Unesco-Welterbe lockt hier ebenso wie jede Menge Kulturhighlights: Hildesheim gehört zu den beliebtesten Besucherzielen in Norddeutschland. Die besten Tipps für die niedersächsische Stadt.

Weitblick und ein Mini-Haus

Am besten nähert man sich Hildesheim von oben. 364 Stufen geht es hinauf auf den "Lug-ins Land", den Turm der Andreaskirche, nebenbei übrigens dem höchsten Kirchturm Niedersachsens. Erst eine schmale, gefühlt endlose Wendeltreppe hinauf, dann weiter über offene Metalltreppen, bis der Blick aus 75 Metern Höhe von der Besucherplattform schließlich über die Stadt bis zum Höhenzug Hildesheimer Wald und dem Naherholungsgebiet am See Hohnsen und über all die vielen Kirchen der Stadt schweift, allen voran die mächtigen Unesco-Welterbe-Gotteshäuser Mariendom und St. Michaelis.

Gleich unten am Kirchplatz steht, neu aufgebaut und im Gegensatz zur Kirche winzig klein, Hildesheims skurrilstes Häuschen: Der fachwerkene "Umgestülpte Zuckerhut" wird nach oben breiter, wegen der mittelalterlichen Besteuerung nach Grundfläche. Drinnen stellt eine Manufaktur köstliche Schokoladen her und verkauft frisch gerösteten Kaffee – wie das duftet!

In Panarbora im Bergischen Land setzt man auf Naturerleben statt wilder Action, Frittenbuden und rumpelnder Achterbahnen. Ist das einen Familienausflug wert? Wir haben uns umgeschaut.

Sightseeing auf der Rosenroute

Zu Fuß geht es weiter, denn alles ist bequem fußläufig erreichbar in Hildesheim. In der mit knapp mehr als 100.000 Einwohnern "kleinsten Großstadt Deutschlands" weisen weiße Rosen auf dem Pflaster den Weg. Am historischen Marktplatz beginnt und endet die touristische "Rosenroute" zu den 21 Top-Sehenswürdigkeiten.

Hier am Markt ragt gleich das erste Ziel hoch auf, das Knochenhaueramtshaus. Im Jahre 1529 erbaut und im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört, gilt das wieder aufgebaute Gebäude der früheren Fleischergilde heute als eines der schönsten Fachwerkhäuser der Welt. Zimmerleute bildeten die Schnitzarbeiten an der Front anhand alter Fotos originalgetreu nach.

An der Seitenfassade grinsen die Fratzen hingegen knallbunt und modern. Innen sind das Stadtmuseum und ein Restaurant untergebracht, das, passend zum Haus, regional erzeugte Fleischspezialitäten anbietet. Wer sich umschaut, stutzt: Auf dem Marktplatz stammen alle Häuser aus unterschiedlichen Epochen.

Wie kann das sein? Deshalb: Nahezu alle Gebäude waren nach dem Zweiten Weltkrieg wie der Großteil der Stadt zerstört und sind rekonstruiert. Etwa das Tempelhaus aus dem 14. Jahrhundert mit dem Besucherzentrum Welterbe Hildesheim und der tourist-information – das ungewöhnliche Bürgerhaus mit seinen Türmchen wirkt wie aus dem Orient importiert.

Ohne das Engagement der Hildesheimer Bürgerinnen und Bürger wäre der Wiederaufbau allerdings nicht möglich gewesen. Die hatten in den 1980er Jahren massiv dafür geworben und Spenden in Millionenhöhe gesammelt, um die unschöne Nachkriegs-Betonwüste am Marktplatz in die heutige Pracht zu verwandeln.

Fachwerk und Sagenhaftes

Die Rosenroute führt vom Marktplatz in die Hildesheimer Neustadt mit ihren Fachwerkhäusern. Die Neustadt ist heute nämlich, der Name täuscht, der älteste Teil der Stadt – große Teile des früheren "Nürnberg des Nordens" sind bei einem der letzten verheerenden Bombenangriffe kurz vor dem Ende des Krieges unwiederbringlich zerstört worden.

Nur einige der engen Sträßchen mit den schiefen Häusern aus dem 16. Jahrhundert sind erhalten. Ebenso Teile des historischen Stadtwalls. Hier steht auch der graue Kehrwiederturm. Eigentlich heißt er ja Kehrwehrturm, weil die Stadtbefestigung hier eine Kurve oder Kehre macht.

Der Name Kehrwiederturm stammt aus einer Sage: Eine Edelfrau traf sich heimlich mit ihrem Geliebten im Wald. Doch eines Tages wurde der Ritter vom Blitz erschlagen und die Frau irrte verzweifelt umher. Da läutete aus der Stadt herauf ein Glöckchen und leitete sie zurück zum Turm – sie war wiedergekehrt.

