Vor gut zwei Monaten sorgte die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft mit der überraschenden Silbermedaille bei Olympia für Furore. Vor der nun beginnenden Eishockey-WM in Dänemark ist jedoch genau dieser Erfolg eine schwere Bürde.

Vielen Sportfans werden die Bilder Ende Februar bei den olympischen Winterspielen von Pyeonchang noch vor Augen sein.

Kurz vor Ende der regulären Spielzeit führt die deutsche Eishockey-Auswahl in einem packenden Finale gegen den Favoriten Russland mit 3:2, ehe die russische Förderation 56 Sekunden vor der Schlusssirene die Verlängerung erzwingt.

Der Rest ist Geschichte. Das DEB- unterliegt in der Overtime mit 4:3 und sichert sich eine überraschende, aber nicht minder verdiente Silbermedaille. Die erste der Verbandsgeschichte.

Euphorie trübt den Blick auf die Realität

Doch genau dieser Erfolg vor zwei Monaten trübt den Blick auf die bevorstehende Eishockey-WM in Dänemark.

Plötzlich erscheint das DEB-Team in der Wahrnehmung vieler als Mitfavorit auf den WM-Titel. Nach dem erfrischenden und mutigen auftreten bei Olympia erlebte das deutsche Eishockey einen bislang noch nie dagewesenen Boom.

Diese Euphorie sollte aber nicht den Blick auf die neuen Realitäten trüben, die sich schon im deutschen Kader zeigen: Dort fehlen im Vergleich zum Sensationserfolg in Pyeonchang gleich mehrere Akteure.

Allen voran Kapitän Christian Ehrhoff. Der ehemalige NHL-Profi beendete nach dem Olympia-Erfolg seine Karriere. Damit fehlt Headcoach Marco Sturm nicht nur der beste Verteidiger im Teams, sondern auch der Leader.

Im Angriff hat sich die Situation ebenso verändert. Marcel Goc (Adler Mannheim) und sein Sturmpartner Patrick Reimer (Eisbären Berlin) werden ebenfalls nicht mehr für die Nationalmannschaft auf dem Eis stehen.

Und Keeper Danny aus den Birken, der bei Olympia so sensationell hielt, muss verletzt passen. Von den 25 Silbermedaillen-Gewinnern sind im deutschen Team nur noch zehn übrig.

Hoffnungen ruhen auf 22-jährigem Kölner

Allerdings gibt es auch positive Nachrichten für Marco Sturm.

Neben NHL-Routinier Dennis Seidenberg von den New York Islanders und Korbinian Holzer von den San Jose Sharks, steht Sturm auch das deutsche Wunderkind wieder zur Verfügung: Leon Draisaitl.

Der Stürmerstar der Edmonton Oilers ist trotz seines jungen Alters von 22 Jahren der absolute Hoffnungsträger im deutschen Team - und mit seinem 68 Millionen Dollar dotierten NHL-Vertrag auch der bestbezahlte deutsche Eishockey-Crack.

Die drei NHL-Cracks sollen nun bei der WM die starke Achse der deutschen Mannschaft bilden.

Doch nicht nur das DEB-Team kann wieder auf seine NHL-Stars zurückgreifen. Auch die Turnierfavoriten Kanada, USA, Schweden, Tschechien und Russland sind gespickt mit Weltklassespielern aus der stärksten Eishockeyliga der Welt.

Und genau dort liegt der große Unterschied zu den Spielen in Pyeonchang.

Obwohl die deutsche Mannschaft dort ein fantastisches Turnier gespielt hatte, war der Qualitätsschwund in den Top-Teams aufgrund fehlender NHL-Stars doch gravierender als in der DEB-Auswahl, was dieser im Verlauf der Spiele durchaus entgegenkam.

DEB ruft Viertelfinale als Ziel aus

Vor diesem Hintergrund sollten auch die WM-Erwartungen an das neue DEB-Team angepasst werden, wie Marco Sturm betont: "Das Halbfinale bei einer WM ist ziemlich weit weg. Es ist ein neuer Anfang, ein komplett anderer Kader als vor zwei Monaten. Deswegen wird es für uns enorm schwierig werden, an die Erfolge anzuknüpfen."

Allein in den Gruppenspielen warten Kracher-Partien wie gegen Kanada, die USA und Finnland. Und auch der Auftakt heute Abend gegen Gastgeber Dänemark wird kein leichter, wie das verlorene Testspiel vor wenigen Tagen gezeigt hat.

Druck gibt es vor allem in den Partien gegen Lettland, Norwegen und Südkorea, in denen das deutsche Team punkten sollte, um als eine der besten vier Mannschaften beider Gruppen ins Viertelfinale einziehen zu können.

"Wir spüren den Druck, der ist größer als früher", erklärt Sturm im Interview mit der Deutschlandwelle und gibt die mentale Marschrichtung vor: "Olympia müssen wir endgültig abhaken."

Von einer Favoritenrolle, die manche nun also aus der olympischen Silbermedaille ableiten wollen, kann und darf keine Rede sein. Und doch ist das selbstgesteckte Ziel hoch genug.

Aktuell belegt Deutschland in der Weltrangliste den siebten Platz - und den wolle man verteidigen, betont Sturm: "Dazu müssen wir ins Viertelfinale."