Dines und es gab keine Jagdbeute. Anstrengend! Und wunderbar! Ich würde gern gleich wieder in Richtung Grönland aufbrechen.

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Grönland: Aufbruch ins ewige Eis

Unser Blogger nimmt Sie mit auf die Reise über Island nach Grönland.
Blogger Dieter Herrmann

Beruflich ist Dieter Herrmann immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten als Ausbilder unterwegs. Privat will er es jetzt etwas ruhiger angehen und lebt deshalb seit einiger Zeit in Australien und berichtet aus der Region. Im Blog schreibt er auch über seine Erlebnisse auf Reisen.