Lucien Favre, der Trainer von Borussia Mönchengladbach, schmeißt hin. Überraschend für den Verein, die Spieler und selbst die Medien. Die Presse reagiert überwiegend mit Unverständnis - und watscht den Schweizer ab.

Kicker: "Favre lässt die Borussia im Stich: Dass Favre (…) hinter dem Rücken der Borussen seine Entscheidung öffentlich machte, ist ein Affront. Mit seinem skurrilen Alleingang brüskiert er den Klub und stellt die Verantwortlichen öffentlich bloß. Ein nettes Dankeschön für den in der Branche nicht selbstverständlichen Rückhalt, den Eberl und Co. dem Schweizer in der tiefen sportlichen Krise gaben. Favre pfeift auf den Vertrauensvorschuss, er lässt den Klub und die Mannschaft im Stich - und das ausgerechnet in der englischen Woche mit den wegweisenden Spielen gegen Augsburg und in Stuttgart. Auch daran werden sich die Liga-Manager erinnern, wenn wieder mal ein Trainerstuhl zu besetzen ist."

Spiegel Online: "Er geht so, wie er ist: Dieser Abgang ist ein typischer Favre. Der Trainer von Borussia Mönchengladbach war immer im Letzten undurchschaubar, ein gerade in der öffentlichen Darstellung sperriger, erratischer Mensch. Was wirklich in ihm vorgeht, hat der Schweizer selten offenbart, da blieb er eine Art persönliche Black Box. Dass er seinen Abschied jetzt für viele überstürzt und offenbar gar gegen den Willen des Vereins verkündet hat, passt zu ihm. Um ein Lieblingswort des Trainers zu zitieren: Er war immer eine polyvalente Persönlichkeit."

Welt.de: "Favre wurde verfolgt vom Fluch der guten Tat. Er hat alle verwöhnt, und wer einmal Wunder vollbringt, muss immer Wunder vollbringen. Vor sechs Jahren trainierte er Hertha BSC fast zur Meisterschale, aber als er die Eckpfeiler Simunic, Woronin und Pantelic nicht gleich ersetzen konnte, wurde der Hexer gefeuert. Danach machte er aus den abstiegsreifen Gladbachern ein Spitzenteam, und als er Dante, Neustädter und Reus problemlos ersetzte, hieß es: "Favre hat seine Berliner Lektion gelernt." Er hat auch noch ter Stegen und Arango ersetzt, aber das Handauflegen funktioniert nicht jedes Jahr, und plötzlich schrieben wir jetzt wieder: 'Krise kann er nicht – wie damals bei Hertha.' (...) 'Favre ist unrauswerfbar', hatte Max Eberl bis zuletzt eisern gesagt. Nun war es Favre, der die Konsequenzen gezogen hat und von sich aus zurückgetreten ist. Der Fuchs."

Sueddeutsche.de: "Favre schockt sie alle: Den gesamten Sonntag über hat Eberl noch versucht, den Trainer zum Bleiben zu überreden. Er kennt ihn ja auch schon ganz gut: Favre, den Zauderer, den ewigen Pessimisten. Es gehört zur Persönlichkeitsstruktur des eigenwilligen Fußballlehrers aus dem Bauerndorf Saint-Barthélemy in der Westschweiz, dass er eigentlich permanent im Zustand eines möglichen Rücktritts lebt. Das war schon in der zweiten Schweizer Liga so gewesen, bei Yverdon-Sport, wo ihn der Präsident Paul-André Cornu regelmäßig in seine Keksfabrik bat, Marzipan-Pralinen servierte - und Favre reden ließ. Oft gab es gar nichts Konkretes zu besprechen, "aber Lucien Favre muss einfach viel reden", hat Cornu einmal der SZ erzählt. Eberl hatte mit seinem Pragmatismus eine gewisse Routine entwickelt, Favre die ständigen Zweifel auszureden."

Westdeutsche Zeitung: "Die Kontrolle verloren: Lucien Favre ist kein gewöhnlicher Trainer. Aber jetzt traute er sich offenbar nicht mehr zu, Borussia Mönchengladbach wieder auf Kurs zu bringen. Weil er die Kontrolle über das Spiel seiner Mannschaft verloren hat. Und zu stolz ist, noch einmal das zu erleben, was ihm einst in ganz ähnlicher Lage bei Hertha BSC widerfahren war. Man musste damit rechnen, dass einer wie Favre die Dinge selbst in die Hand nimmt. Dass er damit den Verein und seine Fans vor den Kopf stößt, muss ihm klar sein. Aber er ordnet es seinem Innenleben unter. Für Gladbach ist die Situation schwierig. Es wird nicht lange dauern, bis der Name Jürgen Klopp aufs Tableau kommt. Der Trainer, der gesagt hat, er müsse keinen Spitzenverein übernehmen, um Spaß an der Arbeit zu haben."

Deutsche Welle: "Kurzschluss-Reaktion: Wenn man Lucien Favre eines nicht vorwerfen kann, dann, dass er nicht konsequent wäre. Nach fünf Bundesliga-Niederlagen und der Auftaktpleite in der Champions League nimmt der eigenwillige Schweizer bei Tabellenschlusslicht Borussia Mönchengladbach seinen Hut und geht aus freien Stücken. (…) Ein reichlich übereilter Schritt. Es sind gerade einmal fünf von 34 Partien dieser Saison gespielt. Die Borussia hat wegen der englischen Woche schon in drei Tagen das nächste Bundesligaspiel, am Samstag schon wieder eines. (…)Der Kapitän geht als Erster vom in Seenot geratenen Schiff. Favre hinterlässt einen schockierten Verein, der nun sehen muss, wie er alleine klar kommt. Ein adäquater Nachfolger ist natürlich erst mal nicht in Sicht. Klub und Mannschaft wurde mit dem überraschenden Rücktritt regelrecht der Boden unter den Füßen weggezogen."

n-tv.de: "Und plötzlich ist er weg. Lucien Favre denkt, er sei nicht perfekt - und tritt als Trainer der Mönchengladbacher Borussia zurück. Das ist grundsätzlich sein gutes Recht. Doch die Art und Weise seines Abgangs ist ein Affront."

Generalanzeiger: "Lucien Favre - Kein Mann für Krisen: So früh aufzugeben, hat nichts mit sportlichem Kampfgeist zu tun. Im Gegenteil, der Schritt wirkt wie ein Verrat an dem Club, der ihn viereinhalb Jahre gut bezahlte, und auch wie ein Verrat an der Mannschaft, die Favre 2011 vor dem Abstieg bewahrte und bis zum Mai 2015 zu einem Klasseteam formte. Doch sportlicher Erfolg ist vergänglich, so krass wie jetzt in Gladbach tritt dies aber selten zutage."

HNA (Hessische/ Niedersächsische Allgemeine): "Favres große Geste: Es zeichnet den Fußball aus, dass es immer mal wieder Entwicklungen gibt, die kein Experte seriös voraussagen kann – selbst unter Hinzuziehung diverser Datenbanken, Hellseher und anderer Experten nicht. (…) Dass er (Anm. d. Red.: Favre) nun seinen Platz räumt, ist seine letzte große Geste als Trainer dieser Mannschaft. Er hat erkannt, dass ihr nur ein neuer Impuls weiterhilft. Und der kann nur von außen kommen. Favres Ende ist radikaler als das von Jürgen Klopp in Dortmund. Dafür ist die Gladbacher Krise auch radikaler. Was Gladbach Hoffnung macht: Dortmund hat ein lange Zeit für unmöglich gehaltener Schnitt nicht geschadet." (far)