Das Abstiegsfinale der Bundesliga 1999: "Ich halt das nicht mehr aus!"

Acht Jahre lang wird die Bundesliga anno 1999 bereits live übertragen, dem Pay-TV-Sender Premiere sei dank. Das Bundesliga-Abstiegsfinale 1999 aber wird zum Hochamt der guten alten Radio-Konferenz. Die Ereignisse überschlagen sich an den drei entscheidenden Schauplätzen in Bochum, Frankfurt und Nürnberg in derart atemberaubender Abfolge, dass Fans und Reportern die Herztropfen ausgehen. Am Ende ist der Nürnberger Club der "Depp" und Eintracht Frankfurts Trainer Jörg Berger unsterblich.

In dem aber schockt Freiburgs Jungstar Ali Günes den Club. Dem damals 20-jährigen Jungstar der Badener gelingt - aus seiner Sicht - genau im richtigen Moment der erste Doppelpack seiner Karriere. Freiburg hat seinen Kontrahenten in diesem Moment um zwei Punkte überholt. Von diesen Schlägen in der 28. und 35. Minute erholt sich der Club bis zum Schluss nicht.
Und auch Rostock spielt nicht für den 1. FC Nürnberg: Zwei Minuten nach Günes' zweitem Streich an der Noris schießt Oliver Neuville, der 2006 ein Teilnehmer am deutschen WM-Sommermärchen sein wird, Hansa an der Ruhr in Front. Auch die Rostocker liegen fortan um einen Punkt vor den Nürnbergern.
Deren Fans verzweifeln. Radio-Legende Günther Koch kommentiert: "Harmlos, gelähmt, unsicher, nervös, mit wackligen Knien. Der FC Wackelknie, der FC Nürnberg, die Clubberer, ja was ist denn, wo denn, da muss man doch kämpfen, wenn es gegen den Abstieg geht, und der Sportclub, frei, locker, der FC Lockerburg spielt hier, muss sich nicht einmal anstrengen."
Marek Nikl gelingt trotzdem in der 85. Minute das 1:2 für den Club. "Ich pack das nicht. Ich halt das nicht mehr aus. Ich will das nicht mehr sehen", steht Club-Fan Koch kurz vor dem Kollaps. "Aber sie haben ein Tor gemacht. Ich glaube es nicht. Aber der Ball ist drin. Ich weiß nicht wie. Kopfball von Nikl. Die Leute haben es gehört, dass Frankfurt vorne liegt, dass Rostock vorne liegt, jetzt liegt der Ball im Netz. Nur noch 1:2."
Plötzlich erwacht in den Spielern der Kampfgeist. Wieder ist Koch dran: "Hallo, hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund. (...) Nikl drosch den Ball an den Pfosten. Er war nicht zu erreichen. Torhüter Golz flog durch die Luft. Der Ball klatscht vom Pfosten zurück und ging nicht ins Tor. sondern vor die Füße von Frank Baumann. Frank Baumann bringt dann aus sechs Metern den Ball nicht im Tor unter und so steht es nach wie vor nur 1:2. Der Club ist im Moment abgestiegen."
Nürnberg ist auch abgestiegen wegen Slawomir Majak, einem Polen in Rostocker Diensten. Der trifft nach seiner Einwechslung in Bochum. WDR-Legende Manni Breuckmann flippt am Mikrofon aus: "Toooooor! Tor für Rostock! Majak, der eingewechselte Majak, macht ein Kopfballtor. Und 7.000 Fans aus Rostock, sie sind aus dem Häuschen. Hansa Rostock führt um 17:12 Uhr mit 3:2 und alles kann gut werden."
