Aus zwei Gründen produziert Diego Maradona in diesen Tagen Schlagzeilen. Beim abstiegsbedrohten Klub Gimnasia La Plata in Argentinien hat der frühere Nationalheld eine Trainerstelle angetreten, Zehntausende von Menschen feierten die Rückkehr ihres von Gott geliebten Heilsbringers.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

In Deutschland rührt gleichzeitig der Film "Diego Maradona" die Zuschauer, eine aufwändige wie intime Dokumentation über den Auf- und Abstieg des Weltmeister-Kapitäns von 1986. Der Streifen ist ein Kunstwerk und seit 5. September im Kino.

Als ich Diego Maradona 1992 das erste Mal sah, so von Angesicht zu Angesicht, fuhr mir ein Schrecken durch alle Glieder. Das also sollte er sein: der beste Fußballer auf Erden. Ein kleiner Mann – der Körper etwas zu speckig, die Haare etwas zu verwegen, der Blick etwas zu unruhig. Und diesen Kerl sollte ich zum Interview verführen?

Pit Gottschalk trifft auf Fußballgott Maradona

Ich war gerade 24 Jahre alt und arbeitete bei der Abendzeitung in München. Deutschland, angeführt von Kapitän Lothar Matthäus, war zwei Jahre zuvor Weltmeister geworden und hatte eben jenen Maradona und dessen Argentinier im WM-Finale von Rom 1:0 besiegt. Ich selbst war gerade in die Weltstadt München gewechselt.

Meine erste Bewährungsprobe: Maradona. Nach nur ein paar Monaten in München. Die Finalniederlage bei der WM hatte Maradona aus der Bahn geworfen. Drogen, Fifa-Sperre, Vaterschaftsklage: Mit Schimpf und Schande hatten sie ihn aus seinem geliebten Neapel vertrieben. Nun wollte er in Sevilla, wo ich ihn in einem Luxus-Hotel aufgestöbert hatte, sein Comeback feiern – in einem Testspiel im Trikot des FC Sevilla gegen Bayern München.

Wie bringt man als Jungredakteur, der ich 1992 war, einen Weltstar aus Argentinien zum Reden? Ich konnte kein Spanisch, nur ein wenig Italienisch, und wenn ich an die Situation von damals denke, wird mir heute noch mulmig. Ich spürte den Druck.

Der Auftrag: eine Reportage über das Comeback eines Fußballers zu schreiben, den alle Welt für seine einzigartige Ballbehandlung liebte. Und der wie kein Zweiter die Kontrolle über sein Leben jenseits des Rasens verloren hatte.

Zu seiner besten Zeit verursachte Maradona mehr Rummel als heute Lionel Messi und Cristiano Ronaldo zusammen. Er spielte einzigartig. Ein paar Jahre vorher, bei der Weltmeisterschaft 1986, boxte er im Viertelfinale gegen England den Ball ins Tor und lieferte hinterher für die Berechtigung seines Handspiels eine einfache Erklärung: Es sei "die Hand Gottes" gewesen.

Drei Minuten später nahm er sich an der Mittellinie den Ball und tankte sich im Sturmlauf durch die Abwehrreihe, um sein atemberaubendes Dribbling mit einem Tor zu krönen. Der Treffer wurde später zum Tor des Jahrhunderts gewählt. Drunter machte es Maradona damals nicht. Er wurde Weltmeister und stand auf einer Stufe mit Pelé und Franz Beckenbauer.

Nun sah ich ihn, den von Gott geliebten, in der Lobby des Luxushotels in Sevilla. Ich war perfekt vorbereitet auf ihn, hatte alles gelesen, was das Archiv bereithielt. Vorher hatte ich mich beruhigt: Beschreiben kann ich ihn immer. Schlimmstenfalls sehe ich ihn mit dem Fernglas. Bestenfalls komme ich so nahe an ihn heran, dass ich in seine Seele schauen kann.

"Warum redest du nicht mit Maradona?"

