Borussia Dortmund hat die Chance auf den Bundesliga-Titel am Samstag in Bremen wohl verspielt. Die Mannschaft von Trainer Lucien Favre ist zwar hoch veranlagt, weist für den großen Wurf aber noch zu viele Schwachstellen auf.

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"Stille!" Mit diesem Wort beschrieb Dortmunds Mittelfeldspieler Thomas Delaney die Stimmung in der Kabine nach dem 2:2 beim SV Werder Bremen am Samstagabend.

Der BVB wollte im Meisterschaftskampf Druck auf die Bayern ausüben, verspielte aber eine Zwei-Tore-Führung und somit wohl auch die letzte Titelchance: Zwei Spieltage vor Saisonende hat Borussia Dortmund vier Punkte Rückstand auf Tabellenführer Bayern München und ein deutlich schlechteres Torverhältnis.

Nur wenn der FCB aus den kommenden beiden Spielen gegen RB Leipzig und Eintracht Frankfurt maximal einen Punkt holt und Dortmund sowohl gegen Fortuna Düsseldorf als auch gegen Borussia Mönchengladbach gewinnt, würde der BVB noch auf Platz 1 rutschen.

"Es ist gefühlt vorbei", sagte Delaney und fügte hinzu: "Wir brauchen ein Wunder."

Dezember 2018: BVB führt die Bundesliga mit neun Punkten Vorsprung an

Dabei schien im Dezember noch alles für den BVB zu sprechen. Dortmund hatte nach 15 Spieltagen neun Punkte Vorsprung auf die Bayern, spielte die Gegner reihenweise an die Wand und Fußball-Deutschland war der festen Überzeugung: Dieser BVB kann Deutscher Meister werden. Doch dann begann die Schwächephase.

Der BVB gab immer wieder Spiele her, die er eigentlich im Griff zu haben schien. Sowohl vergangene Woche gegen Schalke wie auch am Samstag in Bremen gingen die Dortmunder verdient in Führung, holten am Ende aber insgesamt nur einen Punkt. Zu wenig, um die Bayern vom Thron zu stoßen.

Borussia Dortmund schenkt Führungen leichtfertig her

"Es ist nicht das erste Mal, dass wir mit zwei oder drei Toren vorne sind und am Ende keinen Sieg holen. Mit der Qualität, die wir haben, müssen wir das besser machen", urteilte Delaney.

Der Negativtrend begann Anfang Februar: Erst scheiterte Dortmund im DFB-Pokal trotz zweimaliger Führung an Bremen, vier Tage später verspielte der BVB in der Liga gegen Hoffenheim sogar eine Drei-Tore-Führung und trennte sich 3:3.

Der Doppelschock hinterließ offenbar einen Knacks: Plötzlich ließ Dortmund auch gegen vermeintlich kleinere Gegner Punkte liegen. Es folgten ein 0:0 beim mittlerweile fast abgestiegenen 1. FC Nürnberg und eine 1:2-Niederlage beim FC Augsburg, der erst an diesem Wochenende den Klassenerhalt feierte.

Ist es eine Frage der Nerven? Oder der Erfahrung?

Es fällt dem BVB schwer, mit Rückschlägen umzugehen. Dieses Problem war ein Sinnbild der vergangenen Auftritte: Im Derby gegen Schalke war der strittige Elfmeterpfiff der Knackpunkt, in Bremen war es der erste Gegentreffer, der den BVB von der einen auf die andere Sekunde völlig aus dem Konzept brachte. Dann verliert die Borussia die Spielkontrolle und neigt zu Fehlern.

"Wir hatten die letzten Wochen nicht den Schlüssel, um dann mit dem Druck der Gegner umzugehen", sagte Delaney. "Ich weiß nicht, ob das die Nerven sind."

Möglicherweise fehlt in der Abwehr auch ein erfahrener Akteur, der einfach mal dazwischen haut und die Mitspieler dirigiert. Im Weserstadion am Samstag bestand die Viererkette aus den jeweils 23-jährigen Abdou Diallo, Julian Weigl und Manuel Akanji sowie dem 25-jährigen Raphael Guerreiro. Kurzum: Die Abwehr ist jung und hat wenig Erfahrung.

