75 Jahre Günter Netzer: Seine Karriere und seine besten Sprüche

Europameister, Weltmeister, Kultfigur - Günter Netzer wird 75 Jahre alt. Wir beleuchten seine großartige Karriere als Spieler und rufen seine besten Sprüche als ARD-Experte in Erinnerung.

Netzer führt seine Mannschaft 1970 auf das Feld und - mit vier Punkten Vorsprung auf Titelverteidiger Bayern München - zur ersten Meisterschaft in der Vereinsgeschichte. Hinter ihm sind Nationaltorwart Wolfgang Kleff und der junge Jupp Heynckes zu sehen.
1971 wird Netzer (neben ihm Verteidiger Ludwig Müller) mit seiner Borussia zum zweiten Mal Deutscher Meister. Die Gladbacher fangen den FC Bayern erst am letzten Spieltag der Saison ab und verteidigen als erster Verein in der Bundesliga-Historie den Titel.
DFB-Pokal-Finale 1972/73 in Düsseldorf: Netzer bereitet sich in der Pause vor der Verlängerung auf seine eigenmächtige Einwechslung vor. Es ist seine letzte Chance, vor seinem Wechsel zu Real Madrid nochmal für die Borussia aufzulaufen.
Kurz darauf erzielt der damals 28-Jährige nach einem perfekt gelungenen Doppelpass mit Rainer Bonhof das Tor zum 2:1-Sieg und hebt zum Jubel ab. Die unvergessene Hitzeschlacht im Rheinstadion ist entschieden.
Netzer hat seinen Trainer Hennes Weisweiler mit seiner Einwechslung für den ausgepumpten Christian Kulik vor vollendete Tatsachen gestellt: "Ich spiel' dann jetzt", sagt der lange Blonde. Sein Tor in der vierten Minute der Verlängerung ist das perfekte Abschiedsgeschenk nach zehn Jahren bei Borussia Mönchengladbach.
1972 ist Netzer Führungsspieler in einer der besten deutschen Nationalmannschaften aller Zeiten. Ihr gehören an, von links: Franz Beckenbauer, Torwart Sepp Maier, Hans Georg ("Katsche") Schwarzenbeck, Heynckes, Netzer, Herbert ("Hacki") Wimmer, Gerd Müller, Horst-Dieter Höttges, Erwin Kremers, Paul Breitner und Uli Hoeneß. In Brüssel steht das EM-Endspiel gegen die UdSSR an.
Deutschlands 3:0-Erfolg ist hochverdient. Gegen das taktische Mittel, Bayern Münchens Libero Franz Beckenbauer (l.) und Gladbachs Regisseur Netzer (r.) je nach Spielsituation blitzschnell die Positionen wechseln zu lassen, finden die unterlegenen Sowjets keine Lösung. Beckenbauer und Netzer schreiben damit Fußball-Geschichte.
Nach einer überragenden Saison wird Netzer von "kicker"-Chefredakteur Karl-Heinz Heimann als Fußballer des Jahres 1972 ausgezeichnet. Netzer hat die EM gewonnen und 17 Bundesliga-Tore selbst erzielt, dazu ebenso viele vorgelegt. Einziger Wermutstropfen: Die Bayern erobern die Meisterschale zurück. Gladbach wird mit zwölf Punkten Rückstand nur Dritter.
Nicht nur auf dem Platz ist Netzer besonders. Auch sein fahrbarer Untersatz hebt sich von jenen gewöhnlicher Bundesliga-Kollegen ab. Der italienische Sportwagen rundet Netzers Image (lange Haare und rebellisch) ab.
Zur Saison 1973/74 wechselt Netzer als erster deutscher Fußballer zum spanischen Top-Klub Real Madrid. Sein Jahresgehalt von 295.000 DM (heute 147.500 Euro) ist für damalige Verhältnisse enorm. Die Königlichen finden Gefallen an Gladbachern: 1976, als Netzer Real Richtung Schweiz verlässt, holen sie den Dänen Hennig Jensen, 1977 Nationalspieler Uli Stielike.
Netzer ist fußballerisch alles andere als ein Zwerg: 1973 wird er erneut zum Fußballer des Jahres gekürt. Die Leistungen dafür hat er noch für Borussia Mönchengladbach erbracht, trägt bei der Ehrung am Bökelberg aber bereits den berühmten weißen Dress von Real Madrid.
Nach der WM 1974 bekommt Netzer mit seinem Nationalmannschaftskollegen Paul Breitner in Madrid prominente Verstärkung. Gemeinsam holen sie 1975 das Double aus Meisterschaft und Pokal und verteidigen 1976 den Titel in der Primera Division.
Im Finale der Heim-WM 1974 in München ist Netzer, hier neben Teamkollege Dieter Herzog, nur Zuschauer und verfolgt, wie Breitner eiskalt per Elfmeter zum 1:1 trifft. Endstand 2:1. Der angeschlagene Netzer kommt nur zum Ende der Vorrunde beim berühmten 0:1 gegen die DDR ab der 69. Minute zum Einsatz. Später erklärt er jedoch, dass er sich nicht als Weltmeister sehe.
Bei den Grasshoppers in Zürich lässt Netzer seine aktive Karriere 1976/77 ausklingen und tritt 1978 als Manager beim Hamburger SV an. Ursprünglich bewirbt er sich bei den Hanseaten nur um die Produktion der Stadion-Zeitung.
Was folgt, ist der Aufstieg des HSV zum führenden Verein in Deutschland und Europa. Netzer prägt die erfolgreichste Ära des Klubs, von der dieser bis heute zehrt - und träumt. Gleich im ersten Netzer-Jahr holt der Klub erstmals seit 19 Jahren die Deutsche Meisterschaft.
Der Endspielsieg über Favorit Juventus Turin im Europapokal der Landesmeister krönt im Sommer 1983 Netzers Schaffen. Der Klub steht auf dem Gipfel. Verantwortlich sind dafür neben Netzer Cheftrainer Ernst Happel, li. neben Netzer, und Siegtorschütze Felix Magath. Der bekommt 1986 Netzers Manager-Posten beim HSV.
Jüngeren Fußballfans ist Netzer vor allem durch seine Tätigkeit als Fußball-Experte der ARD ein Begriff. Seine Scharmützel mit ARD-Moderator Gerhard Delling erreichen schnell Kultstatus.
Privat sind Netzer und Delling gut befreundet, auf dem Bildschirm aber inszenieren sie sich gerne als Kontrapunkte. Netzer ist sogar Trauzeuge bei Dellings Hochzeit. Im Jahr 2000 werden beide für ihre Arbeit als Moderations-Duo mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.
Legendär geworden sind vor allem die Zitate aus ihrer gemeinsamen Zeit bei der "Sportschau".
Delling: "Man sieht das schon am Anlauf, nicht wahr, Herr Netzer, dass dieser Elfmeter lieblos geschossen wurde." Netzer (zurückgelehnt): "Da sehen Sie's mal wieder, Herr Delling, Sie sind der wahre Fachmann. Ich sehe an diesem Anlauf gar nichts." Oder ...