Eigentlich hätte ich in diesem Jahr noch mehrmals nach Kabul fliegen sollen, um dort zu unterrichten. Eigentlich. Nach dem verheerenden Bombenanschlag vom 31. Mai und den kleineren Anschlägen danach sind für mich wohl alle Tätigkeiten in Afghanistan vorerst gestrichen. Das ist sehr schade. Sowohl für mich als auch für meine Studenten in Kabul – aber sicherer ist es allemal.

Traurig ist, dass mit einem so folgenreichen Selbstmordattentat wie dem vom letzten Tag im Mai zu rechnen war. Ja, es gab sogar Tage zuvor schon Hinweise, die nahe legten, dass es einen Anschlag entweder direkt gegen eine deutsche Einrichtung geben oder aber eine deutsche Institution erheblich in Mitleidenschaft gezogen werden würde. Jetzt ist die Deutsche Botschaft vermutlich nicht mehr zu gebrauchen und muss vielleicht abgerissen werden.

Selbstmordanschläge gehören zum Alltag

Leider sind seit vielen Jahren Selbstmordattentate in Afghanistan nicht mehr außergewöhnlich. Es wird in den internationalen Medien nur kaum noch darüber berichtet – wahrscheinlich, weil sie so häufig vorkommen. Ich habe auch im vergangenen Jahr ein paar Wochen in Kabul verbracht und es gab nicht einen einzigen Tag, an dem es nicht irgendwo im Land eine Bombenexplosion, Beschuss durch Mörser oder Raketen oder eine Schießerei gegeben hat.

Vor allem die in Afghanistan arbeitenden Ausländer - so wie ich - versuchen, sich so gut wie möglich zu schützen. Wie genau das im Detail gemacht wird, darf und will ich hier nicht publizieren. Meinen Tagesablauf kann ich, in Bezug auf die Sicherheitsmaßnahmen, aber zumindest ungefähr schildern.

Meine genaue Ankunftszeit am Flughafen in Kabul habe ich schon Tage zuvor an die Organisation, für die ich an der Hochschule unterrichte, durchgegeben. Meistens fliege ich von Sydney über Singapur nach Delhi und von dort weiter nach Kabul. Meine Ankunft ist immer am späten Vormittag.

Nach Pass- und Zollkontrollen (Einfuhr jeglicher alkoholhaltiger Flüssigkeiten ist verboten) mache ich mich mit meinem Gepäck auf den Weg zu einem speziellen Parkplatz, von dem ausschließlich Ausländer abgeholt werden. Fluggäste afghanischer Nationalität werden mit einem Bus zu einem anderen Terminalgebäude gefahren.

Im Panzerfahrzeug zum Hotel

Auf dem "Ausländerparkplatz" wartet ein gepanzertes Fahrzeug auf mich (und vielleicht auch noch auf weitere Fluggäste). Ein Geländewagen mit Türen, die so schwer sind, dass man sie alleine kaum bewegen kann, mit zentimeterdicken Scheiben, die sich nicht öffnen lassen, und mit massiven Panzerplatten auf der Fahrzeugunterseite.

Auf dem Armaturenbrett sind allerhand elektronische Geräte montiert. Fahrer und Beifahrer sind Afghanen, sie sprechen aber Englisch. Anhand ihrer Unterlagen wissen sie genau, wohin ihre Fahrgäste gebracht werden müssen.

Wohlfühlen kann ich mich in einem solchen Fahrzeug nie. Durch die verdunkelten Scheiben kann man zwar die Fahrgäste von außen nicht sehen, es ist aber deutlich zu erkennen, dass der Wagen gepanzert ist.

Ich denke, dass gerade so ein Auto ein perfektes Ziel für einen Anschlag abgeben würde. Der Geländewagen ist leicht als "Ausländertransporter" zu identifizieren - und wenn die Menge an Sprengstoff nur groß genug ist, dann nutzt auch die Panzerung nichts mehr.

Nur fünf von weit mehr als 100 Hotels gelten als sicher

Abgesetzt werden die Fahrgäste dann meistens bei einem Hotel. Für deutsche Staatsbürger (und auch für die Bürger anderer Nationen) sind in Kabul nur insgesamt fünf von weit über 100 Hotels freigegeben. Diese Gebäude sind nach ihren Sicherheitseinrichtungen ausgewählt und werden regelmäßig überprüft.

Wichtig ist unter anderem, dass niemand das gepanzerte Fahrzeug schon vor dem Hotel auf der Straße verlassen darf. Es muss immer einen geschützten Innenhof geben, in dem die Gäste aus dem Auto aussteigen können.

