Die Bayern-Spieler waren gerade in die Umkleidekabine gehuscht, als Trainer Niko Kovac seinen Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge um die Ecke biegen sah. Sofort nutzte der Kroate die Gunst des Augenblicks, schüttelte ergeben die Hand seines Chefs und stellte die alles entscheidende Frage: "Darf ich auf die Toilette, Herr Rummenigge?"

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

Natürlich ist die Szene nicht passiert. Aber es fehlt nicht mehr viel. Wenn man verfolgt hat, was Niko Kovac seit seiner Meinungsäußerung zum Thema Leroy Sané widerfahren ist, kann man ihm eine devote Grundhaltung nicht verdenken. Er musste sich bei Manchester City entschuldigen und Bayern München Besserung geloben: Kein Wort mehr zu Leroy Sané! Wie selbstständig darf ein Bayern-Trainer noch sein?

Rummenigge: "Mir hat die Aussage nicht gefallen"

Kovac hat nichts wirklich Verwerfliches getan. Nach dem wochenlangen Tauziehen um den deutschen Nationalspieler Leroy Sané, der für 90 Mio. Euro zu den Bayern wechseln soll, hatte er sich am Wochenende im ZDF zuversichtlich gezeigt, dass der Transfer klappt. Rummenigge konterte mit zwei Tagen Verspätung.

Karl-Heinz Rummenigge sagte gestern Abend, ebenfalls im ZDF: "Mir hat die Aussage nicht gefallen, da mache ich keinen Hehl draus." Man müsse Rücksicht nehmen, dass Sané immer noch Spieler von Manchester City ist, der Trainer dort ein guter Freund des Vereins, Pep Guardiola nämlich, und darum sei "Geduld angebracht". Jeder Satz: eine Ohrfeige für Kovac.

Die Schlagzeilenmacher in den Sportredaktionen fanden schnell die passenden Verben, um zu beschreiben, was beim FC Bayern wieder los ist. Rummenigge "rügt", "kritisiert" und rüffelt" Kovac, stand auf den Portalen zu lesen, noch bevor Bayern München im Testspiel Fenerbahce Instanbul mit 6:1 besiegt hatte. Das Spiel selbst: inzwischen unwichtig.

Kovac und Rummenigge: Alles andere als ein Traumpaar

Niko Kovac war nach Schlusspfiff bemüht, die Bedeutung des Rummenigge-Satzes herunterzuspielen, und enthüllte sogar, dass er sich bei seinem Trainerkollegen Pep Guardiola persönlich entschuldigt hat. Doch da war es längst zu spät. Die Petitesse zeigt jedem, wie wackelig sein Trainerstuhl auch in der neuen Saison ist.

Denn wie schwach ist ein Trainer, der zuerst nicht öffentlich sagen darf, dass er sich vier neue Spieler wünscht, und dann abgewatscht wird, wenn er sich ebenfalls öffentlich über einen Transfer freut. Kovac und Rummenigge: Das wird nichts mehr. Schon vorige Saison reichte das Double mit Meisterschaft und DFB-Pokal so eben zur Arbeitsplatzsicherung.

Ein Missgeschick war der Rüffel ganz sicher nicht. Rummenigge weiß um die Bedeutung jeder Stellungnahme. Ihm war die Befindlichkeit bei Manchester City wichtiger als die des eigenen Trainers. Man kann es nicht anders sehen: Kovac wird der Mund verboten - und er macht das Spielchen mit. Das ist keine gute Voraussetzung für eine erfolgreiche Saison.

Pit Gottschalk, 50, ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de.
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Teaserbild: © imago images / Sven Simon