Hinzu kommt: Der BVB ist besonders schmal auf der Außenverteidigerposition aufgestellt. Wo die Bayern mit David Alaba und Joshua Kimmich zwei der besten Spieler ihres Fachs haben, kämpft Dortmund mit einem ständigen Engpass. Lukasz Piszczek ist seit Monaten verletzungsgeplagt, Marcel Schmelzer nur noch Bankdrücker und Achraf Hakimi fällt seit dem 28. Spieltag wegen eines Mittelfußbruchs aus.

Individuelle Fehler kosten den BVB wertvolle Punkte

Spieler wie Manuel Akanji oder Marius Wolf (rotgesperrt), die eigentlich von einer anderen Position kommen, müssen den Außenverteidiger geben. Teilweise mit fatalen Folgen: Akanji ermöglichte den Bremern durch einen dicken Abwehr-Patzer das 2:2.

Doch mit diesem Schicksal steht Akanji beim BVB nicht alleine da. Immer wieder sorgen individuelle Aussetzer für Punktverluste. Das erste Gegentor in Bremen war ein fataler Fehler von Torwart Roman Bürki.

Kein Zweifel: Der Kader des BVB ist hoch veranlagt und verfügt mit Kapitän Marco Reus und Riesen-Talent Jadon Sancho über Ausnahmespieler, die den Unterschied machen können.

Doch wenn diese beiden Akteure einen schlechten Tag erwischen, oder wie momentan Reus gesperrt sind, fehlt es dem Kader an Breite, um den Verlust seiner kreativen Köpfe und Torlieferanten aufzufangen. Und: Trainer Lucien Favre hat bei all seiner taktischen Genialität noch nicht ausreichend bewiesen, dass er in solchen Fällen auch einen Plan B entwickeln kann.

Ganz sicher ist Lucien Favre ein exzellenter Fachmann. Borussia Dortmund hat dem neuen Trainer nicht nur eine Verbesserung um mindestens 14 Bundesliga-Punkte zur Vorsaison zu verdanken. Der BVB spielte meistens attraktiv, schoss schöne Tore und verdoppelte die Tordifferenz auf plus 34.

Der FC Bayern rüstet auf – Meistertraum (vorerst) ade?

Besonders ärgerlich aus Sicht von Borussia Dortmund ist, dass die Chance, Meister zu werden, in der kommenden Saison wohl nicht mehr so groß sein wird. Dass der FC Bayern zwei Jahre in Folge "schwächelt", erscheint aufgrund des diesjährigen Umbruchs äußert unwahrscheinlich.

Hatten die Bayern-Stars zu Saisonbeginn noch Probleme, sich mit dem System des neuen Trainers Niko Kovac anzufreunden, demonstriert der Rekordmeister in der Rückrunde seine Macht und lässt kaum noch Punkte liegen.

Und: Die Bayern rüsten auf. Rund 115 Millionen Euro wurden bereits in Neuzugänge investiert. Die beiden Weltmeister-Abwehrspieler Lucas Hernández und Benjamin Pavard spielen ab Sommer für den FCB. Weitere Hochkaräter könnten folgen. Dortmund hat allerdings nicht die finanziellen Möglichkeiten, um bei solchen Transfersummen Schritt zu halten.

Der FC Bayern hatte in der Saison 2017 / 2018 einen Jahresumsatz von 657,4 Millionen Euro, Borussia Dortmund von "nur" 536 Millionen Euro. Zwar spülten auch Spielerverkäufe Beträge in Millionenhöhe in die BVB-Kasse, doch hat sich der FC Bayern in den vergangenen Jahrzehnten ein wirtschaftliches Polster aufgebaut, bei dem der BVB einfach noch nicht mithalten kann. Genauso, wie auf dem Rasen.

Quellen:

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