Formel 1: Sebastian Vettels letztes Jahr bei Ferrari wird zum Debakel

Sebastian Vettels letzter Versuch, wie sein Idol Michael Schumacher Ferrari zum WM-Titel zu führen, scheitert in der abgelaufenen Saison 2020 kläglich. Vettel fährt der Musik meist weit hinterher. Sein Frust darüber mündet zwischenzeitlich in die Vermutung, im eigenen Team bewusst benachteiligt zu werden.

Das Auftaktrennen der wegen der Corona-Pandemie erst verspätet beginnenden Saison im österreichischen Spielberg wird von Ferraris Ankündigung überschattet, Sebastian Vettel nach der Saison auszumustern. Vettel ist sauer, seine Leistung leidet. Auf Startplatz elf folgt nach einer selbst verschuldeten Kollision mit Carlos Sainz jr. und einem Dreher Rang zehn im Rennen. Er bedeutet einen WM-Punkt. "Sebastian ist jetzt ganz unten und muss sich erst wieder neu beweisen. Da zählen auch die vier WM-Titel nichts mehr", bilanziert RTL-Experte und Ex-Weltmeister Nico Rosberg.
Schon eine Woche später der zweite Lauf, wieder in Spielberg. Wie schon wiederholt im Vorjahr, als Charles Leclerc Vettels Teamkollege und Herausforderer bei Ferrari geworden ist, kommen sich Lehrling und Weltmeister in die Quere - und das schon in der ersten Runde. Beide scheiden aus. Vettel, der auf Startplatz zehn stand, sofort, Leclerc nach vier Runden.
Vettel hat kein Verständnis für den Crash: "Da war ja gar kein Platz mehr, und ich hatte schon die Innenseite, und ich weiß nicht, wo er da hin wollte." Leclerc nimmt die Schuld auf sich: "Seb hat nichts falsch gemacht, und eine Entschuldigung reicht nicht in so einem Moment. Ich habe mich selbst enttäuscht und das Team im Stich gelassen." In einem Interview bei Canal Plus wird Leclerc noch deutlicher: "Heute war ich ein Arschloch, ich finde kein anderes Wort dafür."
In Ungarn zeigt sich Vettel erholt. Er stellt seinen Ferrari auf Platz fünf in der Startauftstellung ab und holt von dort aus als Sechster acht WM-Punkte. Vordergründig eine herzeigbare Ausbeute. Vettel aber wird von Weltmeister und Rennsieger Lewis Hamilton überrundet. "Wir wissen nicht erst seit heute, dass Mercedes im Moment in einer anderen Klasse fährt", gibt Vettel zu, mit der Überrundung gerechnet zu haben. Leclerc, auf dem Bild direkt hinter Vettel, wird nur Elfter.
In Hamiltons Nähe kommt Vettel beinahe nur noch außerhalb der Piste. Hamilton beginnt sein erstes Heimrennen der Saison in Silverstone von der Pole Position aus. Auch Vettel bewegt sich zwischen Start und Ziel nicht: Platz zehn bleibt Platz zehn und bedeutet den zehnten WM-Punkt. Weil aber Leclerc aufs Podium rast, kommen Vettel Zweifel: "Irgendwo ist da grundlegend was faul, entweder bei mir oder beim Auto." Er habe "sehr wenig Vertrauen ins Auto." Es habe ihn "nicht attackieren" lassen. Noch im Auto ignoriert er die Gratulation seines Teamchefs Mattia Binotto, die per Funk kommt.
Während des Jubiläums-Grand-Prix der Formel 1 anlässlich deren Starts 70 Jahre zuvor in Silverstone, kommt es eine Woche später für Vettel noch schlimmer. Er dreht sich nach einem frühen Fahrfehler von der Piste und fällt auf den letzten Platz zurück. Als ihn das Team nach seiner Aufholjagd zum Boxenstopp hereinruft, wütet Vettel: "Ich hänge genau da fest, wo wir nicht hinwollten. Wir hatten das heute Morgen besprochen. Ihr habt den Stopp ausgerechnet. Ich gebe weiter mein Bestes. Aber ihr wisst, dass ihr es verbockt habt."
Aus dem Stau heraus langt es für Vettel nur zu Rang zwölf. Zum zweiten Mal nach seinem Ausfall in Spielberg bleibt er ohne WM-Punkt. Teamkollege Leclerc wird Vierter und holt seine WM-Punkte 34 bis 45. RTL-Experte Rosberg springt Vettel bei: "Wir reden hier von einem der talentiertesten Fahrer im Feld. Meiner Meinung nach muss da etwas am Auto nicht stimmen. Sebastian ist nicht eine halbe Sekunde langsamer als irgendjemand da draußen, geschweige denn als Charles Leclerc."
In Barcelona ist Vettel, hier im Zweikampf mit Daniil Kvyat im AlphaTauri, teamintern wieder vorne, weil Leclerc Motorenprobleme in Runde 38 zwingen, aufzugeben. Vettel, von Platz elf gestartet, kommt auf Rang sieben ins Ziel. Nur in Budapest war er besser. "Ich hatte nichts zu verlieren", sagt er.
Im belgischen Spa - einst Lieblingskurs Michael Schumachers und auch Vettels - steigen beide Ferrari-Piloten frustriert in ihre Autos ein - und auch wieder aus. Anders gesagt: Das Qualiying beendet Leclerc als 13. einen Platz vor Vettel. Und der dreht im Rennen, siehe Bild, die Reihenfolge einfach um.
"Stärken haben wir gerade kaum, und der Tag heute hat unsere Schwächen dargelegt", fasst Vettel, hier mit Renningenieur Riccardo Adami, bei Sky zusammen. "Es ist nicht das erste Mal schwierig. Es ist ein Auf und Ab. Wir dürfen keine Wunder erwarten, aber ein bisschen Verbesserung muss drinnen sein."
