Der Grand Prix von Kanada läuft auf ein neuerliches Duell zwischen Ferrari und Mercedes hinaus. Das ist die Erkenntnis des ersten Trainingstages in Montreal, an dessen Ende Kimi Räikkönen in 1:12.935 Minuten an der Spitze des Klassements stand. Aber trotz der Ferrari-Bestzeit steht fest: Mercedes ist für die Scuderia ein härterer Gegner als zuletzt vor zwei Wochen in Monaco.

Der fünfmalige Montreal-Sieger Lewis Hamilton belegte 0,215 Sekunden hinter Räikkönen den zweiten Platz, Valtteri Bottas wurde mit 0,375 Sekunden Rückstand Vierter. Mercedes ist also praktisch auf Augenhöhe mit Ferrari. Auffällig: Im dritten Sektor, wo Motorleistung gefragt ist, war Hamilton schneller als Räikkönen, im ersten und zweiten lag er zurück. Aber: "Die sind wieder dabei", ist Experte Marc Surer sicher.

Bei den Longrun-Tests in der letzten halben Stunde legte dann Ferrari den marginal besseren Speed an den Tag. Allerdings musste Vettel dafür auch ans Limit gehen, sodass er sich zu Beginn seines ersten Ultrasoft-Longruns gleich zweimal im Senna-S drehte. Dass er im Tagesklassement mit 0,265 Sekunden Rückstand Dritter wurde, lag übrigens auch daran, dass er seine schnellste Runde nach Zwischenbestzeit abbrach.

Red Bull war letztendlich doch dritte Kraft, zumindest mit Max Verstappen (5./+0,453). "Wir liegen eine halbe Sekunde hinter Ferrari und Mercedes", analysiert Teamchef Christian Horner. Was fehlt: "Grip hinten." So viel, dass Verstappen am Funk jammerte - und von seinem Renningenieur zurechtgewiesen wurde: "Max, beruhige dich!" Letztendlich stellte sich die Unruhe als Missverständnis um eine Display-Einstellung heraus.

Kein Missverständnis war, als er rund 20 Minuten vor Schluss ausrollte. Weil der Motor noch lief, ist ein Defekt im Bereich der Kraftübertragung wahrscheinlich. Bereits lange zuvor hatte Teamkollege Daniel Ricciardo (15./+2,137) einen Leistungsverlust gemeldet - mutmaßlich ein Folgeschaden des Elektrikdefekts (samt Batteriewechsel) am Freitagmorgen. Ricciardo war daher mit acht Runden der "faulste" Fahrer des zweiten Trainings.

Hinter Ferrari, Mercedes und Verstappen klassierten sich Felipe Massa (6./Williams/+1,128), Esteban Ocon (8./Force India/+1,364) und Daniil Kwjat (9./Toro Rosso/+1,526). Romain Grosjean (Haas) wurde Elfter, obwohl er am Funk einmal mehr wie ein Rohrspatz über sein Auto schimpfte: "Kann nicht sein, dass ich mich zweimal in der gleichen Kurve drehe! Da stimmt was nicht", funkte er. Am Ende fehlten 1,631 Sekunden auf die Bestzeit.

Nico Hülkenberg (Renault/+1,669) beendete FT2 als Zwölfter, Fernando Alonso (McLaren/+1,696) wurde Siebter. Letzterer konnte erst spät ins Geschehen eingreifen - eine Folge seines Hydraulikdefekts am Vormittag. Und Carlos Sainz (13./Toro Rosso/+1,686) muss nach der Session bei den Rennkommissaren vorsprechen, weil er in der Haarnadel vor Kevin Magnussen (14./Haas/+1,741) angeblich auf gefährliche Weise abgebremst hat.

Fazit des Tages? "Ich sehe Ferrari im Moment etwas vorne, sie sind leicht im Vorteil", analysiert Formel-1-Experte Johnny Herbert. "Morgen soll es etwas wärmer werden. Das könnte Ferrari ebenfalls in die Hände spielen. Mercedes tut sich mit diesen sensiblen Reifen insgesamt etwas schwerer. Aber ich würde Lewis trotzdem noch nicht abschreiben. Dass Ferrari vorne ist, das ist keineswegs in Stein gemeißelt."© Motorsport-Total.com GmbH