Leben nach dem Mondkalender? Klingt irgendwie nach esoterischem Spleen. Auf der Insel Juist richtet sich aber tatsächlich fast alles nach dem Mond.

"Nein, morgen kann ich keine Führungen machen, dann ist Vollmond und Springtide. Da gehe ich nicht mit Gästen ins Watt", erklärt Heino Behring. Er kennt das Juister Watt wie seine Westentasche. Schon sein Vater war Wattführer auf der Insel Juist.

Vor 32 Jahren hat Heino diese Aufgabe übernommen und ist längst zum Inseloriginal geworden, wenn er auf Wattwurm-Exkursion mit seinen Gästen geht. Die Führung ist ein echtes Erlebnis, barfuß laufen wir über grauen Schlick, der voller Leben steckt.

"Seht Ihr diese Sandspaghetti hier?", fragt Heino. "Sie kommen vom Sandpierwurm." Mit seiner Forke sticht der Wattführer beherzt in den Wabbelboden – und zieht einen langen Wurm aus dem Schlick.

"Er ist die Lunge unseres Watts, denn er versorgt den Boden mit Luftlöchern." Gäbe es den Wurm nicht, würde das Watt verschlicken. Nur einige Meter weiter zeigt Heino uns die Niere des Watts – die Herzmuschel. "Sie filtert das Wasser wie ein biologisches Klärwerk." Eindrucksvoll zeigt er es uns, indem er ein Glas Nordseewasser mit Muscheln füllt und eines nicht.

Nach einer halben Stunde ist das Muschelwasser durchsichtig und klar, während das andere trüb geblieben ist. Umweltschutz steht bei Heino an oberster Stelle, denn das Wattenmeer an sich sei wichtig für die Vogelwelt. "Die Zugvögel stärken sich und fressen sich so viel Eiweiß an, dass sie von hier aus im Direktflug weiter an den Nordpol oder nach Sibirien fliegen können." Beispielsweise Ringelgänse tun das.

Ebbe und Flut bestimmen den Fahrplan

Nicht nur die Wattführungen richten sich nach dem Mond, sondern auch der Fährplan, der streng Ebbe und Flut einhalten muss. Und dabei den Gezeiten direkt unterlegen ist. "Manchmal müssen wir warten, bis wieder genug Wasser da ist", sagt die Frau auf der Fähre, die schon seit 20 Jahren regelmäßig einmal im Jahr eine Woche Urlaub auf der Nordseeinsel verbringt.

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"Und wir sind auch schon steckengeblieben. Dann muss die Fähre warten, bis sich die Fahrrinne wieder gefüllt hat. So bestimmt die Fähre den Rhythmus des Lebens, sie nimmt am Morgen die Einheimischen mit zum Festland und bringt einen Touristenschwung mit zurück. Wer von Juist weg will, muss sich den Gezeiten anpassen oder in ein Privatflugzeug steigen."

Aber wer verlässt Juist schon freiwillig? Selbst bei drei Tagen Regen zeigt die Insel ihre Schönheit. "Keine Sorge, das Wetter ändert sich am Vollmond", brummt mir der Verkäufer im Regenjackenladen entgegen.

"Mondwechsel bringt auch immer Wetterwechsel", sagt er. "Morgen ist Vollmond, dann wird der Himmel wieder klar sein." Bis dahin also noch ein wenig Juist im Regen. Auf zur Domäne Bill im Inselwesten und den buchdick geschnittenen, selbstgebackenen Rosinenstuten essen, Tee trinken und zuhören, wie der strömende Regen gegen die Scheibe platscht.

Als er sich in Niesel verwandelt, starte ich eine Wanderung zum Bill, dem großen Sandriff im Westen der Insel. Hier treffen Nordsee und Watt aufeinander – ein Paradies für Seevögel und die unendliche Weite vor Augen. Das entspannt.

Am nächsten Tag geht es zum Hammersee. Er ist der größte Süßwassersee der ostfriesischen Inseln und Schutzraum für viele Tiere wie Austernfischer, Fasane, Schnepfen aber auch Bisamratten.

Das angrenzende Wäldchen mit seinen knorrig gewachsenen Bäumen ist ein ganz besonderes Stück Natur, in dem sich mit etwas Glück sogar ein Reh blicken lässt.

Schlechtes Wetter gibt es nicht – nur unpassende Kleidung

Schlechtes Wetter gibt es auf der Insel nicht. "Wir haben zwar nicht so viel Sonne, wie die Balearen oder die Kanaren, aber der Erholungswert ist derselbe", sagt Thomas Vodde von der Kurverwaltung und rät zu Spaziergängen direkt am Brandungssaum.

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"Dort ist der Anteil an salz- und jodhaltigen Aerosolen am höchsten." Das ist die berühmte Thalasso-Therapie, eine Kombination aus staubfreier, salzhaltiger Luft, Sonne und Bewegung. Die saubere Luft auf der autofreien Insel wissen nicht nur Allergiker zu schätzen.

"Auch wenn unser Himmel oft bedeckt ist, die große Portion UV-Licht bekommen unsere Besucher trotzdem", erklärt Vodde. Also muss man nicht unbedingt auf die Kanaren reisen.

Und die Sache mit dem Mond? "Ja, unser Fährfahrplan richtet sich nach dem Mond, aber sonst?" Vodde überlegt. "Es wird gesagt, dass bei auslaufendem Wasser geboren und bei abnehmendem gestorben wird. Bewiesen ist das aber nicht."

Der Mann im Regenjackenladen soll Recht behalten: Am Abend des Vollmonds sind plötzlich die drei Tage Regen vorbei und strahlend blauer Himmel kommt auf, als wäre nichts gewesen.

Jetzt zeigt die Insel ihre wunderbaren Farben. Das Meer glitzert, die Marschwiesen strahlen in frischem Grün. Aber auch bei Regen gab es genug zu unternehmen: Gemütlich beim Ostfriesentee sitzen und Waffeln essen, durch die kleinen Geschäfte bummeln, einen Glasperlenkurs buchen oder an Yogastunden teilnehmen und abends im Strandkorb den Sonnenuntergang genießen.

Und mit der richtigen Kleidung haben sogar Regenspaziergänge am Strand oder im Wäldchen ihren Reiz.

Info:

Juist gehört zu den sieben ostfriesischen Inseln und liegt zwischen Norderney und Borkum. Die Insel ist mit der Fähre aus Norddeich zu erreichen, die zweimal am Tag fährt und 90 Minuten braucht.

Bis Norddeich fährt man am günstigsten mit der Bahn. Juist ist autofrei, Fahrräder auszuleihen, lohnt sich.

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Andrea Lammert ist Journalistin und bloggt auf www.indigo-blau.de. Als Autorin arbeitet sie für verschiedene Verlage und schreibt für Tageszeitungen und Magazine.