Joachim Löw hat sich entschieden, der deutsche Kader für die EM 2016 steht. Trotz einiger Ausfälle, darunter der von Marco Reus, schickt der DFB eine starke Truppe zur Europameisterschaft nach Frankreich. Es bleibt nur die obligatorische Schwachstelle - und womöglich ein Problem im Tor? Wir machen den großen EM-Kader-Check.

Er wolle sich bis Dienstagnacht um 23:59 Uhr und 45 Sekunden Zeit lassen, witzelte Joachim Löw nach dem missratenen Testspiel gegen die Slowakei. Bis zum allerletzten Moment also, bevor die UEFA die Kaderliste einfordert mit den 23 deutschen EM-Teilnehmern.

Nun, ganz so lange hat Löw dann doch nicht gewartet. Am Dienstagnachmittag beendete Löw alle Spekulationen auf einer Pressekonferenz.

Julian Brandt, Karim Bellarabi, Sebastian Rudy und ziemlich überraschend auch Marco Reus dürfen nicht mit nach Frankreich reisen.

Die medizinische Prognose bei Reus, der eigentlich als klar gesetzt galt, sei nicht eindeutig gewesen, teilte Löw mit. Der Spieler habe massive gesundheitliche Probleme. Just an Reus‘ 27. Geburtstag fliegt der also aus dem Kader. Die Kritik im Netz war sogleich groß.

Damit konnte man nicht rechnen. Trotzdem aber kann man davon ausgehen, dass der DFB auch ohne das Quartett eine ziemlich starke Mannschaft ins Nachbarland entsenden wird. Aber wie gut ist Löws Team wirklich? Eine Einschätzung.

Die Torhüter

Manuel Neuer. Mehr muss man eigentlich gar nicht sagen oder wissen. Die Nummer eins ist eine Bank, viele behaupten, er sei der beste Torhüter der Welt. Im Torhüterland Deutschland gab es in diesem Mannschaftsteil eigentlich nie ein Problem. Löw musste so starke Keeper wie Ron-Robert Zieler, Timo Horn oder Kevin Trapp zu Hause lassen.

Er hat sich stattdessen für Bernd Leno und Marc-Andre ter Stegen entschieden. Beides ohne Zweifel Ausnahmekönner, aber jeder für sich mit einem kleinen Makel: Leno hat am Sonntag erst sein Debüt gegeben im DFB-Dress. Er hat schon Champions-League-Erfahrung, aber halt noch kein großes Turnier gespielt.

Die Nichtnominierung des BVB-Stars für die EM bringt Fans auf die Palme.

Das gilt auch für ter Stegen, der zudem in Länderspielen immer mal wieder einen bösen Patzer einbaut. Das wirkt nicht besonders souverän. Andreas Köpkes Kopfschütteln nach ter Stegens Fehlgriff gegen die Slowaken sagte mehr als 1000 Worte. Drei Fehler, die zu Gegentoren führten, in gerade einmal sechs Spielen sind eine grausame Quote.

Neuer ist die verlässliche Größe, seine Stellvertreter zwar hochtalentiert, aber eben auch nicht über jeden Zweifel erhaben.

Die Abwehr

Löw erwartet ein zweigeteiltes Turnier, mit einer Art Aufwärmphase in den Gruppenspielen und dann dem eigentlichen Einstieg in der K.o.-Runde. Insofern ist durchaus davon auszugehen, dass die Besetzung der Abwehrreihe sowohl inhaltlich als auch personell variieren wird. Neben der üblichen Vierer- ist auch eine Dreierkette zu erwarten.

Anders als bei der WM vor zwei Jahren, als Deutschland seine Viererkette in den ersten Spielen ausschließlich mit Innenverteidigern bestückte, ist das in Frankreich so vorerst nicht zu erwarten.

