Alle reden von Leroy Sane, dabei könnten die Bayern ihren wichtigsten Transfer des Sommers längst gemacht haben: Mit Co-Trainer Hansi Flick hat sich Niko Kovac das geeignete Gegenstück geholt, das auf mehreren Ebenen helfen wird.

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Vor ein paar Wochen hatte Hans-Dieter Flick noch richtig viel Zeit für seine Familie. Im Frühjahr wurde Flick zum zweiten Mal Opa und eigentlich sahen es seine Pläne vor, sich nach mehr als drei Jahrzehnten im Profifußball endlich wieder mehr seinen Liebsten zu widmen.

Dann kam der Anruf aus München, so wie damals Mitte der 80er-Jahre. Flick sollte eigentlich zum VfB Stuttgart wechseln, die Bayern kamen dem Rivalen aus dem Süden aber zuvor und Flick erlebte in München die erfolgreichsten Jahre seiner aktiven Karriere.

Beim FC Bayern sind sie in den Endzügen der vergangenen Saison wieder auf Flick aufmerksam geworden, offenbar war es Niko Kovcac, der auf diese sehr späte Rückholaktion pochte. "Wir brauchen einen Mann, der mit der Jugend arbeitet und integriert. Das war ein ausdrücklicher Wunsch von Niko Kovac", sagte Patron Uli Hoeneß unmittelbar nach Flicks Verpflichtung und bezeichnete die Entscheidung als "sehr gut".

Fast drei Jahrzehnte pflegten Flick und der FC Bayern keine Zusammenarbeit mehr. Der Kontakt war aber natürlich immer da, schließlich war Flick als Co-Trainer von Joachim Löw bei der Nationalmannschaft und später als Sportdirektor des DFB immer mal wieder an der Säbener Straße vorstellig und im dauerhaften Austausch mit den Bayern-Bossen.

FC Bayern: Bester Kontakt zum Weltmeister-Trio

In den jüngsten, überaus erfolgreichen Jahren hatten die Bayern immer eine Art zugeschaltete Instanz zum eigentlichen Trainerteam. Peter Hermann war der stille Triple-Held, der getreue Wegbegleiter von Jupp Heynckes war auch noch in der vergangenen Saison bei den Bayern aktiv, ehe er seine Trainerkarriere endgültig beendete. Die vakante Stelle besetzt nun Flick, der als mehr fungieren soll als "nur" der Einflüsterer Kovac‘.

Im Binnenverhältnis zwischen Mannschaft und Trainerteam sind diese Figuren besonders wichtig, die sich nicht immer mit den alltäglichen Problemen herumschlagen, sondern etwas weitsichtiger agieren können. Die eine andere Verbindung zu den Spielern herstellen können als der oder die Chefs, ohne dabei der Kumpanei verdächtig zu werden. Flick fällt diese Rolle offenbar zu.

Von den verbliebenen Weltmeistern Manuel Neuer, Jerome Boateng und Thomas Müller wird er ebenso geschätzt wie akzeptiert, gerade für die jungen Spieler - von denen die Bayern aufgrund ihres doch recht dürren Kaders in der Vorbereitung einige dabei hatten - und deren Sorgen und Nöte hat Flick immer ein offenes Ohr. Wie auch für sogenannte "Problemkinder" wie Renato Sanches. Auffällig oft hat sich Flick schon um den Portugiesen gekümmert, Inhalte mit ihm besprochen, mal erklärend, mal aufmunternd.

Entscheidender Faktor beim WM-Titel

Diese natürlich Autorität und Nähe zu den Spielern ist im Mikrokosmos der Bayern nicht selten ein entscheidender Faktor. Vergangenen Herbst, als es für die Mannschaft gar nicht lief und Kovac auf der Kippe stand, war die Rückendeckung gerade der sogenannten Führungsspieler für den ohnehin schon nicht mit überdimensionalen Lorbeeren angetretenen Kovac doch sehr dosiert. Bei Flick, der im Schatten von Löw beim DFB immer eine Spur zu sehr unter dem Radar blieb, dürfte das von Beginn an anders sein.

In der Nationalmannschaft war es Flick, der einige sehr entscheidende Maßnahmen zu verantworten hatte auf dem Weg zum WM-Titel vor fünf Jahren. So war er etwa für die bis dato eher stiefmütterlich behandelten Offensivstandards der deutschen Mannschaft zuständig. Aus einem traditionellen Manko der Löw-Ägide machte Flick zum Endturnier 2014 eine Waffe. Ähnlichen Einfluss hatte er auf die Trainings- und Belastungssteuerung der Mannschaft und die Vorbereitung sämtlicher Analysearbeiten in Kooperation mit Chefscout Urs Siegenthaler und dessen Team der Sporthochschule Köln.

Neue Inhalte für die Mannschaft

Flicks Vorgeschichte hat ihm bei den Entscheidungsträgern sofort einen sanften Start verschafft, ganz anders noch als Kovac, der in erster Linie ein Hoeneß-Kandidat war und ist und mit Karl-Heinz Rummenigge zuletzt nicht zufällig einige Male aneinandergeriet. Flick dagegen ist ein Mann von Rummenigge und Hoeneß - und nicht zuletzt auch Kovac, der einige Defizite der vergangenen Saison erkannt hat und nun mithilfe seines neuen Assistenten aufarbeiten will.

Dabei ergänzen sich die Kompetenzen der Kovac-Brüder und von Flick zumindest in der Theorie sehr gut. Kovac und sein Bruder Robert stehen für einen sehr flügellastigen Offensivfußball mit vielen Flanken, der wenig durchs Zentrum kombinieren lässt, dafür defensiv auf eine saubere Grundordnung fußt. Flick dagegen bringt als ausgewiesener Taktik-Experte und -Analyst die Elemente der Nationalmannschaft mit ein, das akkurate Positionsspiel ebenso wie ein gut abgesichertes Gegenpressing.

Im besten Fall befruchten sich die beiden wichtigsten Mannschaften des Landes ab sofort gegenseitig, die Bayern als Klub-Team und die Nationalmannschaft als übergeordnetes Aushängeschild des deutschen Fußballs. "Für die Nationalmannschaft ist das gut, weil wir jemanden haben, zu dem wir einen ganz guten Draht haben, mit dem wir uns gut austauschen können und wo ich weiß, dass unsere Spieler dort gut aufgehoben sind", sagt DFB-Teammanager Oliver Bierhoff. "Niko Kovac wird einen absolut kompetenten, loyalen Co-Trainer bei sich haben."

Und einen, der sich um die Belange und die viel zitierte Verzahnung des Nachwuchsbereichs mit der Profiabteilung kümmert. Rund 100 Millionen Euro haben die Bayern in ihr neues Nachwuchsleistungszentrum gepumpt, alsbald sollen die teuren Investitionen auch den entsprechenden Ertrag abwerfen, sprich: Spieler für die erste Mannschaft der Bayern produzieren. Der Letzte, der es dauerhaft bei den Profis gepackt hat, ist David Alaba. Dessen Debüt in der Bundesliga liegt fast zehn Jahre zurück. Die Bayern haben in diesem Segment also durchaus Nachholbedarf.

Niko Kovac vergisst schmerzliche BVB-Pleite aus vergangener Saison

Niko Kovac und der FC Bayern verloren das Supercup-Finale gegen Borussia Dortmund. In der anschließenden Pressekonferenz lobte der Bayern-Trainer den BVB. Doch das Lob erwies sich als ungewollter Seitenhieb. (Foto: Teaserbild: imago images) © DAZN