Irgendwo unterhalb des Horizonts scheint sich die Sonne versteckt zu haben. Es ist der Abend des 20. Juni, als wir uns um 22 Uhr noch einmal auf die Söders Höhe begeben, um dem mittsommerlichen Lichtspiel Stockholms beizuwohnen.

Schären vor Stockholm.

Den ganzen Tag war ich bereits diesem sommerlichen Traum hinterhergejagt, als wir im strömenden Regen von Norrmalm über Gamla Stan nach Södermalm liefen, wo ich eigentlich ausgiebig shoppen und in netten Cafés relaxen wollte. Doch der Midsommar hatte mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, wir standen fast immer vor verschlossenen Türen. Wer sich an diesem Tag in Stockholm aufhält, ist fast immer Tourist wie wir.

Als dann die Sonne am Spätnachmittag herauslugte, spazierten wir den beschaulichen, kleinen Klippenweg von Södermalm entlang. Von hier genossen wir den Ausblick auf die 14 Inseln der Stadt, bevor wir hinunter zur Uferstraße Söder Mälarstrand stiegen, dort an den vielen Hausbooten nach Langholmen und über der Strandpromenade Norr Mälarstrand in Kungsholmen zurückliefen.

19 Stunden Sonnenschein sollten uns einen langen Tag bescheren – wenigstens am Abend hält die Sonne dann endlich ihr Versprechen.

Als wir den Schimmer über der Stadt entdecken, der Stockholm die ganze Nacht in ein Dämmerlicht versetzt, wissen wir, weshalb wir in den Norden gereist sind. Die schwedische Hauptstadt sollte ohnehin auch nur ein Appetizer sein. Vielleicht hatte ich zu viele Bilder im Kopf, als ich mir Mädchen mit Blumenkränzen in den Haaren in den Straßen vorstellte. Ich traf nur eine Touristin, die sich zur Begrüßung des Sommers Blumen ins Haar geflochten hatte. Zum Midsommar geht man dahin, wo es grün ist. Man fährt aufs Land oder auf eine der vielen Inseln oder man nimmt wie wir ein Schiff. Denn nirgendwo kann man das Lichtspiel besser verfolgen, als zwischen Himmel und Meer. Und so begeben wir uns am längsten Tag des Jahres auf eine Minikreuzfahrt von Stockholm nach Helsinki.

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Eine Mittsommer-Kreuzfahrt auf der Ostsee

Ein Sommertraum in Stockholm, Helsinki und den Schären.

Durch die Scheibe der New York Bar zerklüftet die Insellandschaft immer mehr, bis sie sich in der Weite der Ostsee verliert. Über den östlichen Horizont legt sich ein roséfarbener Streifen, während die Sonne auf der anderen Seite noch immer das Meer im sanften Orange anstrahlt. Knapp fünf Stunden sind wir nun mit der Tallink Silja Serenade auf dem Gewässer unterwegs – im Schärengarten vor Stockholm. Diese Überfahrt ist nicht einfach eine Fährfahrt – sie gleicht einer kleinen Kreuzfahrt, die den Gast rundum versorgt. So befinde ich mich zum ersten Mal in meinem Leben in einer Karaoke-Bar und lausche seit einer Stunde skurrilen finnischen Songinterpretationen.

Nach einem Drink suchen wir das Sonnendeck bzw. den Moonwalk auf. Trotz des langen Sommertags sind nur noch wenige Passagiere hier oben, da ein frischer Wind weht und das Duty-Free-Angebot auf den unteren Decks lockt.

Sind die Inseln vor Stockholm noch bebaut und wecken Sehnsüchte, auch einmal in solch einem ruhigen Holzhäuschen wohnen zu wollen, sind diese zerklüfteten Miniinseln, die den Ausgang aus der Schärenwelt in die offene Ostsee markieren, meist nur bewaldet. Ich kann meinen Blick nicht losreißen. Immer wieder denke ich, wie schön es hier doch ist. Als wir um 23 Uhr Åland erreichen, meint es die Natur besonders gut mit uns. Ein glutroter Streifen liegt über dem Horizont. Es ist geschäftig, eine Gruppe Biker kommt an Bord, doch nach nur 15 Minuten legen wir erneut ab.

Um Mitternacht reißen wir uns dann doch von dem Blick über die Ostsee los und suchen unsere Kabine auf. Den Vorhang ziehen wir nicht ganz zu, um das Setting als Einschlafkulisse zu nutzen.

Helsinki, von Suomenlinna aus gesehen.

Als um 6 Uhr morgens Stimmen vom Gang in unsere Kabine dringen, richtet sich mein erster Blick wieder nach draußen. Durch die Scheibe sehe ich einen weißen Schleier, der sich über das Meer zieht. Das Farbspiel der Nacht scheint in einem einzigen Grauton erstickt zu sein. Kleine Punkte tauchen am Horizont auf. Dass sich diese winzigen Punkte später zu Frachtern und Fähren verwandeln, kann man jetzt nur ahnen. Müde schlurfe ich einmal über den Flur – an der Zeit hat über Nacht auch jemand gedreht. In Finnland sind wir schon eine Stunde weiter. Bevor wir gegen 10 Uhr morgens das Schiff verlassen, suchen wir noch einmal das Sonnendeck auf. Leider hat die Sonne uns hier längst verlassen. Doch die Fahrt durch die kleinen Schären vor Helsinki ist nicht minder herrlich wie vor Stockholm.

Als wir die engen Stellen der Festungsinseln von Suomenlinna passiert haben, erscheint vor uns die Skyline von Helsinki – die Uspenski–Kathedrale, das Riesenrad Finnair Skywheel, die Marktstände und der Dom. Die finnische Hauptstadt überzeugt nicht durch Größe. Beschaulich wirkt das morgendliche Treiben am Hafen. Seltsam wirkt der Riese von Viking am Anleger auf der gegenüberliegenden Seite. Wir steuern den alten Olympiahafen neben der alten Markthalle an und prägen mit dem Fährschiff für die nächsten sieben Stunden das Antlitz der Skyline.

Für sie ist Reisen mehr als Urlaub.

Uns hält es nicht lang in der eher nüchternen Innenstadt Helsinkis. Nachdem die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abgeklappert sind, begeben wir uns wieder auf ein Boot. Die 20 Minuten entfernten Festungsinseln von Suomenlinna sind unser Ziel. Die meisten Inseln sind durch imposantes Mauerwerk aus Felsen umrandet und befestigt und teilweise über Brücken und Landengen miteinander verbunden.

Auf der Hauptstraße, die Iso Mustasaari mit Kustaanmiekka verbindet, spazieren Familien, Pärchen und Gruppen durch die Kopfsteinpflasterstraßen. Die Gemäuer wurden von drei Epochen auf der Insel geprägt – erst von den Schweden, dann von den Russen und schließlich von den Finnen. Wir schlagen den Weg gen Osten ein und kommen an der Bücherei vorbei. Nicht nur hier dominiert roter Backstein die Straßen. Auf einem Hügel thront die ehemalige orthodoxe Garnisonskirche von Suomenlinna über das satte Grün der Insel, das gelb-weiße Margeritenköpfe zieren. Am Straßenrand liegen vertrocknete Kränze, deren Blumenköpfe längst in der prallen Sonne verblasst sind. Zarte lila Fliederblüten schmücken die Hauswände. Möwen kreisen über unseren Köpfen – am Ende finden wir doch noch die perfekte Midsommar-Idylle.