Jerome Boateng ist im Zentrum gesetzt, wie schnell Mats Hummels fit wird, bleibt abzuwarten. Mit den erfahrenen Benedikt Höwedes und Shkodran Mustafi stehen zwei gute Alternativen bereit, dahinter lauert Antonio Rüdiger. Im Zentrum dürfte es kaum Probleme geben.

Anders sieht es auf den Außenbahnen aus. Emre Can ist eine Option für die rechte Seite. Can hat auf der Position in Liverpool schon oft gespielt, auch im DFB-Dress schon einige Einsätze auf dem Flügel gehabt. Wohler fühlt er sich aber in der Mitte des Spiels. Und auf der anderen Seite ist Jonas Hector der einzige gelernte Linksverteidiger und zugleich auch Linksfuß in der Abwehrformation.

Auf beiden Flügeln ist es mit Alternativen nicht weit her, Deutschland schleppt sein mittlerweile traditionelles Außenverteidigerproblem also auch wieder mit nach Frankreich.

Das Mittelfeld

Ein Ilkay Gündogan in Topform wird fehlen, das dürfte man spätestens bei den möglichen großen Spielen im Viertel-, Halbfinale oder Endspiel merken. Wie viel Wettkampfhärte von Bastian Schweinsteiger zu erwarten ist? Das muss man sehen; Spielpraxis bringt der Kapitän jedenfalls kaum mit.

Für die Zentrale gibt es zum Glück noch Toni Kroos und Sami Khedira, die beide in ihren Klubs eine starke Saison gespielt haben. Und die Youngster Julian Weigl und Joshua Kimmich, die ihre Verlässlichkeit und Konstanz in der Bundesliga und im Europapokal gezeigt haben.

Im offensiven Segment ist Löw mit massenweise Alternativen gesegnet. Da bringt die Mannschaft Kreativität (Özil, Draxler) und Geschwindigkeit (Schürrle, Podolski) mit und in Thomas Müller das ganz gewisse Etwas. Natürlich tun der Ausfall von Reus und die Nichtnominierung von Bellarabi weh, beide sind mit ihren Fähigkeiten absolute Waffen.

Trotzdem bleibt das deutsche Mittelfeld das Prunkstück und die Achse des Spiels. Und vielleicht kann sich Schweinsteiger noch einmal zu einem Kraftakt wie bei der WM in Brasilien aufraffen. Da ging er auch angeschlagen ins Turnier - und wurde im Finale zum wichtigsten Spieler auf dem Feld.

Der Angriff

Der DFB führt neben dem zweifelsfrei anerkannten Stoßstürmer Mario Gomez auch Mario Götze und Leroy Sané offiziell als Angreifer. Das ergibt eine gute Mischung, wenngleich nur drei nominelle Angreifer auf dem Papier etwas wenig erscheinen.

In der Praxis sieht es so aus, als hätte Löw für alle erdenklichen Spielsituationen eine adäquate Lösung griffbereit. Gomez ist der klassische Keilstürmer und nach einer fulminanten Saison bei Besiktas bereit für einen neuerlichen Anlauf im DFB-Trikot.

Götze kann als verkappter Angreifer im Zentrum oder auf dem Flügel spielen, der Münchener ist der Spieler für die engen Räume, die gerade gegen defensiv ausgerichtete Gegner zu erwarten sind. Und Sané ist der perfekte Konterspieler, der Tempo, Mut und Unbekümmertheit zu einem Überraschungspaket schnürt.

Alle drei haben jene Spezialfähigkeiten, die Löw gerade bei Offensivspielern gerne einfordert. Andere Nationen mögen in der Breite besser aufgestellt sein. Mit seinem Angriffstrio muss sich der DFB bei der Europameisterschaft aber nicht verstecken.

Das gilt unterm Strich für den kompletten Kader: Deutschland ist - trotz der Ausfälle und einigen Fragezeichen - gerüstet für die Mission EM-Titel.

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Spielplan zur EM 2016 zum Ausdrucken