Auf der Kanareninsel La Gomera locken nicht nur Strand und Palmen. Hier gibt es Inselbewohner, die sich mit lauten Pfiffen unterhalten, und Bäume, die Pelz tragen, stöhnen und sogar melken können.

Die Morgensonne strahlt durch die Blätter der alten Lorbeerbäume von San Sebastián und wirft Glitzerpunkte auf das Pflaster. Wir genießen die warmen Temperaturen nach der Novemberkälte in Deutschland.

Plötzlich ertönt ein lautes Pfeifen, das abbricht und dann wieder hoch und tief trällert. Es ist die alte Pfeifsprache der Ureinwohner von La Gomera. Virtuose Laute, die über weite Entfernungen tragen. "Herzlich Willkommen auf La Gomera", hieß das gerade eben. Und unsere Reiseführerin antwortet mit einer kurzen Pfiff-Folge "Buenos Días", "guten Tag".

Die deutschstämmige Marina Seiwert hat hier auf La Gomera extra Kurse in "El Silbo", der hiesigen Pfeifsprache belegt: "Seit die Unesco 'El Silbo' 2009 zum Weltkulturerbe erklärt hat, lernen die Kinder sie schon ab der Grundschule als Zweitsprache", erzählt Marina.

Und das merkt man: Jeden Morgen hören wir spielende Kinder im Park hinter unserem Hotel in San Sebastián, die über melodische Pfiffe ihre Grüße und Kurznachrichten austauschen.

Ist ja auch viel praktischer, als über weite Entfernungen zu brüllen - und geht schneller als WhatsApp. Die Pfeifsprache ist aber nicht das einzige Wunder, das die Insel zu bieten hat: Unser erstes Ziel ist der Nationalpark Garajonay, den die Unesco ebenfalls zum Welterbe erklärt hat.

Vulkanschlote und eigenartige Felsformationen

In Serpentinen schlängelt sich die Straße den Berg hinauf. Die felsig karge Landschaft rund um San Sebastián macht einer immer grüneren Umgebung Platz. Plötzlich ragt eine riesige Felsnase vor uns empor.

"Das ist der Roque Agando, Wahrzeichen von La Gomera und das Eintrittstor in den Nationalpark", sagt Marina. Die Insel ist vulkanischen Ursprungs und hat viele dieser herausstechenden Felsformationen zu bieten.

Wenn nach einem Ausbruch die Lava erkaltet, bleibt oft ein harter Korken im Vulkanschlot zurück. Durch Erosion wird das weiche Gestein drumherum abgetragen, übrig bleiben eigenartig herausstehende Felsformationen.

Dieses Hochgebirge ist fast das ganze Jahr über von Wolken-Nebel umhüllt. Den "feuchten Atem Gottes" nennen ihn die Gomerer.

Wo Bäume Fell tragen, stöhnen und Wolken melken

Eine dicke Schicht Moos überzieht die Lorbeerbäume. Sie sehen aus, als würden sie einen grünen Pelz tragen. Flechten hängen wie geisterhafte Gespenster-Gewänder von ihren Ästen herab. Elfenwald wird diese Art von Nebelwald von den Einheimischen auch genannt.

Und tatsächlich fühlt man sich, als wäre man in eine Art Fantasyfilm versetzt. Wir wandern auf weichem Waldboden, der unsere Schritte abfedert, und der alles umhüllende Nebel dämpft zusätzlich jedes Geräusch. Stille. Nur unterbrochen vom feuchten Tröpfeln aus den herabhängenden Flechten.

Manchmal erklingt auch ein Knarren und Stöhnen, wenn der Wind durch das Geäst der alten Bäume streift. Unheimlich, aber auch unheimlich schön. Früher bedeckten Lorbeerwälder große Teile Europas, heute steht hier auf La Gomera das letzte große Waldgebiet dieser Art.

Garajonay ist tatsächlich ein kleines Wunder: "Von dem wenigen Regen, den es hier pro Jahr gibt, könnte kein Wald leben", sagt Marina. Der Passatwind muss die Berge von La Gomera überqueren.

Dabei kühlt sich die mit Wasserdampf aufgeladene Luft ab, es bilden sich winzige Nebel-Tröpfchen. Diese schlagen sich auf Ästen, Flechten und Moosen nieder und laufen am Stamm zum Boden. Der Wald melkt die Wolken. Und es bleibt sogar noch etwas Wasser übrig, das weiter hinabsickert und die Quellen im Tal speist.

"Der Nebelwald sichert die gesamte Wasserversorgung von La Gomera", sagt Marina. Für eine so kleine Insel, die von Norden nach Süden nur gut 20 Kilometer misst und neben den Einwohnern auch viele Touristen beherbergt, ist das ganz erstaunlich.

Und dann hat diese Insel auch noch so gänzlich unterschiedliche Landschaften zu bieten. Davon können wir uns überzeugen, als wir uns am Folgetag aufmachen in Richtung Osten.

