Das Krisen-Wochenende von Monaco ist Schnee von gestern: Lewis Hamilton sicherte sich die Pole-Position für den Grand Prix von Kanada in Montreal und zog damit in der ewigen Statistik erster Startplätze mit seinem großen Vorbild Ayrton Senna gleich. Der Mercedes-Fahrer packte im entscheidenden Q3 zwei sensationelle Runden aus und schlug somit auch den Schnellsten des Abschlusstrainings, Sebastian Vettel (Ferrari).

Dabei hatte sich Mercedes selbst nicht unbedingt in der Favoritenrolle gesehen. "Montreal war in den vergangenen Jahren nicht unsere beste Strecke", sagt Teamchef Toto Wolff, aber: "Wir wissen, dass unser Auto pfeilschnell ist, wenn wir die Reifen im Temperaturfenster haben. Und das war heute der Fall." Zumindest ab Q3: Als es um die Entscheidung ging, konnte Mercedes wie so oft ein bisschen mehr Power zulegen als Ferrari.

Hamilton legte im ersten Q3-Versuch eine Zeit von 1:11.791 Minuten vor. Damit war der alte Streckenrekord von Ralf Schumacher aus dem Jahr 2004 Geschichte. Vettel war zu dem Zeitpunkt noch um 0,632 Sekunden hinten, weil er sich in der Haarnadel verbremst hatte. Von 1:12.423 steigerte er sich aber auf 1:11.795 und schlussendlich auf 1:11.789 Minuten. Zwischenzeitlich betrug sein Rückstand nur noch 0,004 Sekunden.

Aber Hamilton hatte mit der ersten Runde sein Pulver noch nicht verschossen und legte ebenfalls auf 1:11.459 Minuten zu. "Es war eine sexy Runde! Der erste Sektor war fantastisch", lächelt er. Nach Monaco tut dieser Erfolg besonders gut: "Das Team hat einen fantastischen Job gemacht und aus unseren Fehlern des letzten Rennens gelernt." Zumindest mit einem Auto, denn Valtteri Bottas (3.) hatte stattliche 0,718 Sekunden Rückstand.

Vettel war interessanterweise im dritten Sektor mit der langen Geraden schneller als Hamilton, in den ersten beiden aber langsamer. Ganz zufrieden ist der WM-Leader (25 Punkte Vorsprung) nicht: "Mit der letzten Runde bin ich nicht ganz happy. Die würde ich gerne wiederholen", ärgert er sich und gibt zu: "Ich wollte wahrscheinlich ein bisschen zu viel." Immerhin konnte er in Q3 gleich drei schnelle Runden drehen, weil er in Q2 einen Ultrasoft-Satz gespart hatte.

Hinter Kimi Räikkönen (4./Ferrari/+0,793) sicherte sich Red Bull programmgemäß die dritte Startreihe. Am Ende von Q2 fehlten Max Verstappen (5.) noch 0,255 Sekunden, 18 Minuten später waren es 0,944. "Wir waren eigentlich recht gut dabei, bis in Q3 wieder die Power ausgedreht wurde", ärgert sich Motorsportkonsulent Helmut Marko, betont aber: "Was wir an neuen Teilen mitgebracht haben, das funktioniert."

"Das Ziel muss sein, Fünfter zu bleiben", meint Verstappen kleinlaut. "Dann sehen wir, ob vorne irgendwas passiert, wovon wir profitieren können." Daniel Ricciardo (6./+1,098) verzichtete am Samstagmorgen auf einen Quali-Run, um sich aufs Rennen vorbereiten zu können. Das wirkte sich auf sein Qualifying aus. P6 nimmt er gelassen: "Im letzten Run wäre vielleicht noch ein Zehntel drin gewesen. Aber sonst haben wir so ziemlich das Maximum herausgeholt."

Siebter wurde Felipe Massa (Williams/+1,399), der zum ersten Mal überhaupt in Montreal sein teaminternes Stallduell gewann - bei einer Karriere, die schon seit 2002 andauert, eine bemerkenswerte Randnotiz! Hinter dem Brasilianer folgten die beiden Force Indias, die eine solide Performance ablieferten, und Nico Hülkenberg (10./Renault/+1,812). Letzterer stellte gegen Jolyon Palmer (15.) schon auf 7:0.

Indy-500-Star Fernando Alonso schaffte bei der Rückkehr in die Formel 1 den zwölften Startplatz - allerdings nicht ohne Probleme: "Ich habe weniger Power als in Q1", monierte er am Boxenfunk. Der McLaren-Fahrer verpasste die Top-10-Zeit von Hülkenberg um drei Zehntelsekunden und landete hinter Daniil Kwjat, dessen Ambitionen auf Q3 mit einem Mauerkuss endeten, und vor Landsmann Carlos Sainz (Dreher in Q2) im Toro-Rosso-Sandwich.

Bereits in Q1 war Endstation für den kanadischen Lokalmatador Lance Stroll (17./Williams), der das ganze Wochenende nicht überzeugen konnte. Allerdings konnte er seinen letzten Versuch auch nicht zu Ende fahren, weil Pascal Wehrlein (20./Sauber) gelbe Flaggen verursachte. Der Sauber-Fahrer mit dem hoffnungslos unterlegenen 2016er-Ferrari-Motor drehte sich kurz vor Ende der ersten 18 Minuten im Senna-S und verlor beim Einschlag seinen Heckflügel.

Das hatte er sich selbst zuzuschreiben: "Ich bin zu weit rechts gefahren und auf die weiße Linie gekommen. War ganz klar mein Fehler", gibt Wehrlein zu. Auch wenn Q2 sowieso niemals zu erreichen gewesen wäre, findet er das Missgeschick "sehr ärgerlich, vor allem für das Team. Wir haben schon das ganze Wochenende Schwierigkeiten, schrauben hin und her." Die Hauptprobleme: "Kein Grip und Probleme mit der Balance."

Aber die Szene des Qualifyings war sicher, als Hamilton für seine 65. Pole-Position auf Wunsch der Familie ein Senna-Originalhelm überreicht wurde. Hamilton war sichtlich überrascht und den Tränen nahe, als er den gelben Kopfschutz in Empfang nahm. Die Schutzhülle war schnell weg - und den Helm ließ er nicht mehr aus den Augen. Auch nicht während der Pressekonferenz, in der er das Präsent mit Vettel genau unter die Lupe nahm ...© Motorsport-Total.com GmbH