Ich war noch nie in Rom und auch nicht in der Toskana. Als ich am Donnerstagnachmittag auf dem Flughafen Rom-Fiumicino lande, schlage ich einen eher ungewöhnlicheren Weg als meine Mitpassagiere ein. Während sich alle auf Rom freuen, fahre ich 1,5 Stunden Richtung Norden in die südliche Toskana.

Eine alte Wassermühle steht in der Lagune von Orbetello.

In den Gassen von Orbetello kann man an diesem Herbsttag selbst dem Zirpen der Grillen noch lauschen, wenn nicht gerade aus irgendeinem Haus Musik ertönt. Denn in den Straßen und auf den Balkonen wird in diesen Tagen die Gustatus musikalisch zelebriert. Während auf den Straßen und in den Restaurants fünf Tage lang die kulinarischen Köstlichkeiten der Maremma im Mittelpunkt stehen, musizieren besonders begabte Einheimischen unter dem Applaus der Gäste auf ihren Balkonen. Doch der Trubel in den engen Straßen kann dem Charme von Orbetello nichts anhaben. Denn fast noch faszinierender als das alte Gemäuer der einstigen etruskischen und römischen Stadt, die später von Spaniern und Franzosen besetzt und von Österreichern eingenommen wurde, ist ihre wundervolle Lage.

Von der Rocca Senese in Talamone hat man einen unvergesslichen Blick auf das Tyrrhenische Meer und die Lagunenlandschaft.

Auf einem Damm, der das Festland mit der vorgelagerten Insel Argentario verbindet, liegt die 8.000 Einwohner zählende Lagunenstadt, die in der Antike sogar eine Insel war. Südlich davon rahmt der naturbelassene Dünenstreifen Feniglia und nördlich davon der Dünenstreifen Gianella mit einer Straße, an der sich Campingplätzen uns Appartementanlagen aneinanderreihen, Orbetello und die Lagunenlandschaft ein. Die Tomboli, wie man die Sandstreifen nennt, schufen eine Verbindung zwischen der Insel und dem Festland.

Nicht nur von den Bergen der Uccellina aus genießt man einen unvergesslichen Blick auf das Tyrrhenische Meer und die Lagunenlandschaft, sondern auch von der Rocca Senese in Talamone. Bevor wir den Ausblick vom Hügel genießen, trinken wir noch einen Kaffee am kleinen Hafen und schauen dem gemächlichen Treiben auf den Booten und Schiffen zu. Segelmäste füllen das Hafenbecken – im Sommer sind es wohl noch viel mehr.

Ein Weg führt nach oben zur Rocca Senese. Hier öffnet sich uns nicht nur der Blick über das unverschämt türkisfarbene Meer, sondern sogar die Inseln Giglio und Montecristo, Elba, deren zarte Konturen sich am Horizont abzeichnen, kann man erahnen. Steinige Buchten, die zuvor durch die felsige Steilküste verdeckt blieben, kommen nun zum Vorschein. Die grüngewellte Landschaft weist braune Schattierungen auf. Lachsfarbene Häuserwände fügen sich in dieses Terrakotta-Farbspiel ein und werden von der gnadenlosen Sonne wunderbar angestrahlt.

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Maremma – die wilde Toskana

Bewaldete Hügel, türkisblaues Meer: Die Maremma hat viel zu bieten.

Und dann liegt uns noch die Halbinsel Argentario mit gleichnamigem Vorgebirge zu Füßen, die mancherorts gar als achte Insel der Toskana bezeichnet wird. Unzählige Privatvillen versperren hier zwar den Zugang zu den ohnehin schon schwer erreichbaren Badebuchten, doch deuten diese auch bereits auf die Gäste hin, die sich hier erholen. Die zwei einzigen Ortschaften Porto Santo Stefano und Porto Ercole ziehen den Jetset an und sind besonders beliebt unter Touristen aus Rom und Florenz.
Und so verwundert es nicht, dass in dem Hafenbecken manch große Jacht geparkt ist.

Doch um Argentario zu genießen, muss man nicht baden gehen, sondern kann – soweit man mit Auto oder Rad unterwegs ist – den szenischen Blick von der Panoramastraße (Strada Panoramica) sowohl nach Südwesten über Porto Santo Stefano hinaus als auch nach Südosten über Porto Ercole hinaus genießen. Pinien, Korkeichen und Erdbeerbäume säumen die Straße, die beide Ortschaften miteinander verbindet. Porto Santo Stefano und Porto Ercole schmiegen sich harmonisch in die Berglandschaft, über die massive Befestigungsanlagen Filippo, Santa Caterina, Stella und La Rocca aus spanischer Zeit, dem 16. Jahrhundert, wachen.

Früher wollte Madlen Brückner nach Berlin, heute in die Welt. Sie sehnt sich immer nach dem, was sie nicht hat. Das lernte sie bereits in ihrer Kindheit östlich der Mauer. Sehnsüchte wurden zur Sucht. Ihr Blog "puriy unterwegs" soll den Blick für das Andere öffnen, um die Welt bewusst zu erleben.

Nachdem wir uns in der Bar del Porto an der Promenade am Yachthafen gestärkt haben, starten wir von der Altstadt über die kleinen Treppenaufgänge hinauf zur Rocca Spagnola. Diese befindet sich im Privatbesitz, 50 Familien leben hier. Für uns wird die Tür geöffnet, doch herrscht striktes Fotografierverbot. Zwischen den Torbögen umhüllt uns Vogelzwitschern. Wie gern würde ich zwischen dem alten Gemäuer noch länger verweilen. Über den alten Ortskern führt ein Weg wieder hinunter zum Hafen. Drei alte Männer sitzen schweigend vor einer kleinen Kneipe. In einer Seitengasse hat sich eine Katze auf einer mintfarbenen Vespa zur Ruhe gelegt. Mehr Leben ist hier nicht drin, nicht jetzt im Herbst. Und doch weht da Wäsche unter den Fenstern. Es ist ein Ort der Stille, der so viel Kraft ausdrückt.

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