Nein! Ich will diesen Unsinn nicht mehr lesen! Die völlig irreführenden Behauptungen. Und das alles, nur um der Schlagzeile willen.

Gerade ging das RTL-Dschungelcamp zu Ende, da kam wieder einmal die Online-Ausgabe eines Blattes, das sich mal auf die Fahnen geschrieben hatte, "Fakten, Fakten, Fakten" zu publizieren, mit dem großen Schocker: in Australien gibt es giftige Tiere!

Natürlich hat die erwähnte Website Recht, so wie auch die vielen anderen Medien, die das alljährliche "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus" zum Anlass nehmen, über "tödliche" Gefahren, die bei einem Australienaufenthalt lauern könnten, zu schreiben. Die gefährlichen Tiere gibt es hier – aber muss denn immer so maßlos übertrieben werden?

Touristen als Leckerbissen für Krokodile?

So habe ich gerade in einem deutschen Magazin gelesen, dass beim Baden im Meer (hier ist gerade Hochsommer) das Risiko immer mitschwimmt und im Wasser giftige Kraken und Quallen offensichtlich nur auf den fröhlichen Schwimmer oder Surfer warten.

Was den Schienenverkehr angeht, ist Australien Entwicklungsland.

An Land soll man demnach kaum sicherer sein. Giftige Schlangen und Spinnen seien für die meisten Gift-Toten in Australien verantwortlich. Und dann, liebe Touristen, aufgepasst: Haie, Rochen und meterlange Krokodile würden fast überall auf ihre Leckerbissen warten.

Mehr als fünf Jahre lebe und arbeite ich jetzt hier DownUnder. Unser Haus ist 300 Meter vom Strand entfernt und natürlich gehen wir ins Wasser, so wie alle anderen hier auch. Ganz klar, dass wir schon etliche Mal durch das schier unendliche Outback gefahren sind und lange hat der wöchentliche Bushwalk zu unseren regelmäßigen Beschäftigungen gehört. Und tatsächlich: vor einiger Zeit hatte eines unserer Kinder sehr unangenehmen Kontakt im Meer.

Die Portugiesische Galeere greift an...

Beim Schwimmen kam Thilo mit den bis zu 10 Meter langen Tentakeln einer Qualle in Berührung. Der Körper des Tieres selbst hat nur eine Größe von rund 10 Zentimetern. Die Qualle wird hier in Australien wegen ihrer Farbe als "Blue Bottle" bezeichnet. Der korrekte deutsche Begriff lautet "Portugiesische Galeere".

Anders als in vielen Horrorgeschichten immer wieder behauptet, kann diese Qualle nicht stechen. Ihre Tentakeln sind mit Nesselzellen besetzt, die ihre Wirkung durch einfache Berührung mit der menschlichen Haut entwickeln. Es brennt heftig – doch durch abwaschen mit sehr warmem Wasser wird der Schmerz schnell gelindert.

Blogger Dieter Herrmann

Er schreibt aus seiner Wahlheimat Australien und über seine Erlebnisse bei beruflichen Reisen in Krisengebiete.

In den Berichten zu den Gefahren, die "überall in Australien lauern", kann man von Taipanen, Tigerschlangen, Blauringkraken, Kegelschnecken, Bulldoggenameisen und etlichen anderen Tieren lesen, denen der Australienreisende mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemals begegnen wird. Es sei denn er besucht Zoo oder Aquarium z.B. in Sydney.

Zahlen werden in den Berichten über die tödliche Tierwelt Australiens selten genannt. Die ganze Spannung und das leise Grausen wären womöglich dahin. Da ich mich nicht auf die Medien verlassen wollte, auch nicht auf die australischen, habe ich mich mit dem "Australian Bureau of Statistics", einer Behörde, die dem Statistischen Bundesamt entspricht, in Verbindung gesetzt. Genaue Zahlen für das Jahr 2016 liegen noch nicht vor, das wird wohl noch ein paar Monate dauern. Doch für 2015 gibt es alle Daten.

Enttäuschende Zahlen für manchen Redakteur in Deutschland

Die gefährlichsten Tiere sind offensichtlich die eigenen Haustiere. Allein durch Hunde oder Pferde sind 2015 sechs Menschen getötet worden. Drei Männer starben nach Haiangriffen, zwei Frauen durch Schlangenbisse. Ein Mann wurde von einem Krokodil ins Wasser gezogen und ertrank, eine Frau wurde Opfer eines Wespenstichs. Mehr tödliche Begegnungen mit Tieren kann ich nicht bieten.

Und was ist jetzt mit all den anderen lebensgefährlichen Wildtieren? Mit den Spinnen und Taipanen? Mit dem gefährlichen Oktopus und dem Steinfisch, dem giftigsten aller bekannten Fische? Nichts! Zumindest im Jahr 2015 gab es keine Todesopfer.

Vorsicht! Hunde und Pferde

Die Statistiker können auch Zahlen über zurückliegende Zeiträume liefern – und auch diese sind durchaus interessant:

  • An der Spitze der Liste sind tödliche Quallen. Seit 1883 sind 66 Menschen durch Kontakt mit der Seewespe und der Würfelqualle gestorben. Weniger als ein Opfer alle zwei Jahre.
  • Seit 1915 wurde ein Mensch durch den Steinfisch getötet.
  • In den letzten 100 Jahren starben drei Menschen durch den Biss der winzigen Blauringkrake.
  • Haie greifen tatsächlich hin und wieder an. In den zurückliegenden 20 Jahren wurde durchschnittlich 2 Menschen pro Jahr durch einen der Meeresräuber getötet.
  • Ähnlich verhält es sich bei Giftschlangen. Die Statistik zeigt, dass es in diesem Land, das mehr als 20 mal so groß ist wie Deutschland, durchschnittlich weniger als zwei Menschen pro Jahr Opfer eines Schlangenbisses werden.
  • Bleiben vor allem die Spinnen, vor denen immer wieder reißerisch gewarnt wird. Seit 1979 (aus der Zeit davor habe ich keine verlässlichen Zahlen) ist in Australien niemand durch den Biss einer Giftspinne gestorben.

Da haben wir also im ganzen Jahr 2015 insgesamt acht Todesopfer durch wilde, gefährliche Tiere gehabt – und bei jeder sich bietenden Gelegenheit waren diese Unfälle es wert, seitenlange Artikel über ihre Tödlichkeit zu verfassen. Warum?

Wenn Sie also das nächste Mal Überschriften wie "Die gefährlichsten Tiere der Welt", "Tödliches Australien", Überlebensratschläge für Down Under" oder "Australien, der giftige Kontinent" lesen, lassen Sie sich nicht blenden!

Hier unten leben über 22 Millionen Menschen, die in jedem Jahr von fast 4,5 Millionen Touristen besucht werden. Mit nur ein bisschen Umsicht und Verstand muss hier niemand Angst vor tödlichem Tieren haben.