Holger Badstuber hat sich schon wieder schwer verletzt. Die Saison dürfte für ihn damit gelaufen sein und auch die Europameisterschaft scheint unerreichbar. Was aber bedeutet diese erneute Verletzung für Badstubers Karriere? Und was für die Bayern, denen der dritte gelernte Innenverteidiger wegbricht?

Da steht diese unglaubliche Zahl: 837 Tage. So lange hat Holger Badstuber in den vergangenen gut drei Jahren Zeit in Krankenhäusern, Reha-Zentren, bei Ärzten, Physiotherapeuten, im Kraftraum oder einfach nur zu Hause auf der Couch verbracht.

Zwei Kreuzbandrisse, ein Sehnenriss und ein Muskelriss bedeuteten für den mittlerweile 26-Jährigen seit Dezember 2012 in fast schon beängstigend regelmäßigen Abständen immer wieder schwere Rückschläge. Badstuber ist der Pechvogel des deutschen Fußballs.

"Glück ist ein kurzeitiger Zustand", hat er mal in einem Interview mit "11Freunde" erzählt. Nur scheint sein sportliches Glück, das Glück auf gesundheitliche Unversehrtheit - anders als bei vielen seiner Berufskollegen - ein ganz besonders vergängliches zu sein.

Beim Abschlusstraining der Bayern vor dem Auswärtsspiel gegen den FC Augsburg (17:30 Uhr, LIVE bei Sky und bei uns im Ticker) hat sich Badstuber erneut schwer verletzt. Ohne Fremdeinwirkung zog sich Badstuber eine Sprunggelenksfraktur im linken Fuß zu und wurde noch am Samstag operiert. Rund drei Monate wird er nun wieder ausfallen. Damit sind die tausend Tage Verletzungspause schon bald voll.

Erinnerungen an Sebastian Deisler

Seit dem ersten Kreuzbandriss gegen Borussia Dortmund Anfang Dezember 2012 durchleidet kaum ein anderer Bundesligaprofi eine derart unglaubliche Verletzungsmisere wie Bayerns Innenverteidiger. Nach Muskeln und Sehnen hat es ihn nun erstmals mit einer Knochenverletzung erwischt. Man ist fast geneigt darüber nachzudenken, welcher Teil des Körpers als nächstes dran sein könnte.

Der Name Sebastian Deisler fällt im Zusammenhang mit Badstuber häufig. Deisler war der Prototyp des Pechvogels: Immer, wenn er nach einer Verletzung oder Krankheit den Anschluss an die Mannschaft wieder geschafft hatte, kam garantiert sogleich eine neue Malaise dazu und warf ihn wieder zurück.

Holger Badstuber hat in den letzten Monaten gelernt zu kämpfen. Er hat bisher jeden Rückschlag weggesteckt und kündigte dies auch für diese neuerliche Verletzung bereits via Twitter an. Trotzdem ist die Saison jetzt für ihn gelaufen, eine Rückkehr auf den Platz erst wieder ab der neuen Saison realistisch.

Das bedeutet auch, dass die Europameisterschaft in diesem Sommer, die neben den zu erreichenden Erfolgen mit den Bayern immer auch ein großes Ziel war, für ihn nicht mehr erreichbar sein dürfte. Badstuber verpasst damit wahrscheinlich das zweite große Turnier in Folge.

Dass Badstubers Karriere in Gefahr sein könnte, ob ihn ein ähnliches Schicksal erwartet wie damals Sebastian Deisler? Davon ist kaum auszugehen. Badstuber hat in den vergangenen Jahren wie kein anderer bewiesen, dass er kämpfen kann. Und dass er mental stabil genug ist, auch diesen Rückschlag zu verkraften.

Ob er dann, wie er nun schon einige Male davor betont hat, wieder stärker zurückkomme, ist dagegen kaum anzunehmen. Dafür müsste er endlich mal wieder mehr als ein paar Wochen beschwerdefrei Fußballspielen können.

Bayerns Notlösungen

Für den Spieler ist die Verletzung an sich schon schlimm genug - und für die Mannschaft kommt sie zur Unzeit. Badstuber war der letzte verbliebene gesunde Innenverteidiger für Pep Guardiola. Nachdem in Reihe erst Medhi Benatia, Jerome Boateng und zuletzt Javi Martinez ausgefallen waren, bildete Badstuber als letzter gelernter Innenverteidiger den mickrigen Restbestand.

Mit dem Zukauf von Serdar Tasci kurz vor Ende der Transferperiode hatten sich die Bayern noch für den Fall der Fälle einen doppelten Boden geleistet. Der ist spätestens jetzt eingetroffen. Zuletzt hat bereits Mittelfeldspieler Joshua Kimmich in der Abwehrkette ausgeholfen, Allrounder David Alaba ist auch in die Innenverteidigung gerückt.

Sie hatten Badstuber flankiert, beide sind nun bis auf weiteres auch in der Dreier- oder Viererkette gesetzt. Xabi Alonso wäre ein weiterer Kandidat, zumindest für die Zeit nach dem Augsburg-Spiel: Da ist der Spanier gesperrt.

Arturo Vidal könnte zur Not eine Linie weiter hinten spielen, bis wenigstens Benatia wieder zurückkehrt. Der Marokkaner trainiert immerhin schon wieder mit der Mannschaft und wird in ein paar Wochen zurückerwartet. Boateng und Martinez fallen noch länger aus.

An taktischen Optionen hat sich Trainer Guardiola längst versucht und gefühlt auch schon alles ausprobiert. Bisher hat die Mannschaft als Kollektiv die schwerwiegenden Ausfälle in der Abwehr ganz gut kompensieren können. Die Bayern lassen kaum mehr Torschüsse zu als noch mit Boateng oder Martinez im Abwehrzentrum, die Gegner werden zumeist wie vorher schon im Pressing oder Gegenpressing weit vom eigenen Tor ferngehalten.

Serdar Tasci kann wichtig werden

Für die Spiele in der Bundesliga sollte dieser Trend ausreichen, um am Ende vor Borussia Dortmund ins Ziel zu kommen. In der Champions League aber wird es jetzt richtig eng. Schon Juventus im Achtelfinale wird eine ganz schwierige Mission.

Es deutet einiges darauf hin, dass der Notnagel schon bald verstärkt ins Rampenlicht rückt. Die Bayern können Serdar Tasci jetzt unter Wettkampfbedingungen testen: Ist er nach zweieinhalb Monaten ohne Pflichtspieleinsatz fit und leistungsstark genug? Und könnte er auch in den Spielen gegen Juventus eine echte Alternative sein?

Das letzte Spiel auf der ganz großen Bühne hat Tasci im August 2013 gespielt. Im Pokalfinale mit dem VfB Stuttgart, das dann 2:3 verloren ging. Gegen die Bayern, die damals ihr Triple perfekt gemacht haben. Und jetzt darf Tasci helfen, den Traum von nächsten Triple in München zu erhalten.