Während meines Aufenthalts in Kabul werde ich den gepanzerten Geländewagen nur noch in Ausnahmefällen benutzen müssen. Bestimmte Strecken und Straßen dürfen von uns Ausländern nur mit einem solchen Fahrzeug befahren werden – diese Strecken vermeide ich, wann immer es möglich ist. Gearbeitet wird von Samstag bis Mittwoch.

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Donnerstag und Freitag sind frei. An den Arbeitstagen holt mich "mein" Fahrer jeden Morgen ab. Auf keinen Fall aber jeden Morgen zur gleichen Zeit. Mal ist er um sieben am Hotel, mal erst um acht, manchmal irgendwann dazwischen. Das verabreden wir vorher telefonisch. Wir fahren auch möglichst jeden Tag eine andere Strecke – was gerade in Kabul oft völlig chaotisch sein kann.

Den Fahrer kenne ich schon viele Jahre und wir vertrauen einander. Hashmat (so heißt er nicht wirklich) hat lange in Norddeutschland gelebt und kennt in seiner Heimatstadt Kabul selbst die Schleichwege. Hashmat spricht fließend Deutsch, Dari und Paschtu und ganz brauchbares Englisch. Fast alle gebildeten Afghanen sprechen die beiden wichtigsten Landessprachen – zusätzlich oft noch regionale Sprachen oder Dialekte.

Ganz wichtig ist, dass wir für die täglichen Fahrten ein unauffälliges Fahrzeug benutzen. Es ist ein Toyota Corolla, so wie fast 50 Prozent aller Autos in Afghanistan. Der Corolla ist ein Teil des Straßenbildes und erregt anders als die gepanzerten Fahrzeuge keine Aufmerksamkeit. "Travel in low profile" nennen die Ausländer hier die Benutzung möglichst unauffälliger Autos.

Bis zu zwei Stunden Fahrzeit für gut fünf Kilometer

Die Stadt mit mehr als vier Millionen Einwohnern ist vom Verkehr völlig überlastet. Man kann sagen, dass zwischen sechs und 20 Uhr durchgehend Stau ist. Neben der gestiegenen Verkehrsdichte ist es auch problematisch, dass für die Fahrten von Politikern mehrfach am Tag ganze Straßenzüge gesperrt werden.

Mein Weg zur Arbeit hat etwa eine Länge von fünf Kilometern Luftlinie. Die Fahrzeit beträgt je nach Strecke und Staudichte zwischen 40 Minuten und zwei Stunden.

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Viele meiner Studenten brauchen noch länger. Die meisten kommen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die in Kabul eher rudimentär funktionieren. Busse fahren unregelmäßig und fallen oft aus, so etwas wie U-, S- oder Straßenbahn gibt es nicht. Und wenn man einen Linienbus erwischt, ist er oftmals schon völlig überfüllt und nimmt keine Fahrgäste mehr auf. Oder es ist eben wieder ein wichtiger Politiker unterwegs und Durchgangsstraßen gesperrt.

Für fast alle deutschen Staatsbürger, die in offizieller Mission in Afghanistan sind, gibt es eine Organisation, deren Spezialisten sich um die Sicherheit der Mitarbeiter kümmern. Neben vielen anderen Aufgaben zählt ein Telefonanruf jeden Abend dazu. Wenn das Handy klingelt und dazu die bekannte Nummer angezeigt wird, melde ich mich mit meinem Namen und einer weiteren Information.

Dann wird ein "Alles in Ordnung" oder eine ähnliche Formulierung und die Angabe meines Aufenthaltsortes von mir erwartet. Gehe ich nicht ans Telefon, wird es noch ein paar weitere Kontrollanrufe geben. Wenn auch die erfolglos bleiben, werden "Maßnahmen eingeleitet".

Mal eben schön zum Essen gehen?

Kabul hat eine ganze Reihe guter Restaurants zu bieten. Neben ein paar (oft sehr teuren) Lokalen mit internationaler Küche gibt es hervorragende Restaurants mit afghanischen Gerichten. Mal eben zum Essen mit Freunden? Das geht schon lange nicht mehr.

Bei Dunkelheit darf ich (offiziell) nicht mehr auf der Straße sein. Restaurantbesuche am Tag sollen bei der oben beschriebenen Sicherheitsorganisation angemeldet werden. Genehmigt werden sie nur für ganz bestimmte, speziell überprüfte Lokale.

