Endlose Birken- und Lärchenwälder ziehen an mir vorbei. Dazwischen immer wieder Wiesen, die das Farbspektrum der Spätblüher abdecken. Ich versuche mich aus dem Fenster zu lehnen, um die Holzhäuser mit ihren liebevollen Gärtchen aufs Bild zu bekommen. Doch die Bahn ist zu schnell. Sie ist nicht immer so schnell, aber eben genau in diesem Moment.

Kasaner Kreml: Die Mariä-Verkündigungs-Kathedrale im Kasaner Kreml ist ein Baudenkmal der russischen Kultur des 14. bis 19. Jahrhunderts.

Ich sage mir, dann fotografiere ich eben später, schließlich bleiben mir ja noch ein paar Tage in der russischen Bahn. Doch die Orte, in denen ich das Schienennetz der Transsib verlasse, um festen, anstatt rollenden Boden zu spüren, geben nicht ganz den Dorfkulissencharakter frei, der sich mir vom Zugfenster bietet. An jeder Station bräuchte man Zeit, man müsste ins Umland fahren. Doch unser Zeitplan ist straff. Um jene Orte, die mir ein erstes Stück Russland vermitteln – Moskau, Kazan, Jekaterinburg, Krasnojarsk – soll es im ersten Teil meiner Stationen der Transsibreise gehen:

Moskau

Nach fast einer Stunde Bootstour überschlagen sich plötzlich die Gefühle, als hinter dem Brückenpfeiler die farbigen Zwiebeltürme sichtbar werden. Das ist nicht wahr, da steht sie jetzt wirklich, die Basilius Kathedrale! Der Blickwinkel verschwimmt, ich bin jetzt wirklich hier, nur wenige hundert Meter von der Basilius-Kathedrale entfernt und eh ich es so richtig fassen kann, ist unser Boot schon unter der Brücke verschwunden und die Kathedrale nicht mehr sichtbar. Wir starteten mit der Erkundung Moskaus per Boot – von der Metro Station Kievskaya bis zur Bolshoy Krasnokholmsky Brücke.

Am nächsten Tag kehren wir zu Fuß zurück. Durch den Alexandergarten führt uns der Weg an der Kremlmauer entlang zum Roten Platz, der seinen Namen nicht aufgrund der roten Farbe, sondern aufgrund seiner Schönheit (Doppeldeutigkeit des Worts krasnoeje) erhielt. Doch seine Schönheit bleibt an diesem Tag von Tribünen und Absperrgittern verdeckt. Da träume ich ein Leben lang von diesem Augenblick und plötzlich ist alles verbaut, zugebaut, einfach nicht schön! Ich laufe nervös weiter runter am GUM vorbei zur Basilius-Kathedrale. Der Märchenzauber von gestern ist ebenso verflogen. Was ich schön finde, finden andere allemal genauso schön. Mein Blick schweift weiter über das Gitter.

An der eingezäunten Kremlmauer entdecke ich das nächste unerreichbare Ziel – das Lenin-Mausoleum. Wo es hingegen fast immer reingeht, nachdem man sich in der langen Schlange an der Kasse in Geduld geübt hat, ist der Kreml. Wir schließen uns den unzähligen Touristengruppen an und überqueren im Gänsemarsch die Brücke durch den Dreifaltigkeitsturm, um in das Kremlinnere zu gelangen. Die rote Mauer ist durchbrochen, die einst Iwan III erbauen ließ. Und schon eröffnet sich uns der überwältigende Blick auf den mächtigen staatlichen Kremlpalast aus Glas und Marmor. Schön wird es dahinter, wo die Zwiebeltürmchen der Kirchen auf dem Kathedralenplatz in den Himmel ragen. Mariä-Himmelfahrt-Kirche, Gewandniederlegungskirche, Mariä-Verkündigungs-Kathedrale, Erzengelkathedrale – ein Meer an goldglänzenden Zwiebeln tut sich vor mir auf. Jede Kirche ist im Inneren mit verzierten Ikonenbildern ausgestattet. Vor diesem Augenschmaus findet man die größte Glocke der Welt, die nie erklang sowie die 40 Tonnen schwere Zarenkanone, die nie zum Einsatz kam.

Dahinter liegen wunderschöne Grünflächen mit Rosenhecken und Apfelbäumen, deren Duft uns noch auf dem Weg bis zum Bolschoi-Theater begleitet. Von hier nehmen wir dann einen "Hop on, Hop off"-Bus: Die prächtige Ilinka Straße, die Christi-Erlöser-Kathedrale, das einstige Künstlerviertel Arbat, der Bolotnaja Platz, das Außen- und Verteidigungsministerium oder das Ukraine-Hotel – alle ziehen sie an unserer Scheibe vorbei. Wir bekommen auf die Schnelle das wichtigste der Stadt neben dem Kreml zusammengefasst, wofür wir sonst wohl noch 1-2 Tage gebraucht hätten.

Kazan

Jekaterinburg: Ein Überbleibsel alter Zeiten: Den Platz 1905 goda ziert ein übergroßes Lenindenkmal.

Kazan liegt zwar nicht auf der Transsibroute, doch als wir durch die Stadt schlendern, begreifen wir, weshalb uns ein Stopp empfohlen wurde. Kazan ist mit seinen restaurierten Häusern, zahlreichen Moscheen, Kirchen und sogar einem eigenen Kreml (UNESCO-Weltkulturerbe) eine kleine Überraschung.

