Der Satz "wir haben die beste Fahrerpaarung" gehört seit geraumer Zeit zum Standardrepertoire zahlreicher Formel-1-Teamchefs. Aus Williams-Reihen dürfte diese geflügelte Phrase dieses Jahr selten zu hören sein, zu sehr ist das Team bei diesem Thema in der Defensive. Mit Lance Stroll (19 Jahre) und Sergei Sirotkin (22) verfügt der Traditionsrennstall über eine der unerfahrensten Fahrerpaarungen in der Formel 1 2018.

Als Sirotkin bei der Fahrerauswahl auch noch Publikumsfavorit Robert Kubica ausstach, obwohl er die Anforderungen von Williams' Hauptsponsor nicht erfüllt (mindestens 25 Jahre alt, was das Totschlagargument gegen Pascal Wehrlein war), stand der Vorwurf des Bezahlfahrers schnell im Raum. Natürlich wehrt sich die Chefetage in Grove heftig gegen diesen Vorwurf. "Wir treffen solche Entscheidungen nicht leichtfertig und setzen nur talentierte Fahrer in unsere Autos. Dieser Sport ist gefährlich. Da nehmen wir nicht einfach jemanden, nur weil er Geld mitbringt", sagt Teamchefin Claire Williams.

Sirotkins Russland-Millionen ein "netter Bonus"

"Ja, wir sind ein unabhängiges Team", so die 41-Jährige weiter. "Ja, Geld ist heutzutage schwer zu bekommen - nicht nur für unseres, sondern für jedes Team. Ich glaube nicht, dass in den vergangenen Saisons viele Formel-1-Teams neue Sponsoren gewonnen haben. Wenn ein Fahrer finanzielle Unterstützung hat, ist das ein zusätzlicher Bonus. Aber es ist nicht die Grundlage für einen Entscheidungsprozess bei Williams. Wenn wir unsere Fahrerentscheidungen treffen, spielt das keine Rolle."

Technikchef Paddy Lowe ergänzt eine Anekdote zum Auswahlprozess bei den Formel-1-Testfahrten in Abu Dhabi 2017: "Wir hatten ein rein technisches Team vor Ort, das Sergei ausgewählt hat. Dieses Team wusste überhaupt nichts über den finanziellen Background und solche Dinge, weil sie darin gar nicht drin involviert sind. Sie haben die Auswahl anhand der Daten getroffen, die sie erhalten haben." Sirotkin ist der erste Formel-1-Fahrer aus dem SMP-Nachwuchsprogramm, das eine große Zahl von Fahrern aus Russland, Osteuropa und Skandinavien nach Red-Bull-Vorbild unterstützt.

Für Claire Williams ist es immer "aufregend", wenn junge Talente in die Formel 1 kommen. "Ich freue mich darauf zu sehen, wie Sergei sich schlägt. Es ist ja nicht so, dass er gar keine Erfahrung hat. Immerhin ist er in der GP2 (heute Formel 2; Anm. d. Red.) zweimal in Folge Gesamtdritter geworden. Renault hat sein Talent erkannt und ihn zum Ersatzfahrer gemacht. Unseres Erachtens hat er beim Abu-Dhabi-Test einen phänomenalen Job gemacht."

Lance Stroll: Besser als sein Ruf?

"Sergei gehört vielleicht zu jenen Fahrern, über die man noch nicht so viel gehört hat - aus welchen Gründen auch immer. Ich glaube, dass er viele Leute in diesem Jahr überraschen wird. Seine technischen Fähigkeiten und seine effiziente Herangehensweise auf der Strecke sind beeindruckend. Ich hoffe sehr, dass er mit uns ein gutes Jahr haben wird."

Lance Stroll, der 2016 noch überlegen Formel-3-Europameister wurde, musste in der Formel-1-Saison 2017 erfahren, wie groß der Sprung wirklich ist, wenn man die Formel 2 auslässt. Allerdings verstand er es, Chancen perfekt zu nutzen, wenn sie sich anboten. So etwa in Baku mit dem Podiumsplatz oder im Monza-Qualifying mit einem Startplatz in der ersten Reihe. Andererseits war er häufig deutlich langsamer als Routinier Felipe Massa.

"Es gibt da noch eine Statistik, die kaum beachtet wird", wirft Lowe ein. "Lance hat 2017 die meisten Positionen von allen Fahrern in der Formel 1 in der ersten Runde gut gemacht. Möglichst viele Positionen in der ersten Runde gut zu machen ohne dabei zu aggressiv vorzugehen und jemandem reinzufahren - das gehört zu den drei bis vier wichtigsten Eigenschaften, die ein Topfahrer mitbringen muss. Lance ist darin extrem stark. Ich bin mir sicher, dass er in seinem zweiten Jahr noch mehr Punkte holen wird. Er hat eine fantastische Entwicklung genommen. Das ist etwas, was relativ wenig beachtet wird."

Fernando Alonso wäre Bezahlfahrer

Dass neue Fahrer Geld mitbringen, wenn sie in der Formel 1 an den Start gehen, sei nichts Neues, rechtfertig Williams ihr Vorgehen. "Gott sei Dank tun sie es. Ich denke, es ist unglaublich naiv, wenn jemand sagt: 'Er ist nur ein Paydriver.' Es ist toll, wenn ein Fahrer entsprechende Partner hat - toll für das Team und toll für den Fahrer. Es ist ein teurer Sport, nicht nur in der Formel 1. Wir würden so viele Talente verpassen, wenn sie keine finanziellen Partner hätten, die sie durch die Nachwuchsserien begleiten und in die Formel 1 bringen."

Ihrer Logik zufolge müsste Fernando Alonso ebenfalls als Bezahlfahrer gelten: "Santander folgt ihm zu jedem Team. Man könnte meinen, er sei ein Paydriver - ich würde so etwas nicht tun. Ich denke vielmehr, dass diese Terminologie sehr verwirrend ist. Es ist falsch und unnötig und bringt eine gewisse Negativität für den Fahrer mit sich. Genau das sollten wir vermeiden."© Motorsport-Total.com GmbH