Sein Siegtreffer im WM-Finale machte Mario Götze zum gefeierten Helden. 20 Monate später ist davon wenig übrig geblieben. Unter Trainer Pep Guardiola spielt der 23-Jährige keine Rolle. Ist nun sogar seine Teilnahme an der Europameisterschaft in Gefahr?

Gerne hätte Mario Götze am Samstag gegen seinen Ex-Verein Borussia Dortmund sein Comeback gegeben. Doch Pep Guardiola ließ den offensiven Mittelfeldspieler auf der Bank schmoren.

Götze hat beim Rekordmeister einen schweren Stand. Sein Muskelfaserriss im Adduktorenbereich ist längst auskuriert. Er hat sogar den Winter genutzt, um mit Privattrainern an seiner Fitness zu arbeiten. Guardiola interessiert das offenbar wenig.

In den vergangenen vier Bundesligaspielen hoffte Götze vergeblich auf einen Einsatz. Selbst als die Bayern gegen Mainz 05 unterlagen und Götze der letzte Offensivspieler auf der Bank war, ließ Guardiola lieber eine Auswechselmöglichkeit verstreichen, statt den 23-Jährigen zu bringen. Sein letzter Pflichtspieleinsatz datiert vom 4. Oktober.

Löw bleibt unbesorgt

Joachim Löw empfindet das als nicht ungewöhnlich. "Es ist völlig normal, dass er nach so einer langen Verletzungspause nicht damit rechnen kann, dass er in den ersten Wochen viele Einsätze bekommt. Das kann ich schon nachvollziehen", sagte der Bundestrainer bei Sky. "Mario wird noch ein bisschen brauchen, aber bis zur EM habe ich keine Sorgen um ihn."

Doch die Geduld des Weltmeister-Trainers dürfte nicht unendlich sein. Spielpraxis ist für ihn ein wichtiges Entscheidungskriterium. Im vergangenen Jahr zählte er Lukas Podolski an. Ohne Spielpraxis könne er den Stürmer nicht mit zur Europameisterschaft nehmen.

"Poldi" wechselte daraufhin in die Türkei zu Galatasaray Istanbul, wo er sich umgehend etablierte. Die Möglichkeit, vor der Europameisterschaft den Verein zu wechseln, besteht für Mario Götze nicht mehr. Es liegt in der Hand von Pep Guardiola, ob er sich bis zur EM beweisen darf oder nicht.

Mitleid aus Dortmund, Tipps von Ballack

Selbst in seiner ehemaligen Heimat Dortmund wird Götze bemitleidet. "Er hat unseren kompletten Jugendbereich durchlaufen und ist ein total netter Kerl", sagte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke gegenüber der "Bild"-Zeitung. "Ich mag ihn einfach, und deshalb tut es mir auch schon ein bisschen leid. Auf Mario lasse ich nichts kommen!"

Michael Ballack bezeichnet die Situation von Mario Götze als einen Prüfstein. "Er hatte den Vor- oder Nachteil, sehr jung bereits außerordentlich gut zu sein. Er hat sich früh dem besten deutschen Verein verschrieben. Nun sieht es so aus, dass es vielleicht doch nicht so klappt. Aber das ist ein Prozess, den viele große Spieler durchmachen mussten", sagte der ehemalige DFB-Kapitän bei der Fußballsendung "Sky 90".

Ballacks Tipp lautet: Götze muss kämpfen. "Er ist ein Spielertyp, der immer das Filigrane bevorzugt. Er ist ein fantastischer Fußballer. Aber zu einem großen Spieler und Talent gehört auch eine kämpferische Seite. Die muss er jetzt zeigen."

Peps verschmähte Liebe

Doch bekommt Götze unter Guardiola überhaupt noch eine Chance? Immerhin: Vergangenen Sommer sprach sich der Trainer gegen einen Abgang von Götze aus. Im September sagte Guardiola sogar: "Ich liebe Mario Götze." Der Nationalspieler hatte wenige Minuten zuvor in der Champions League gegen Olympiakos Piräus getroffen.

Dass Götze in über zweieinhalb Jahren der Durchbrauch in München verwehrt blieb, sei laut Guardiola lediglich mit dem starken Kader zu begründen: "Er ist ein Top-Spieler, aber ich habe Robert Lewandowski, Thomas Müller und viele andere."

Guardiola reagiert zunehmend gereizt auf Nachfragen zu Götze. Vielleicht weil seine netten Worte nur gespielt sind? Der Spanier galt nie als großer Götze-Fan. Neymar war im Jahre 2013 sein Wunschspieler.

Die Verpflichtung von Mario Götze war die Idee des Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge. Es ist der selbsterklärte Anspruch des Rekordmeisters, die besten deutschen Nationalspieler nach München zu holen. Götze passte in das Beuteschema. 37 Millionen Euro war ihnen der Transfer wert. Viel Geld für einen Bankdrücker.

Mit zweierlei Maß gemessen

Laut Matthias Sammer wird die Zeit von Götze noch kommen.

"Er ist wieder gesund, das ist super für uns. Aber er hat noch keinen Rhythmus", wird der Sportvorstand von der Münchner "tz" zitiert. Offenbar wird in München mit zweierlei Maß gemessen. Bestes Beispiel: Franck Ribéry war ähnlich lange verletzt und wurde schnellstmöglich wieder in den Spielbetrieb geschmissen. Es verdichten sich die Anzeichen, dass Götze einfach nicht in das System von Guardiola passt.

Ein möglicher Grund: Der Offensivspieler ist keine Passmaschine, der die Dominanz im Mittelfeld erhöht. Er ist eher ein Dribbler und Kombinierer, der die Angriffe in den Strafraum bringt. Doch Spieler, die vor dem gegnerischen Tor für Unruhe sorgen, hat Guardiola genug.

Robert Lewandowski und Thomas Müller sind meist gesetzt. Eine gute Ergänzung dazu sind Außenspieler, die in die Mitte ziehen und Räume öffnen oder aus der Distanz zum Abschluss kommen. Also Spieler wie Arjen Robben oder Douglas Costa. Für Götze ist kein Platz.

Höheres Ansehen bei der Nationalmannschaft

Gut möglich also, dass sich an der Situation des Nationalspielers nicht viel ändern wird. Die Bundesligasaison dauert nur noch gut zwei Monate. Dann muss Löw über seine Nominierungen für die Europameisterschaft entscheiden.

Immerhin: Bei der Nationalmannschaft genießt Götze höheres Ansehen als in München. In neun von zehn EM-Qualifikationsspielen kam er zum Einsatz. Der zehnte Einsatz scheiterte lediglich an einer Verletzung.

Bekannt ist auch, dass Löw für manche Spieler Ausnahmen macht. Er nominierte zum Beispiel Sami Khedira für die Weltmeisterschaft 2014, obwohl dieser aus einer langen Verletzungspause kam.

Möglicherweise würde er auch bei Götze über die mangelnde Spielpraxis hinwegsehen. Mit seinem WM-Tor hat Götze einige Bonuspunkte gesammelt - die könnte er nun brauchen.