Gelb und Terrakotta statt Grün

Wieder geht es in Serpentinen die Berge hinauf. Doch an der Ost- und Südseite der Insel haben sich die Passatwolken fast gänzlich aufgelöst. Hier ist es trocken und man spürt viel deutlicher die Gemeinsamkeiten mit der auf dem gleichen Breitengrad liegenden Sahara.

Die Landschaft wechselt sich zwischen Palmen, plüschigen Kanaren-Kiefern, deren lange Nadeln aus den selten gewordenen Nebelbänken auch die letzte Feuchtigkeit herausfiltern, und gänzlich karger Wüstenlandschaft ab.

Was an den Trockenhängen überlebt, sind Kakteen und giftige Wolfsmilchgewächse, deren bizarre Formen aus den Gelb- und Ockertönen der Felslandschaft herausragen.

Unser Ziel sind die Cuevas Blancas, ein heute verlassenes Höhlendorf. Schon die Ureinwohner der Kanaren sollen in diesen Höhlen gelebt haben, später zimmerten die Dorfbewohner schlichte Vorbauten.

In manchem Häuschen stehen noch abgewetzte Stühle und Tische, als würden die Bewohner bald zurückkommen. Rund um das Dorf wachsen in Reih und Glied Agaven, deren mit spitzen Stacheln bewehrte harte Blätter als natürliche Umzäunung für die Ziegenherden dienten.

Auch der Süden der Insel hat eine ähnliche Landschaft zu bieten. Hier wächst nicht nur die Agave, sondern auch der Feigenkaktus dicht an dicht am Wegesrand. Er wurde nicht etwa wegen der wohlschmeckenden Früchte einst hier eingeführt, sondern weil sich ein besonders wertvoller Parasit daran gütlich tut: die Cochenille-Laus.

Marina nimmt eine Laus auf die Hand und zerdrückt sie. Heraus quillt ein purpurroter Saft, der vor der Erfindung der Farbenchemie so wertvoll war wie Gold.

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La Gomera: Die Insel ist so viel mehr als nur Strand und Palmen

Bäume, die Pelze tragen, stöhnen und die Wolken melken: Die Insel La Gomera beherbergt viele wundersame Naturschätze.

Insel der zahlreichen Früchte

Wüstenpflanzen und Lorbeerwälder sind aber längst nicht das einzige, das auf der Insel gedeiht: Im Norden gibt es Bananenpflanzungen, deren Früchte kleiner sind, aber auch viel intensiver schmecken als die Massenware in unseren Supermärkten.

Eigentlich gibt es fast keine Obstsorte, die hier nicht in irgendeinem Garten wächst: Erdbeerbäume, Kiwi, Drachenfrucht, Sternfrucht, Kaki, aber auch Weintrauben, Äpfel und Brombeeren. Die Zahl der Frucht- und Gemüsevariationen scheint ins Unendliche zu gehen.

Gemeinsam mit Marina erkunden wir die Gärten ihres Lebensgefährten Ulises, mampfen uns durch süße Köstlichkeiten und gehen pappsatt auf unsere weitere Wanderung. Und natürlich nutzen wir unseren freien Tag, um auf der sonnigen Südseite der Insel am Strand zu entspannen.

Wandern, Staunen und Genießen - der Abschied von La Gomera fällt allen in der Reisegruppe schwer. Als Marina uns am letzten Tag zur Fähre bringt, pfeift sie: "Auf Wiedersehen". Diesmal verstehen wir "El Silbo" sogar ohne Übersetzung. Tschüss, Trauminsel La Gomera.

Tipps und weitere Infos:

  • La Gomera ist die zweitkleinste Kanareninsel und gilt als Wanderparadies.
  • Verschiedene Wander-Agenturen und Guides bieten Touren aller Schwierigkeitsgrade auf der Insel an.
  • Anreise: Üblicherweise buchen Urlauber ihren Flug nach Teneriffa Süd und setzen anschließend mit der Fähre nach San Sebastián über.
  • Genuss-Tipps: Um eine erste Übersicht über die Vielfalt der Obstsorten zu bekommen empfiehlt sich ein Besuch in der Markthalle von San Sebastián, dem Mercado Municipal. Die leckeren Runzel-Kartoffeln und natürlich die würzigen "Mojos", grüne und rote Saucen, sollten La-Gomera-Besucher unbedingt kosten. Köstliche Fisch- und Meeresfrüchte aus dem Atlantik gibt es in vielen Variationen in den Restaurants auf der Insel.

Iris Schaper (Bild) gehört wie Silke Haas, Sandra Malt, Dörte Saße und Anke Benstem zum Bloggerteam Reisefeder. Die Journalistinnen und Reisebuchautorinnen schreiben über Reisen in alle Welt. Der Schwerpunkt liegt auf der Nachhaltigkeit.