"Wer die innere Stille gefunden hat, der greift nach nichts und er verwirft auch nichts", steht in alten buddhistischen Schriften geschrieben. Stanzin Shesrap hat sie gefunden, nach einem langen harten Kampf. Die Augen geschlossen, die Hände liegen ruhig in seinem Schoß, die rote Robe tief in den Nacken gezogen.

Er nippt an seiner dampfenden Tasse "Tsampa" - geröstetes Gerstenmehl mit Buttertee. In innerer Einkehr sitzt der junge, kahlköpfige Mönch zwischen seinen älteren Ordensbrüdern.

Stundenlang summen sie buddhistische Mantras und Verse. Es schafft für Buddhisten die tiefe Verbindung zu ihrer Essenz. Die, in der sie den inneren Frieden finden.

Der lachende Dalai Lama

Das Antlitz des Dalai Lama lacht von einem mit Opfergaben prall gefüllten Altar, farbenprächtige Holztrommeln werden sanft geschlagen.

Ein Obermönch in gelber Robe geht langsam umher und schwenkt rauchenden Wacholder. Zeit still zu sein und tief in sich reinzuhorchen.

Es ist Puja - Morgenmeditation - im Versammlungsraum des Klosters Thikse ("der richtige Ort") in dem kleinen Land am nordwestlichen Rand des Himalajamassivs.

Draußen pfeift der eiskalte Wind um goldgelb leuchtende Gebetsmühlen - auf fast 4.000 Metern Höhe. Ich bin in Ladakh, einem der höchstgelegenen bewohnten Gebiete der Welt.

Dieses Land der unbarmherzigen Pässe und zerklüfteten Täler ist, neben Bhutan, das einzige, in dem der tibetische Buddhismus noch in seiner ganzen Vielfalt praktiziert wird. In Thikse leben "die Tugendhaften" - 75 Anhänger des Gelbmützenordens Gelugpa.

Ein Klosterberg als Zuhause

Auf Felsenspitzen in der weitläufigen Flussebene des Indus um 1450 erbaut, erhebt sich der beigefarbene Klosterblock.

Glockenartige Chörten - Sakralbauwerke mit Reliquien großer Meister - säumen den Weg dorthin. Dahinter karge, Ruhe bringende Gebirgslandschaft. Eisgekrönte Viertausender, so majestätisch, dass Wolken zu weichen scheinen.

Für Mönch Stanzin ist der Klosterberg seit zehn Jahren sein Zuhause. Eine einsame Entscheidung. "Mein Vater dachte, ich würde seinen Bauernhof übernehmen", erzählt mir der 30-Jährige, der schon in Teenagerjahren von den Lehren Buddhas fasziniert war.

Seit jeher leben die Ladakhis vom Anbau von Gerste und Weizen, auch wenn die Bedingungen dafür in der steinigen Halbwüste hart sind: Eine kurze Ernte, dann folgt der lange Winter mit Temperaturen unter minus 40 Grad.

Früher sei es noch Tradition gewesen, dass sich der jüngste Stammeshalter einem Orden anschloss. Heute haben die rund 120 Klöster in Ladakh arge Nachwuchsprobleme.

"Viele gehen zur Armee, der Militärdienst lockt mit gutem Verdienst und medizinischer Versorgung", sagt Politikstudent Rudi Lepcha.

Tourismus bringt vielen Einheimischen Brot

Der 26-Jährige aus Darjeeling besucht mit Touristengruppen Klöster und Tempel - beim indischen Reiseveranstalter Shakti.

"Neben dem Militär ist der - vor allem religiös geprägte - Tourismus ein wichtiger Arbeitgeber für viele", weiß Rudi.

Vorbei ist die Zeit, da Ladakh nur ein Geheimtipp unter Trekkingfreunden war. Mittlerweile kommen rund 180.000 Urlauber pro Jahr.

Für Stanzin zählt nur sein Glaube. Er wurde der erste Mönch in seiner Familie: An das abgeschiedene Leben musste sich auch der sanftmütige Ladakhi erst einmal gewöhnen, allein in einem kalten Kämmerchen, Gebete um Gebete.

"Nach ein paar Jahren fühlst du dich plötzlich sehr alleine." Er atmet tief durch - als Buddhist übt er Gelassenheit. "Doch ich bin glücklich."

Auch ohne Bier und Frauen. In der medialen Welt mit Handys und Facebook seien die Möglichkeiten, vom Weg abzukommen, vielfältig geworden.

Viele seiner Ordensbrüder, vor allem Jüngere, legten nach ein paar Jahren die Robe ab, gingen zurück in ihr altes Leben. Stanzin blieb.

Er unterrichtet zwei junge Novizen, zeigt ihnen, wie man meditiert, "die Gedanken kontrolliert und sich buddhistische Tugenden bewahrt".

Infos

Anreise: Lufthansa fliegt Delhi täglich ab Frankfurt und München an. Von Delhi geht’s dann weiter z.B. mit Go Air nach Leh in Ladakh.

Infos zu Indien: www.incredibleindia.org.

Gesundheit: Auf die Symptome der Höhenkrankheit in den ersten Tagen dringend achten, eventuell einen Arzt in Leh aufsuchen. Impfungen gegen Hepatitis, Tetanus, Polio und Typhus sind empfehlenswert. Aktuelle Reise-Informationen unter www.crm.de.

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Ladakh in Bildern

Entdecken Sie das Land der Mönche in einigen Schnappschüssen unserer Bloggerin.

Sandra Malt (Bild) gehört wie Iris Schaper, Anke Benstem, Silke Haas und Dörte Saße zum Bloggerteam Reisefeder. Die Journalistinnen und Reisebuchautorinnen schreiben über Reisen in alle Welt. Der Schwerpunkt liegt auf der Nachhaltigkeit.