Max Eberl hat bei einer Pressekonferenz seinen Rücktritt als Sportdirektor bei Gladbach bekannt gegeben. Erschöpfung, Selbstzweifel und Überforderung bewegen ihn zum Rücktritt. Wo bleibt Sinnhaftigkeit der Bundesliga, wenn die Begleitumstände des Arbeitslebens im Profifußball zum Raubbau von Körper und Geist führen.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
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Es gibt ja zu viele ähnlich gelagerte Fälle. Die der Schiedsrichter Babak Rafati und Felix Zwayer, die eigentlich nur Fußballspiele pfeifen wollten. Den von Ralf Rangnick, der auf Schalke hinwarf, und von Sebastian Deisler, der seine Karriere beendete. Am schlimmsten: den von Robert Enke.

Man ahnt es nur und weiß es doch: Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer an Fällen, in denen Protagonisten Erschöpfung, Selbstzweifel und Überforderung einfach ignorieren oder nicht den Mut haben, die Schattenseite ihrer Glamourwelt in aller Öffentlichkeit anzusprechen.

Man will ja keine Schwäche zeigen. Max Eberl verdient deshalb nicht nur Respekt, dass er die Kraft zum Outing aufgebracht hat. Er setzte Freitag ein Thema auf die Tagesordnung, das immer wieder mal erscheint, dann aber verschwindet, weil’s nicht wirklich zum Business passt.

Das Dilemma mit Kritik und Leistungsdruck

Als Medienschaffender steckt man dann in einem vielleicht unlösbaren Dilemma. Einerseits gehört Leistungsdruck zur DNA des Profisports. Wer mit der Ausübung eines populären Sports Geld verdient, setzt sich dem Urteil des Publikums aus, im Guten wie im Schlechten.

Andererseits darf Leistungsdruck nicht zur Erkrankung führen, weder grundsätzlich noch im Einzelfall wie bei Max Eberl. Hier beginnt das Dilemma: Wo liegt die Grenzüberschreitung bei einer Kritik, die der Betroffene immer persönlich nehmen muss, weil’s seine ureigene Arbeit zerlegt.

Man sagt dann schnell: Wenn die Kritik sachlich bleibt, ist’s okay. Kritik im Leistungssport ist aber nie sachlich. Es geht immer um Menschen, die etwas leisten oder nicht leisten, auf dem Rasen wie auf dem Managerstuhl. Und Fans und Medien schauen besserwisserisch zu. Sowas nimmt man persönlich.

So hat’s Max Eberl ja auch ausgedrückt: Er fühlte sich nicht mehr in der Lage, den Anforderungen an seiner Management-Aufgabe gerecht zu werden. Jede Personalie seines Handelns, ob Verkauf, Verlängerung oder Verpflichtung, wurde hinterfragt und damit seine Fähigkeit als Manager.

Der Umgang mit dem System

Wie will man das verhindern? Wenn Fälle öffentlich werden, mangelt es so wenig an Versprechen, dass man in Zukunft behutsamer vorgeht, wie an aufrichtigen Absichten. Hinterher muss man feststellen: Der Profifußball im Allgemeinen und die Bundesliga im Konkreten ändern sich nicht.

"Enkes Tod war damals für alle ein großer Schock, ist aber nicht so nachhaltig in den Gedanken geblieben, dass er heute noch als warnendes Beispiel gilt", sagte Eberl 2018 zum Freitod des früheren Nationaltorwarts Robert Enke. Heute versteht man besser als damals, wie er das meinte.

Der Kampf um die begehrten elf Plätze in der Startformation, das Pfeifkonzert von den Stadionrängen, wenn der Steilpass verrutscht, die Existenzsorgen nach schweren Verletzungen, die fiesen Schlagzeilen im Boulevard wie in Sozialen Netzwerken: Das alles ist systemimmanent.

Max Eberl setzt mit seinem Ausstieg ein Zeichen

Niemand soll glauben, dass Journalisten leichtfertig ihre Urteile veröffentlichen. Trotzdem passiert es, dass Überschriften einem Knock-Out gleichkommen, weil sie entweder treffend ausfielen oder total daneben. Max Eberl entschied für sich: Ihm wurde es nach zwei Jahrzehnten zu viel.

Und darin liegt vermutlich die Botschaft dieses denkwürdigen Freitags: dass die Öffentlichkeit zu würdigen weiß, wenn Betroffene die Reißleine ziehen und das Spiel nicht mehr mitmachen. So weit ist es gottseidank in Deutschland: Schwäche zeigen wird als Stärke wahrgenommen.

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Keine Kraft mehr: Max Eberl beendet seine Ära als Spieler und Manager in Gladbach

13 Jahre als Sportdirektor bei Borussia Mönchengladbach haben Max Eberls Kräfte aufgebraucht. In einer emotional berührenden Pressekonferenz schildert der Ex-Profi den Prozess, der ihn zu seinem schweren Schritt bewogen hat. Er habe vor, erstmals an sich selbst zu denken: "Ich möchte raus aus dieser Mühle." © Sky