Dummerweise hatte mir eine Freundin einen Satz in den Kopf gepflanzt. Sie sagte: "Wenn du schon mal da bist: Warum redest du nicht mit ihm?" Alle meine Ausreden, warum das nicht geht, ließ sie nicht gelten. Sie legte nach: "Er ist doch auch nur ein Mensch." Maradona ein Mensch? Er war Gott für mich. Mindestens: ein Heiliger. Kann man mit Heiligen sprechen?

Ich nicht. Aber der Gedanke ließ mich nicht los, seit ich Richtung Sevilla aufgebrochen war. Als ich Maradona in der Lobby sah, pummelig und sehr klein, hielt ich ein Interview nicht mehr für ausgeschlossen. Ich ging zur Rezeption und fragte nach einem Hotelzimmer; die Buchung hatte ich in meiner Aufregung vergessen.

Das Schicksal meinte es an diesem Tag gut mit mir. An der Rezeption arbeitete ein älterer Spanier, dessen Gesicht zu einem einzigen Lächeln aufhellte, als er hörte, woher ich kam. "Aus Deutschland!", wiederholte er in bestem Deutsch und lachte fröhlich. "Aus Deutschland!" Er sprach tatsächlich Deutsch. Er hatte die Sprache irgendwann von einem Mädchen gelernt, damals, als er noch jung war.

Die Studienzeit, die große Liebe, die Tränen hinterher: Er breitete mir die gesamte Geschichte von seiner Jugendliebe im Schnelldurchlauf aus und freute sich, dass ich ihm und seinem korrekten Deutsch so aufmerksam zuhörte. Das Geschäftliche erledigten wir nebenbei. Natürlich habe er ein Zimmer für mich, ein sehr schönes sogar.

Ich erkannte meine Chance und hakte nach: Und was ist mit Maradona – benimmt er sich? Mein neuer Freund steigerte sich in einen Redeschwall hinein. Er erzählte mir alles von Maradona. Vom Clan, der ihn abschirme. Von Rosen, die er seiner Frau Claudia bringen lasse. Von der überbordenden Freundlichkeit gegenüber dem Hotelpersonal.

Vorsichtig platzierte ich meine Fragen. Irgendwelche Eskapaden auf dem Zimmer? Nein, nur Wasser. Blöde Sprüche in der Lobby? Nein, immer sehr, sehr freundlich. Ich notierte und sortierte die Informationen hinterher und verbrachte die nächsten Stunden erwartungsfroh in der Hotelhalle.

Was sollte ich auch anderes tun? Inzwischen wusste ich, dass Maradona zweimal am Tag seine Suite verließ, um mit ein paar Vasallen durch den Park zu joggen. Seine Frau vertrieb sich währenddessen die Zeit mit ihren Töchtern am Swimmingpool.

Dorthin schlenderte ich, als Maradona samt Entourage das Hotel verlassen hatte, und wollte mal nach Frau Maradona sehen. Längst hatte ich beim allseits präsenten Maradona-Manager hinterlegt, dass ich seinen Spieler gerne sprechen würde. Ich schmückte meine Bedeutung etwas aus: Ich sei ja nun extra aus München gekommen, um – dem Anlass angemessen – aus erster Hand zu erfahren, was Maradona zum Comeback beim FC Sevilla treibe.

Nein! Nein! Nein! zum Maradona-Interview

Als er mir ein kurzes Nein servierte, begann ich unerschrocken die Verhandlungen. Dass es mir ja nicht darum gehe, irgendetwas zu enthüllen, sondern ... Nein! Das Gespräch sollte ja auch nicht lange dauern, vielleicht fünf oder sechs Fra... Nein! Vielleicht könnte er sich mal in meine Lage ... Nein! Immer wieder: Nein! Nein! Nein!

Der nette Spanier von der Rezeption, der so perfekt Deutsch sprach und sich als Dolmetscher angeboten hatte, empfand Mitleid. Tun konnte er nichts. Der Maradona-Manager sah nicht danach aus, als ob er meine Hartnäckigkeit als Tugend belohnen wollte. Also ging ich, wie gesagt, ziellos zu Frau Maradona an den Swimmingpool. Da saß sie und spielte mit ihren Töchtern.