Wer genug Fachwerk geguckt hat, bekommt direkt neben dem Turm, übrigens dem Sitz des Kunstvereins, im urigen Café Kafenion leckeren selbstgebackenen Kuchen. In einem der ältesten Fachwerkhäuser der Stadt sitzt man hier in einem Sammelsurium antiker Möbel und schlürft die legendäre heiße Schokolade der griechischen Wirtin.

Anke Benstem (Bild) gehört wie Silke Haas, Sandra Malt, Dörte Saße und Iris Schaper zum Bloggerteam Reisefeder. Die Journalistinnen und Reisebuchautorinnen schreiben über Reisen in alle Welt. Der Schwerpunkt liegt auf der Nachhaltigkeit.

Zwei Welterbekirchen und ein berühmter Rosenstock

Gestärkt geht es weiter, vorbei an einer Gruppe Norweger, die mit einer Kostümführerin unterwegs sind und den Erklärungen auf Englisch lauschen. Hildesheims Besucher kommen inzwischen aus aller Welt. Die meisten locken die beiden Welterbe-Kirchen St. Michaelis und Mariendom, Station 16 der Rosenroute.

Und natürlich die sagenumwobene Rose selbst. Als katholischer Bischofssitz ist Hildesheim eine Enklave im protestantischen Niedersachsen. Und nebenbei eine der ältesten Städte in Norddeutschland. Bistum und Stadt haben gerade, im Jahr 2015, 1200-jähriges Stadtjubiläum gefeiert.

Vor dem mächtigen katholischen Mariendom steht ein Standbild von Bischof Bernward, der hier um das Jahr 1000 wirkte und zahlreiche Kunstwerke wie die Bernwardstür und –säule, zu besichtigen im Dom, hinterließ. Wer es gern prunkvoll mag, kann zudem Teile des Domschatzes, einem der großen Kirchenschätze Europas, bewundern, der mit dem Dom selbst zum Weltkulturerbe zählt. Fast schon puristisch wirkt dagegen der neu gestaltete, lichte Innenraum des Gotteshauses.

Und noch ein Highlight: Im hinter dem Altarraum gelegenen Dom-Innenhof wächst neben Kreuzgängen an der Kirchenapsis meterhoch der berühmte "Tausendjährige Rosenstock". Jedes Jahr Ende Mai zeigt die wilde Heckenrose ihre kleinen hellrosa Blüten. Erstmals erwähnt wurde die Hildesheimer Rose im Jahr 815, dem Gründungsjahr des Bistums Hildesheim.

Heute gilt sie als Wunder: Nach den Bombenangriffen im März 1945 war die uralte Pflanze verbrannt und unter Trümmern begraben. Doch sie schlug nur wenige Wochen später wieder zartgrün aus. Ein großer Bewunderer der Hildesheimer Kirchen war übrigens Unternehmer Oskar Schindler, der mit seiner berühmten Liste viele Menschen vor dem Tod rette und bis 1974 in Hildesheim lebte.

Mumien und andere Kulturschätze

Apropos berühmt: Das wichtigste Museum der Stadt liegt nur ein paar Schritte vom Dom entfernt. Im Roemer- und Pelizaeus-Museum, benannt nach ihren Gründungsvätern, führen international anerkannte Ausstellungen nach Alt-Ägypten und Alt-Peru. Von dem modernen Glasbau geht es die Burgstraße hinauf zur evangelischen Michaeliskirche.

Abends weist ein Lichtband zwischen den Unesco-Stätten und dem Marktplatz, das so genannte "Welterbeband", den Weg zum dann stimmungsvoll beleuchteten Gotteshaus auf dem Hügel. Das burgähnliche Gebäude aus ottonischer Zeit fasziniert seine Besucher mit ruhiger Symmetrie und ihrer mittelalterlichen, bemalten Holzdecke, die das Leben Jesu erzählt. Ein wunderbarer Ort zum Innehalten.

Kultur für alle: Jazztime, Pflasterzauber & Co.

Doch Hildesheim kann noch viel mehr als Geschichte und alte Kirchen. Die "heimliche Kulturhauptstadt Niedersachsens" diskutiert derzeit, sich als echte, also als Europäische Kulturhauptstadt 2025 zu bewerben. Warum auch nicht.

Hochkaratige Veranstaltungen wie die jährliche Jazztime zu Pfingsten das Lichtkunstfestival Lichtungen, das Internationale Straßenkunstfestival Pflasterzauber, zu dem Straßenkünstler aus der ganzen Welt anreisen und die Innenstadt in eine große Bühne verwandeln, oder die Wallungen, ein Freilicht-Festival mit Theater, Tanz und Performance, haben sich in den letzten Jahren als Publikumsmagneten etabliert. Zahlreiche freie Bühnen und das Theater für Niedersachsen spielen die ganze Bandbreite der Bühnenkunst. Auch die alternative Kunst- und Kulturszene brummt, nicht zuletzt durch Studiengänge wie Kulturwissenschaften oder Kreatives Schreiben an der Universität. Hildesheims Studenten und alternative Szene trifft man auch heute noch unter anderem in der ehemaligen Papierfabrik Kulturfabrik Löseke beim Hauptbahnhof.