Freunde fragen mich immer wieder, ob man denn in Kabul auch mal ein Glas Wein trinken könne oder was es für Biersorten gäbe. Grundsätzlich herrscht in Afghanistan gesetzliches Alkoholverbot. Das gilt für Bier, Wein und Schnaps natürlich ebenso wie zum Beispiel für alkoholhaltiges Rasierwasser.

Doch Wirte haben natürlich Mittel und Wege gefunden. In der Millionenstadt gibt es meines Wissens vier Restaurants, in denen (unter dem Tisch) Wein und Bier angeboten werden. Diese Lokale dürfen nur von Ausländern besucht werden, die ihren Pass vorlegen müssen.

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Die Inhaber dieser Restaurants müssen dafür, dass Behörden "beide Augen zudrücken", Bestechungsgelder bezahlen. Zudem werden Wein und Bier oft "sicherheitshalber" in Teekannen und -tassen serviert. Sozusagen getarnt. Die Preise sind für afghanische Verhältnisse natürlich astronomisch hoch. Eine Dose Bier kostet etwa fünf US-Dollar. Die Dose Cola gibt es im Restaurant für 50 Cent.

Nach dem Selbstmordanschlag von Ende Mai hat sich die Situation wieder einmal deutlich verändert. Viele Hilfsorganisationen haben ihre Mitarbeiter aus Kabul zurückgezogen. Einige arbeiten derzeit von Dubai aus, andere versuchen vorübergehend aus Deutschland für Afghanistan tätig zu sein.

Die Bombe, die in der Nähe der Deutschen Botschaft gezündet wurde, war in einem Lastwagen, der zur Entleerung von Sickergruben und zum Transport von Fäkalien eingesetzt wurde. Dieses Attentat, so viel ist sicher, hat die Unterstützung der Afghanen durch ausländische Organisationen nachhaltig geschwächt.

Die meisten tödlichen Anschläge treffen die eigene Bevölkerung

Ohnehin ist es bei nahezu allen Bombenanschlägen in der Vergangenheit so gewesen, dass dem eigentlich erklärten Ziel - den Ausländern - immer relativ wenig passiert ist. Getroffen hat es immer wieder vor allem die Afghanen. Das scheint, aus Gründen die ich überhaupt nicht verstehe, den islamistischen Organisationen völlig egal zu sein.

Genau so war es an jenem Mittwoch Ende Mai: Es gab fast 100 Todesopfer und über 400 Verletzte. Unter den Verletzten waren nur wenige Ausländer. Alle anderen waren Landsleute und vermutlich Glaubensbrüder der Attentäter.

Wie kann es weitergehen mit dem Land am Hindukusch? Nach dem Sturz des Königs Mohammed Zahir Schah im Jahr 1973 befindet sich Afghanistan fast durchgehend im Bürgerkrieg, der von 1996 bis 2001 in der Schreckensherrschaft der Taliban seinen vorläufigen Höhepunkt fand.

Ein Tag in Kabul

Impressionen an einem ruhigen Nachmittag in der Haupstadt.

Seit nunmehr 16 Jahren sind auch wieder ausländische Mächte involviert. Nur eine relativ kurze Zeit der Ruhe gab es zwischen den Jahren 2002 und 2009. Danach wurden Taliban (und IS) wieder stärker, erhielten mehr Unterstützung aus der Bevölkerung und dem Ausland und zeitgleich zogen internationale Truppen sich langsam zurück.

Nach 45 Jahren der Kämpfe, Anschläge und Bombenteppiche ist die Sicherheitslage zumindest in Kabul vermutlich schlechter als je zuvor. Milliarden wurden in das Land gepumpt, um das Militär zu unterstützen, Schulen und Krankenhäuser zu bauen und auch um die Taschen bestimmter Leute zu füllen.

Und jetzt? Niemand weiß es. Niemand kann die Zukunft des Landes einschätzen. Sicher scheint allerdings, dass die Zahl der Menschen, die wieder aus Afghanistan fliehen oder es zumindest versuchen werden, weiter ansteigen wird.

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Kabul: Eine sehr spezielle Stadt in Afghanistan

Die Situation in der gefährlichen Stadt ist nicht einfach. Die Sicherheit der Ausländer hat höchste Priorität.
Blogger Dieter Herrmann

Beruflich ist Dieter Herrmann immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten als Ausbilder unterwegs. Privat will er es jetzt etwas ruhiger angehen und lebt deshalb seit einiger Zeit in Australien und berichtet aus der Region. Im Blog schreibt er auch über seine Erlebnisse auf Reisen.