Zu meinen ungeahnten Fähigkeiten gehört es, dass ich gut mit Kindern kann. Ich weiß auch nicht warum. Aber Kinder mögen mich. Zuerst ein Blickkontakt. Dann ein Lächeln. Irgendwann saß ich neben Dalma und Giannina, damals fünf und drei Jahre alt, und stapelte mit ihnen am Beckenrand die Bauklötze aufeinander.

Frau Maradona war nicht naiv. Sie hatte mitbekommen, dass ich Journalist war und auf ein Interview mit ihrem Mann lauerte. Aber ein 24-jähriger Jüngling, der mit ihren Töchtern geduldig Türme baute und wieder abriss, der aufrichtig mitlachte, wenn die Kinder lachten, konnte kein schlechter Mensch sein. Auch wenn er aus Deutschland kam und Journalist war.

Wir verabschiedeten uns nach über einer Stunde freundlich und ohne Hintergedanken am Swimmingpool. Es mag wohl Eindruck gemacht haben, dass ich meinen Gesprächswunsch bei ihr nicht erneuert habe. Reden konnten wir eh nicht miteinander. Mein spanischer Übersetzer hatte längst Feierabend und war verschwunden.

Am nächsten Morgen saß ich in der Lobby und trank einen Kaffee. Ich dachte noch: Maradona müsste gleich vom Jogging kommen, als plötzlich die Geräuschkulisse anhob und der Starkicker schwitzend und in Begleitung seiner Laufgruppe das Hotel betrat. Er sah mich, zeigte mit dem Finger auf mich und bedeutete mir mit einem Schnipp: Mitkommen!

Sofort stand ich auf, winkte meinen spanischen Freund, der wieder brav hinter dem Tresen an der Rezeption arbeitete, aufgeregt heran. Zu zweit folgten wir Maradona durch die Hotelflure, bis der Maradona-Manager mürrisch im Türrahmen der Hotelsuite stand und mir unmissverständlich zu verstehen gab: "Nur fünf Fragen!"

Seine Hand, nach oben gereckt, spreizte alle fünf Finger so drohend ab, dass Nachverhandlungen zwecklos schienen. Nur fünf Fragen! Ich nickte demütig und schritt in die Maradona-Suite. Ich war drin. Maradona schleuderte seine verschwitzten Trainingsklamotten in eine Ecke und stand plötzlich nur in kurzen Hosen vor mir.

Maradona wollte wie Franz Beckenbauer spielen

Seine Frau lächelte mir ermutigend zu. Ich stellte meine Fragen, und jedes Mal schrie der furchtbare Manager die erreichte Anzahl meiner Fragen in den Raum. Eins! Zwei! Bei Vier! hörte er auf. Er merkte offenbar, dass ich nichts Böses wollte. Und dass Maradona mich mochte. "Ich will kein Vorbild für die Jugend sein", sagte er zu den Verfehlungen in der Vergangenheit.

Jeder solle seine eigenen Erfahrungen und seine eigenen Fehler begehen. Es schwang Lebensweisheit in seinen Worten mit. Frau Maradona fühlte sich bestätigt: Sie hatten die beiden richtigen zum Gespräch zusammengebracht. Das Interview endete harmlos. Ich fragte nach den Golfschlägern, die an der Wand lehnten. Er wolle spielen wie Beckenbauer, hat er geantwortet.

Wir lachten. Das war’s. Ich hatte mein Interview. Was ich wohl heute aus dem Gespräch gemacht hätte? Bestimmt ein paar Selfies. Einige Tweets. Postings auf Facebook und Instagram. Erschienen ist: eine Reportage auf der Seite 3 in der AZ und ein paar Storys in den anderen Zeitungen. Ein Foto mit Maradona habe ich nicht; nur sein Autogramm auf einem Hotelprospekt.

Ich habe keine Ahnung mehr, wie das Bayern-Testspiel ausging. Aber ich weiß noch, wie ich nach dem Spiel mit Bayern-Manager Uli Hoeneß an der Hotelbar saß und wir über Maradona geredet haben. Er geriet fast ins Schwärmen. Er entwickelte dort zu später Stunde einen verwegenen Plan mit Maradona. Aber davon erzähle ich ein anderes Mal.

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Teaserbild: © Getty Images