Drei anstrengende und interessante Wochen am MMDC (Myanmar Media Development Centre) sind wieder einmal zu Ende. Insgesamt 50 Studenten, die ihre Ausbildung zu Fernsehjournalisten machen, haben mich überstanden - und ich sie.

Insgesamt dauert ihre Ausbildung rund zehn Monate. Das ist kurz für mitteleuropäische Verhältnisse - außergewöhnlich lang für die Region, in der sie leben.

Ich habe nur einen kleinen Teil zu ihrem Lernen beigetragen und sie bei der Produktion ihrer ersten, kurzen TV-Dokumentation unterstützt.

Anders als sonst setze ich mich nicht schon am Samstag der dritten Woche wieder ins Flugzeug über Singapur nach Sydney. Im Gegenteil: Ich fahre zum Flughafen, um meine Frau abzuholen.

Zwei Wochen Urlaub in Myanmar wollen wir an meine Arbeitswochen hier anhängen.

Die Strecke wird bald 130 Jahre alt - und fühlt sich auch so an

Marion ist nicht zum ersten Mal in Myanmar, war aber bisher nur in Yangon, der größten Stadt des Landes. Dieses Mal wollen wir nach Norden bis nach Mandalay und noch weiter.

Es gibt eine Eisenbahnverbindung von Yangon nach Mandalay. Gut 600 Kilometer auf einer Schmalspur-Eisenbahnstrecke (Meter- oder Kapspur), die im Jahr 1889 von den Briten in ihrer damaligen Kolonie eröffnet wurde.

Seitdem, so geht das Gerücht um, soll es hin und wieder Ausbesserungsarbeiten an der Strecke gegeben haben - belegt ist das nicht.

An meinem Arbeitsplatz im MMDC hatte ich von unserer Absicht mit der Bahn nach Mandalay zu fahren erzählt. Erschrockene Gesichter hatte ich geerntet. Warum ich denn nicht fliegen würde?

Oder wenigstens mit dem Bus fahren? Einer meiner Studenten bot sich sogar an, uns mit dem Auto "mal eben" nach Mandalay zu fahren. "Alles, nur nicht mit der Bahn", war der allgemeine Tenor.

Nachts gibt es auch Schlafwagen - am Tag immerhin die "Upper Class"

Wir bleiben hartnäckig. Die Bahn hatten wir uns in den Kopf gesetzt - da blieb sie auch. Die Tickets gibt es schon am Tag vor der Abfahrt in der Nähe des Bahnhofes. Bis vor Kurzem noch mussten Ausländer ihre Fahrkarten in US-Dollar bezahlen.

Das ist nicht mehr so. Die Landeswährung, der Kyat, ist jetzt auch hier willkommen. Jeden Tag fahren drei Züge auf der von uns gewählten Strecke. Um 06:00, um 15:00 und um 17:00 Uhr. Da wir unbedingt am Tag fahren wollen, um etwas zu sehen, kam für uns nur der Sechs-Uhr-Zug infrage.

Zur Wahl stehen die "Upper Class" und die "Ordinary Class". Nach all den Warnungen von meinen Kollegen und Studenten buchten wir dann doch die bessere Klasse.

Für unsere beiden Fahrscheine zusammen mussten wir knapp 20.000 Kyat bezahlen, also fast 13 Euro. Dabei sieht das Ticket sehr wertvoll aus. Mit Stempeln und Unterschrift in der Größe, wie Flugtickets früher waren. Mit Kopie natürlich und handgeschrieben.

Sitzplatzreservierung ist im Preis inbegriffen. "Bitte unbedingt eine halbe Stunde vor Abfahrt am Bahnhof sein", gab uns der Schalterbeamte mit.

Sind wir. Um Punkt fünf Uhr steht der Taxifahrer vor dem Hotel und 15 Minuten später läd er uns am Bahnhof wieder aus. Ein beeindruckendes Gebäude. Erbaut wurde der Bahnhof von Rangun, wie die Stadt damals noch hieß, im Jahr 1877 von der britischen Kolonialmacht.

Zerstört wurde er auch von den Briten, als sie im Jahr 1943 vor den japanischen Truppen aus Burma flüchteten. Rund zehn Jahre später wurde er, jetzt im landesüblichen - nicht mehr viktorianischen - Stil, wieder aufgebaut.

