Thomas Müller ins Zentrum? Mesut Özil nach rechts? Mario Götze oder Mario Gomez? Und was ist eigentlich mit Leroy Sané? Joachim Löw hat vor dem Nordirland-Spiel einige Fragen zu klären. Im Grunde spitzen sich alle Diskussionen um die deutsche Offensive aber auf eine Kernthese zu.

Der deutsche Fußball und seine Protagonisten haben es sich seit einigen Jahren zur lieben Gewohnheit gemacht, kurz vor und manchmal gar während großer Turnieren hitzige Debatten um die Defensive der Nationalmannschaft zu führen.

Jeder hat was zu sagen

Da treten dann Experten auf den Plan und Ex-Spieler, am besten solche, die irgendwann schon irgendwas gewonnen haben. Oder aber Michael Ballack. Auch innerhalb der Mannschaft sind die Schwierigkeiten im Spiel gegen den Ball immer ein Thema, während das Trainerteam um Joachim Löw sich den Problemen annimmt und in der Vorbereitung gezielt dagegen vorgeht.

Nun soll es bei dieser Europameisterschaft offenbar so sein, dass Deutschland kein besonders großes Defensiv-, dafür aber ein veritables Offensivproblem hat. Festgemacht wird die Diskussion an der Tatsache, dass bisher keinem deutschen Angreifer ein Treffer gelungen ist. Und dass die Mannschaft gegen Polen gar komplett ohne Tor geblieben war.

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"Offensive kein Grundsatzproblem"

Der Streit darüber, ob Deutschland eine schlagkräftige Offensivformation aufbieten kann, hat in den vergangenen Tagen deutlich an Fahrt aufgenommen. Das kann man übertrieben finden - oder eben überfällig. Nach den bisher gezeigten Leistungen besteht jedenfalls Änderungsbedarf auf mehreren Ebenen, auch wenn der Bundestrainer nicht müde wird zu betonen, dass er "die Offensive nicht als Grundsatzproblem" ansehe.

Thomas Müller, Julian Draxler, Mesut Özil oder Mario Götze haben sich bisher wahrlich nicht in bester Verfassung präsentiert. Festgemacht wird das an ein paar Zahlen. Etwa der, dass Müller zwar bei Weltmeisterschaften schon zehn Tore erzielt hat, bei einer EM in sieben Spielen aber noch kein einziges. Weil er bisher gar nicht erst in die dafür notwendigen Abschlussaktionen gekommen ist bei diesem Turnier.

"Dass ich nicht mal richtige Chancen hatte, daran habe ich noch mehr zu knabbern", sagt Müller. Also nicht der Abschluss als solcher ist sein Problem, sondern schon der Weg dorthin. Bisher hat Thomas Müller seinen Dienst auf der rechten Außenbahn verrichtet, gegen die Polen wechselte er zeitweise auch wieder ins Zentrum. Und da sollte er über kurz oder lang auch wieder hin.

Müller ins Zentrum?

Aus der Mitte des Geschehens kann er die tiefen oder unkonventionellen Läufe starten, für die ihn die Abwehrreihen dieser Welt fürchten. Hier kann er Räume erkennen und anlaufen oder welche für seine Mitspieler schaffen. Er sehe sich dort am besten aufgehoben, "wo ich rund um den Strafraum ins Geschehen eingreifen kann", wie er es selbst formuliert.

Spielplan der Fußball-EM 2016 in Frankreich

Das geht zwar auch von der rechten Seite aus, schränkt den Spieler in seinem Bewegungsradius aber enorm ein und macht ihn so leichter ausrechenbar für den Gegner.

Mit Mario Götze oder Mario Gomez davor könnte Müller immer wieder in die Spitze aufrücken, um Zuordnungsprobleme beim Gegner zu schaffen. Gegen zwei echte Spitzen zu verteidigen, sind die meisten Innenverteidiger fast schon gar nicht mehr gewohnt.

Mesut Özil, der bisher in der Rolle des zentralen offensiven Mittelfeldspielers fungiert hat, ist kein Spieler für diese Stürmerwege.

Özil gefällt sich und dient der Mannschaft als Einfädler, Ballverteiler, Passgeber. Der Spieler für die magischen Momente ist er zweifellos. Er hat das bisher nur noch nicht gezeigt. Mal wieder, werden Kritiker nun behaupten. Und in der Tat benötigt Özil in jedem Turnier eine gewisse Anlaufzeit.

Vielleicht wäre es ratsam, ihn auf Müllers rechte Seite zu ziehen, um ihn gerade gegen die Nordiren - die mit einer Sechser- und davor einer Dreierkette das eigene Abwehrdrittel in der Mitte verriegeln werden - so aus dem Fokus der Dauerbewachung zu nehmen.

Außerdem könnte er hier endlich mal zur Mitte ziehen und entweder seine Pässe in die Tiefe spielen oder mit dem starken linken Fuß auch selbst zum Abschluss kommen.

Sané als attraktive Option

Auf der linken Seite hat Julian Draxler bisher enttäuscht. In Abwesenheit des verletzten Marco Reus hat Draxler das Rennen um den Startplatz vor André Schürrle für sich entschieden. Zurückgezahlt hat er das Vertrauen des Bundestrainers bisher aber nicht. Draxler wirkt einen Tick übermotiviert, aktionistisch und immer gleich auf der Suche nach dem ganz besonderen Ding.

Er ist ein Beleg dafür, dass die Mannschaft in gefährlichen Zonen die Bälle zu leicht verliert oder das Tempo verschleppt, statt es in diesem Spielfeldbereich deutlich anzuziehen. Hier fehlt es total an Geschwindigkeit mit Ball und an Zielstrebigkeit. Schürrle wäre eine Option - Leroy Sané aber die einzige logische Lösung.

Der Schalker bringt mehr Technik mit als Schürrle und - man mag es kaum glauben - noch mehr Tempo mit dem Ball am Fuß. Sané hat ein tolles Gespür selbst für kleinste Räume. Er würde unbelastet an die Aufgabe rangehen und wäre für die Nordiren auch schwerer auszurechnen. Weil sein Spiel im Vergleich zu den Champions-League-Teilnehmern Schürrle und Draxler vergleichsweise unbekannt ist.

Mehr Abläufe, mehr Tempo

Da Löw sich selbst um die Optionen Karim Bellarabi und Julian Brandt beraubt hat, indem er beide kurz vor Turnierstart aus dem vorläufigen Kader gestrichen hat, bleiben nicht mehr viele Alternativen. Und kaum noch welche, die sich mit einem pfiffigen Dribbling und ordentlich Zug zum Tor aufdrängen. Sané bildet da eine Ausnahme.

Unabhängig von allen erdenklichen personellen Erwägungen wird der Bundestrainer gegen die Nordiren aber vor allem eines sehen wollen: Richtig abgestimmte und ausgeführte Laufwege seiner Offensivspieler.

Im letzten Gruppenspiel gegen den am defensivsten erwarteten Gegner werden Räume ein kostbares Gut sein - umso entscheidender ist es, den Gegner zum Verschieben zu zwingen und so zumindest für kurze Zeit Lücken aufzureißen.

Dann dürfte es auch egal sein, wer auf welcher Position spielt. Individuell ist die deutsche Mannschaft dem Gegner auf jeder Position überlegen. Sichtbar wird das aber nur, wenn das Team auch als Mannschaft funktioniert.