Und auch in Frankfurt wird alles gut. Der Wahnsinn im Waldstadion beginnt in der 70. Minute. Bis zu diesem Zeitpunkt steht es 1:1. Den Platzherren fehlen nicht weniger als vier Tore bis zum Klassenerhalt. Zwölf Minuten später rechnet Reporter Dirk Schmitt den Hörern vor: "4:1 für die Eintracht. Das heißt, dass Frankfurt jetzt eine Tordifferenz von minus elf hat wie Nürnberg, aber die Eintracht hat mehr Tore erzielt, und nach meiner Rechnung - und ich bin kein großer Mathematiker - ist damit der FC Nürnberg wieder in noch größere Abstiegsgefahr geraten. Also das ist kein Zweikampf mehr, das ist jetzt ein glasharter Dreikampf." Und dann kurvt Frankfurts Torjäger Jan Age Fjörtoft auf Lauterns Keeper Andreas Reinke zu ...
... und vollendet! Nach dem unnachahmlichsten Übersteiger in der Geschichte der Eintracht. Schmitt schildert diese Gefühls-Explosion in der 89. Minute: "Fjörtoft, der ist im Strafraum. Und er trifft. Tooorr, Tooooooor, für die Frankfurter Eintracht, 5:1. Herrjeh! Welche Leistung! Und damit ist wieder der 1. FC Nürnberg in der zweiten Liga!"
Nationaltorwart Andreas Köpke steigt zum sechsten Mal in seiner Karriere ab. "Ade, liebe Freunde", resümiert ein völlig geschaffter Günther Koch aus seiner Reporterkabine. "Es ist nicht zu fassen, was der Club seinen Fans, was er seinen Anhängern und was er seinem treuen Publikum zumutet. Der Club verliert mit 1:2 und er hat wenig Haltung bewiesen. Erst in der Schlussminute, in den Schlussminuten, hat er gekämpft."
Zu spät, um den fünften Abstieg aus der Bundesliga zu verhindern. Trainer Friedel Rausch schämt sich seiner Tränen nicht. Eintracht Frankfurt, die er 1980 zum UEFA-Pokalsieger gemacht hat, zieht an seinen Jungs vorbei. "Liebe Clubberer, es tut mir leid. Das musste nicht sein. Das musste nicht sein", bedauert Koch. "Respekt und Anerkennung an die Adresse der anderen Vereine, der Spieler und der Offiziellen, wenn es denn dabei bleibt."
Es bleibt dabei, dass Hansa Rostock unter Trainer Andreas Zachhuber die Klasse hält. Breuckmann schildert die letzten Sekunden des Spiels, Hansas Keeper Martin Pieckenhagen hat den Ball: "Er geht jetzt gaaanz langsam, mit dem Ball am Fuß durch den Strafraum und wartet. dass diese quälenden Sekunden zu Ende gehen. Da ist es vorbei. Hansa Rostock hat mit 3:2 gewonnen. Grenzenloser Jubel bei den 7.000 Fans, bei den Spielern, bei den Offiziellen. Hansa Rostock bleibt in der Bundesliga. Ein schlimmes Schicksal für den 1. FC Nürnberg!"
Und ein unvergesslicher Tag in Frankfurt. "Grenzenloser Jubel" (Schmitt) bei der Eintracht, die als unrettbar gilt, als Jörg Berger dort sieben Spiele vor Schluss einsteigt. Zu dem Zeitpunkt fehlen den Hessen vier Punkte zur Rettung.
Berger gewinnt erst drei Mal nicht - und dann, bis zum Saisonende, vier Mal nacheinander. Fjörtoft, dessen Übersteiger zum 5:1 den zirzenischen Schlusspunkt gesetzt hat, baut Berger verbal ein Denkmal: "Jörg Berger ist so ein guter Trainer, der hätte auch die Titanic gerettet."
So sehen es an diesem - in jeder Hinsicht - sonnigen Samstag alle Fans der Frankfurter Eintracht. Der Apfelwein, der hier am Main "Äppelwoi" heißt, fließt später noch in Strömen. Zunächst aber wird das Tornetz im Waldstadion in seine Einzelteile zerlegt. Wer hätte nicht gerne ein Andenken an jenen unfassbaren Nachmittag des 29. Mai 1999?