Ohne Unterstützung aus China würde hier kaum ein Zug fahren

Es ist ordentlich was los auf den Bahnsteigen. Neben ein paar Fernzügen fahren auch die Regionalzüge, vor allem die Ringbahn, um diese Zeit ab. Mehrmals werden unsere Fahrkarten kontrolliert und dann stehen wir vor dem Wagen, in dem wir unsere Reise machen werden.

Die acht Wagen und die Diesellokomotive sind ein Geschenk der Volksrepublik China. In diesem Fall haben die Chinesen relativ gut erhaltene Gebrauchtgegenstände verschenkt.

Das Innere unseres Wagons sieht sehr benutzt aus. Teile der Deckenverkleidung fehlen, Lampen hängen lose von der Decke, der Boden besteht teilweise aus von vielen Schuhen blankgeriebenem Metall.

Die hellblauen Überzüge auf den Sitzen sind offensichtlich frisch gewaschen, der Duft von Waschmittel liegt in der Luft. Fast alle Sitze stehen in Fahrtrichtung - so, wie unsere. Ganz klassisch kommt unser kleiner Koffer in ein Gepäcknetz über unserem Sitzpaar.

Theoretisch lassen sich die Lehnen verstellen. Zu funktionieren scheint das aber nur bei sehr wenigen der Sitzplätze. Marion sitzt am Fenster, weit zurückgelehnt, ich werde wohl in fast aufrechter Körperhaltung reisen müssen.

Verstellen lässt sich bei uns nichts. Trotzdem sind die "Reisesessel" bequem, ich kann meine Beine ziemlich entspannt ausstrecken.

Auf die Minute pünktlich: ein kräftiger Ruck geht durch den Zug

Es ist 05:57 Uhr. Eine Lautsprecherdurchsage in Birmanisch, der offiziellen Amtssprache, gefolgt von einer Ansage in einer Art von Englisch. 05:59 ertönt ein schriller Pfiff von der Bahnsteigkante und eine Flagge wird geschwenkt.

Punkt sechs Uhr bläst ein kräftiges Hornsignal von der Lokomotive und fast gleichzeitig ruckt der Zug langsam an. Mit etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit verlassen wir den Bahnhof der größten Stadt Myanmars. Vom ersten Moment begleitet uns das "KlickeDiKlack" der Räder an den Schienenstößen. Es wird unsere Melodie für den ganzen Rest der Fahrt sein.

Durchgehend geschweißt ist hier natürlich nichts, das gibt es auch in Deutschland erst seit den 60er Jahren. Stück für Stück sind die Schienen aneinandergeschraubt wurden. Durch die Abnutzung sind an den Schienenstößen teilweise tiefe Furchen entstanden, in die die eisernen Räder des Zuges hineinkrachen.

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Myanmar: Eine abenteuerliche Reise mit der Eisenbahn

Mit einer Eisenbahn durch Myanmar zu reisen ist ganz schön gewagt. Unser Blogger hat diese Fahrt dennoch auf sich genommen und eine erstaunliche Geschichte zu erzählen.

Egal wo in Myanmar: Pagoden gehören zum Landschaftsbild

Langsam wälzt sich der Zug mit ächzenden Federn in Richtung Osten und dann nach Norden. Lange und langsam geht es durch Ortsteile von Yangon. Kinder spielen an den Gleisen, Marktstände sind aufgebaut und Bahnübergänge sind zum Teil nicht mit Schranken gesichert, sondern mit fahnenschwenkenden Männern.

Hin und wieder ist ein Nebenarm des mächtigen Iriyawaddy-Flusses zu sehen und immer und überall stehen Schreine und Pagoden mit goldenen Dächern.

Langsam wird es grüner rechts und links der Strecke. Wir sehen künstliche Teiche, in denen Fische und Krustentiere gezüchtet werden, und riesige Geflügelställe, um den enormen Bedarf an Hühnern und Enten zu decken.

Große, sumpfige Fläche gibt es und auch hier: Pagoden, Tempel und Schreine vielfach mit goldbelegten Dächern. Der Zug rumpelt von Schienenstoß zu Schienenstoß. Zudem schwanken die Wagen oft so heftig hin und her, dass man sich selbst dann wenn man sitzt, gut festhalten muss.

Und plötzlich wird jeder Wagen zum Speisewagen

Unser erster planmäßiger Halt ist im Bahnhof der alten Kaiserstadt Bago. Knapp zwei Stunden waren wir für die ersten 90 Kilometer unterwegs. Nur wenige Reisende stehen auf dem Bahnsteig. Dafür umso mehr Händler, die lautstark ihre Waren anpreisen.