"So gesehen ist es wahrscheinlich gut, dass keine Fans vor Ort sind", flüchtet sich Vettel nach seinem spektakulären Ausfall in Galgenhumor. Hinsichtlich möglicher Wiedergutmachung in Mugello eine Woche darauf sagt Vettel: "Die Erwartungen sind sehr niedrig. Hoffentlich haben wir ein Wochenende ohne Probleme. Das wäre schon mal ein guter Start, zumindest auf meiner Seite."
Er gibt aber auch zu, nicht weiter zu wissen. "Man denkt dauernd, schlimmer geht es nicht mehr, doch anscheinend geht es in diesem Jahr immer noch schlimmer. Aber was bleibt anderes übrig? Ich würde nicht sagen, dass es frustrierend ist, es nervt einfach. Der Spaßfaktor ist nicht auf dem Höhepunkt gerade. Ich versuche, meine Aufgabe bis zum Ende des Jahres zu erfüllen. Das fällt mir natürlich nicht so einfach, wenn es gerade so läuft."
Anlässlich des 1000. Formel-1-Rennens in der Geschichte Ferraris kommen die Renner der Scuderia beim nächsten Heimauftritt in Mugello im weinroten Retro-Look daher. Doch der Lack, um im Bild zu bleiben, ist ab. Leclerc kommt als Achter, Vettel als Zehnter ins Ziel. Teamchef Binotto beschönigt die Situation nicht: "Ich denke, uns fehlt momentan die Pace im Rennen, und aus irgendeinem Grund verschleißen wir die Reifen zu sehr. Die Upgrades werden das nicht beheben."
Da nach einem Massencrash nur zwölf Autos ins Ziel kommen, ist die Ausbeute Ferraris umso bitterer. "Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass wir da ein bisschen mehr abstauben als nur einen Punkt zum Schluss, aber viel mehr war da nicht drin", ist Vettel ernüchtert. "Es gab heute nicht viele Autos, die langsamer waren als wir." Ferrari sei, kritisiert Vettel unverhohlen, nicht in der Lage, Autos zu bauen, "mit denen man überholen kann".
In Sotschi punktet erneut nur Leclerc (Platz sechs). Vettel legt als 13. einmal mehr einen indiskutablen Auftritt hin. Seine Kommentare verraten seine zunehmende Depression: "Ich konnte auf der ersten Runde nicht profitieren und stecke dann im Verkehr fest, wo ich mir die Reifen kaputtfuhr. Anschließend habe ich Bremsklotz gegen die Renaults gespielt, da war nicht mehr drinnen. Ich hätte vielleicht einen Punkt mitnehmen können, aber das bringt auch nicht viel."
Trotz allem - oder gerade deswegen - ist die Vorfreude auf das kurzfristig in den Kalender aufgenommene Heimrennen Vettels auf dem Nürburgring riesig. Sieben Jahre zuvor hat Vettel das letzte Rennen dort vor Hamilton gewonnen. Aus dem Qualifying geht Vettel aber nur als Elftbester hervor. In Runde elf verschätzt sich Vettel, als er aus dem Windschatten Antonio Giovinazzis heraus zum Überholen ansetzt. Der Dreher kostet den Deutschen Plätze und Zeit.
Anschließend gesteht Vettel: "Ich habe mich unheimlich schwer getan, Autos zu überholen, obwohl ich schneller war, und ich bin viel Risiko eingegangen. Beim ersten Mal ging das in die Hose. Wir haben dann noch versucht, zu retten, was zu retten ist." Vettels Stallgefährte Leclerc fährt auf Rang sieben immerhin in die Punkte, um einen Platz vor dem besten Deutschen, Racing-Point-Ersatzpilot Nico Hülkenberg.
Als die Formel 1 erstmals in ihrer Geschichte in Portimao in Portugal gastiert, platzt Vettel angesichts seines zehnten und des vierten Ranges Leclercs der Kragen. Was Vettels Fans bereits seit der Saison 2019 vermuten und Ferrari unterstellen, glaubt nun auch Vettel selbst: Teamintern herrsche keine Chancengleichheit. "Das andere Auto ist deutlich schneller", sagt er bei RTL. "Dort, wo ich die Zeit verliere, beiße ich mir schon das ganze Jahr die Zähne aus. Nur irgendein Idiot kommt vielleicht nie dahin. Ob ich vielleicht ein kompletter Idiot bin? Das wage ich zu bezweifeln."
Als es in der abgelaufenen Saison 2020 zum dritten Mal für die Formel 1 auf italienischen Boden geht, nach Imola, inspiziert Vettel - wie zum Beweis seines Misstrauens - nach dem Rennen den Wagen Leclers, siehe Bild. Der ist als Fünfter wieder mal deutlich schneller als Vettel als Zwölfter. Ein Boxenstopp, den Vettel als Viertplatzierter einlegt, wirft ihn um zehn Positionen zurück. "Da hing ich wieder hintendrin und habe viel Zeit verloren."
Schon die Berührung mit Kevin Magnussens Haas in der Startrunde wirft Vettel, der von Position 14 aus losgefahren ist, zurück. Anschließend profitiert der einstige Champion von Boxenstopps mehrere Kollegen, die ihm freie Fahrt ermöglichen. Seinen zwölften Platz empfindet er als "unverdient. Das Ergebnis ist jammerschade, weil ich schon am Samstag gespürt habe, dass ich mich im Wagen wohler fühle als zuvor. Ich habe den Einzug unter die schnellsten Zehn nur um zwei Zehntelsekunden verpasst."