Auf einer kleinen Anhöhe am Ufer der Kazanka thront er von einer weißen Mauer umgeben über der Stadt. Durch den Erlöser-Turm gelangt man in sein Innenleben – hier schlendern wir zwischen Regierungsgebäuden der Republik Tatarstan, Museen, Sjüjümbike-Turm sowie der Maria-Verkündigungskathedrale und der Palastkirche. Unzählige Hochzeitspaare sehen hier ihre perfekte Fotokulisse.

Ein besonderer Augenschmaus ist die 2005 eingeweihte Kul-Scharif-Moschee. Will man einen ganzheitlichen Eindruck von der Stadt erhalten und nicht nur auf sie drauf blicken, kann man dies mit einem "Hop on, Hop off"-Bus tun. Es empfiehlt sich dabei, nicht beim Kreml aufzusteigen, sondern an der Kreuzung Baumana Straße und Tatarstan Straße – um einen guten Platz zu ergattern. Kazan strahlt mit seinen schönen historischen Gebäuden Geschichte und mit seinen Glaspalästen Moderne zugleich aus.

Jekaterinburg

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Mit dem Zug durch Russland

Eine Fähre legt ab, Möwen begleiten sie auf ihren Weg. Nirgends ist man dem Schwarzen Meer so nah wie in Sozopol und Nesebar.

Vergeblich suche ich am Bahnhofsgebäude den Schriftzug mit Sverdlovsk wie die Stadt einst von 1924 bis 1991 hieß. Scheinbar hat man in der Zwischenzeit die Buchstaben ausgetauscht und der Name des bolschewistischen Ministerpräsidenten Jakov M. Sverdlovsk ist endgültig aus dem Stadtbild Jekaterinburgs verschwunden. Umso präsenter ist Zarenfamilie, die hier 1918 ermordet wurde. Ihre Überreste wurden an einem geheimen Platz verscharrt, doch nach der Perestroika nahm man die Suche nach diesen wieder auf und wurde vor den Toren der Stadt tatsächlich fündig. Die nach der Schutzpatronin, der heiligen Ekaterina, benannte Stadt, lohnt sich für einen Zwischenstopp auf der Transsib-Strecke, wenn man nicht nur im Zug sitzen möchte.

Neben der präsenten sozialistischen Bauweise findet man auch schöne, alte Kaufmannsvillen und kleine Parkstreifen. So lädt eine Promenade am Stadtteich und Iset-Fluss zum Schlendern ein und man kann zudem einen Abstecher in das Literatenviertel machen. Wir fahren mit der Metro zwei Stationen vom Hauptbahnhof zur Station Pl. 1905 goda, um diese Gegend per Fuß zu erkunden. An der Straße 8 Marta findet man zudem einige Cafés und Restaurants und auf dem 1905 goda eine übergroße Lenin-Statue. Jekaterinburg zählt eher zu den schwächeren Stationen an der Transsibstrecke, aber wer sagt schon, dass jeder Ort nur schön sein muss, um besucht zu werden?

Krasnojarsk

Früher wollte Madlen Brückner nach Berlin, heute in die Welt. Sie sehnt sich immer nach dem, was sie nicht hat. Das lernte sie bereits in ihrer Kindheit östlich der Mauer. Sehnsüchte wurden zur Sucht. Ihr Blog "puriy unterwegs" soll den Blick für das Andere öffnen, um die Welt bewusst zu erleben.

Die drittgrößte Stadt Sibiriens, Krasnojarsk, liegt landschaftlich recht idyllisch direkt am Jenissei und von Hügeln umringt. Sie soll zu den schöneren Städten Sibiriens zählen. Als wir das Bahnhofsgebäude verlassen, suche ich jedoch einen Moment die viel gepriesene Schönheit. Der Jenissei ist ein Stück entfernt und auch die Gebirgszüge sind weit und breit nicht in Sicht. Stattdessen fällt der erste Blick hinter dem ordentlichen Bahnhofsvorplatz auf Plattenbauten. Die Stadt ist recht überschaubar und leicht zu begreifen. Das wichtigste befindet sich an der Friedensstraße und der Karl-Marx-Straße. Parallel zu diesen Hauptstraßen fließt der Jenissei, der fünft längste Fluss der Erde.

Hier kann man in der Hochsaison Schifffahrten ins Umland machen, doch diese Saison ist vorbei. Also suchen wir nach einer Alternative und finden diese im Wahrzeichen der Stadt, das auf einem entfernten Hügel thront. Es handelt sich um die Paraskeva-Kapelle, die aktuell auch noch auf den 10-Rubel-Scheinen blinkt. Schnell wird ein Fahrrad geliehen und los geht's. Als wir es endlich geschafft haben, uns durch den immensen Straßenverkehr zu kämpfen, werden wir hier oben mit einem herrlichen Blick über die Stadt belohnt. Vom Holzhaus über den Plattenbau bis zur klassischen Industrieanlage sieht man hier alles.

Wir radeln wieder den Hügel hinab am Jenissei entlang und begreifen, weshalb man in dieser radunfreundlichen Stadt überhaupt Räder vermietet. Erholung von Autos, Arbeit, Lärm findet man am Fluss. Direkt am Jenissei ist das Terrain für Radfahrer und Flaneure. Krasnojarsk ist eine Stadt im Kontrast, ein Miniatur-Russland – von der Babuschka mit Kittelschürze über hübsche Frauen, die auf High Heels balancieren, bis zu jungen, modernen, westlich orientierten Teenagern findet man hier alles.

Im Teil 2 meiner Stationen der Transsibreise geht es nach Mittelsibirien — Irkutsk, Olchon und Ulan-Ude.