Der Zug steht zwei oder drei Minuten, dann ist wieder deutlich das Horn der Lokomotive zu hören und die Wagen setzen sich langsam und ruckelnd in Bewegung. Es scheint, als hätten die fliegenden Händler genau auf diesen Moment gewartet. Die Türen werden gestürmt und mit ihren Tabletts, Töpfen und Kiepen drängen sicherlich ein paar Dutzend der Verkäufer in die Wagen.

Innerhalb von weniger als einer Minute stehen in unserem Wagon sieben oder acht Frauen und ein Mann, die alle laut und deutlich versuchen, ihre Produkte an die Reisenden zu bringen.

Exotische Düfte durchwabern den Zug. Von "nacktem" Reis über geröstete Hühnerfüße bis hin zu dampfenden Suppen - es gibt eine riesige Auswahl und es scheint, als würden die Händler von uns Ausländern die gleichen Preise verlangen, wie von den Einheimischen. Alles andere als selbstverständlich.

Es ist heiß geworden und eine Klimaanlage gibt es nicht. Alle Fenster sind weit geöffnet, an der Decke unseres Wagons sind, direkt über dem Mittelgang, mindestens 20 Ventilatoren angebracht. Sie schwenken hin und her, einige werden von Reisenden abgeschaltet, da sie ohrenbetäubende Geräusche machen.

Gegen 16:00 Uhr erreichen wir Naypyidaw, seit 2005 ist sie die Hauptstadt von Myanmar. Angeblich sollen hier schon rund eine Million Menschen leben. Wenn man durch die leeren Straßen läuft, fällt es schwer das zu glauben. Der Zughalt ist kurz, immerhin haben wir bereits rund eine Stunde Verspätung.

Selbstverständlich für die wichtigste Bahnverbindung im Land: Toiletten an Bord

Die meisten fliegenden Händler verlassen den Zug, andere steigen zu. Weniger Lebensmittel sind jetzt im Angebot, dafür werden mehr Getränke in allen Farben des Regenbogens angeboten.

Noch sechs Stunden bis Mandalay, dem Ziel unserer Bahnreise. Ein deutliches Bedürfnis drängt mich auf die Toilette. Es gibt sogar zwei in unserem Wagen. Eine an jedem Ende - schließlich ist das hier die "Upper Class", in der "Ordinary Class" müssen die Fahrgäste mit nur einer auskommen.

Die Toiletten sind im Prinzip ebenso, wie sie in deutschen Reisezugwagen bis vor ein paar Jahrzehnten auch waren. Nur, dass statt der Toilettenschüssel einfach ein Loch im Boden ist, durch das man die Schwellen und das Schotterbett sehen kann.

Eigentlich eine Stehtoilette, so wie in vielen Regionen der Welt völlig selbstverständlich. Der Unterschied: Der Zug schaukelt während der Fahrt so heftig, dass viele Benutzer des "Stillen Örtchens" wohl große Probleme beim Treffen des Lochs hatten.

Endlich in Mandalay - nach 16 Stunden im "Express"

Draußen wird es langsam Dunkel und es scheint, als würden die staatlichen Eisenbahnen uns zeigen wollen, dass die Elektrik hervorragend funktioniert. Dutzende von grellweißen Leuchtstoffröhren werden eingeschaltet. Drinnen ist es nun wieder taghell - draußen sieht man nichts mehr. Schade.

Ratternd und schlingernd fahren wir über Weichen und Kreuzungen, wechseln in kurzen Abständen die Gleise. Bald geht es nur noch mit Schrittgeschwindigkeit voran.

Der Bahnhof von Mandalay, der zweitgrößten Stadt des Landes, liegt vor uns. Es ist kurz vor 22 Uhr, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von unter 40 Kilometern pro Stunde sind wir kräftig durchgeschüttelt worden. Der Rücken schmerzt, der Kopf sowieso.

Ob es für mich ein Fazit gibt nach dieser Reise? Ja, gibt es. Es war ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte in einem Land, das ich immer sehr gern besuche. Ob ich noch einmal in Myanmar mit der Bahn fahren würde, so, wie sie jetzt ist? Nein!

Blogger Dieter Herrmann

Beruflich ist Dieter Herrmann immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten als Ausbilder unterwegs. Privat will er es jetzt etwas ruhiger angehen und lebt deshalb seit einiger Zeit in Australien und berichtet aus der Region. Im Blog schreibt er auch über seine Erlebnisse auf Reisen.