Karl-Heinz Rummenigge macht mit einem Handzeichen nach langem Zögern klar, wie es mit FC Bayern Trainer Niko Kovac weitergeht. Kein angemessener Umgang, findet unser Kolumnist.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

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Niko Kovac kürzlich bei der Pressekonferenz. Niedergeschlagen, traurig, desillusioniert. Er sprach von Menschlichkeit, von guten Manieren, vom Geschäft. Jede Faser seines Körpers schrie heraus, was der Job beim FC Bayern mit einem Trainer macht. Er sah furchtbar aus.

Nicht ein Wort der Würdigung ereilte Kovac, als er in der Bundesliga neun Punkte Rückstand in zwei Punkte Vorsprung auf Borussia Dortmund umwandelte, ins DFB-Pokalfinale durchmarschierte und heute sein erstes Bayern-Jahr mit dem Double krönen kann.

Die Bayern-Bosse ließen ihn im Ungewissen, wie es nach der Saison weitergeht. Die Namen von Nachfolgern blieben seltsam präsent im Raum hängen. Freunde empfahlen schon den Rücktritt. "Einfach unwürdig, was die Bayern mit Niko Kovac tun", schrieb Fever Pit’ch.

Rummenigge gibt Daumen nach oben

Das alles muss man wissen, um die Geste von Karl-Heinz Rummenigge richtig einzuordnen. Als der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern Freitag auf einer Bild-Veranstaltung in Berlin zur Kovac-Zukunft gefragt wurde, tat er die Spekulationen mit einer Handbewegung ab.

Rummenigge hob den linken Daumen, als wollte er dem Volk wie im Alten Rom zeigen: Der Gladiator darf in Gottes Namen leben. Kein Wort des Bedauerns für die Missverständnisse zuletzt, keine Entschuldigung, nur die nachgeschobene Erklärung: Niemand beim FC Bayern habe Kovac infrage gestellt.

Seine eigene provokante Nährung von Mutmaßungen, dass er Kovac ablösen will: plötzlich in Luft aufgelöst, als sei nie etwas gewesen? Die Bayern-Wende ist ein Witz. War alles wirklich nur ein Trick, um die Spannung nach dem 5:0 gegen Dortmund hochzuhalten?

Rummenigge kann das nicht für sich reklamieren. Er ist jedem Bekenntnis, wenn die Gelegenheit zur Solidarität bestand, ausgewichen und hat vom Trainer des Bundesliga-Tabellenführers das Leistungsprinzip eingefordert. Er wusste nur zu gut: Damit tritt er öffentliche eine Lawine los.

Nicht die übersättigte Mannschaft, die sich für große Liga-Spiele zusammenreißen kann, aber die kleinen vergeigt (Düsseldorf, Nürnberg, Freiburg), stand am Pranger. Sondern: der Trainer. Der zeigte nur selten, wie in eben jener Pressekonferenz, wie es in ihm aussah.

Geht man so mit Menschen um? Ja, Trainer werden gut bezahlt, dass sie ihr eigenes Ego dem Egoismus ihres kickenden Personals unterordnen. Im Gegenzug dürfen sie, solange sie Ergebnisse liefern, Loyalität aus der Teppich-Abteilung des Vereins beanspruchen.

Im Fall Kovac war das alles anders. Rummenigge aber distanzierte sich, als Rückhalt, Bestätigung oder einfach ein Lob gefordert waren. Präsident Uli Hoeneß, ein Befürworter des Trainers, verhielt sich auffallend unauffällig in der Causa Kovac.

Kovac könnte sich mit dem Double krönen

Dabei müssten sie ihm dankbar sein. In der Vorweihnachtszeit setzte Kovac die Arbeit als verlässlicher Punktelieferant fort, stand das Liverpool-Aus in der Champions League durch und behielt die Nerven, als Verfolger BVB zurück in die Spur kehrte.

Heute, im Endspiel gegen RB Leipzig, kann Niko Kovac als Bayern-Trainer jenen DFB-Pokal verteidigen, den er voriges Jahr als Eintracht-Trainer gegen die Bayern gewonnen hat. Vereinsgeschichte schrieb er eh schon.

Niko Kovac ist der erste seit Franz Beckenbauer, der als Spieler wie als Trainer Deutscher Meister geworden ist. Die Südtribüne in der Allianz-Arena weiß das zu schätzen und rief vorigen Samstag seinen Namen. Und dann hebt Rummenigge nur den linken Daumen?

Das Pokalfinale heute im Olympiastadion kann sein ganz persönlicher Triumph werden. Nur muss er sich dessen bewusst sein: Felix Magath holte 2005 und 2006 sogar zweimal das Double - und musste trotzdem im dritten Jahr gehen.

Pit Gottschalk, 50, ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de.
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