Sami Khedira ist der Kragen geplatzt. Dem deutschen Nationalspieler geht am Rande der Fußball-EM 2016 in Frankreich die Debatte über fehlende Führungsspieler in der deutschen Nationalmannschaft auf den Senkel. Für ihn ist die Diskussion vor dem letzten Gruppenspiel gegen Nordirland nichts als "Comedy". Khediras Reaktion ist nachvollziehbar, das eigentliche Problem dadurch aber nicht gelöst.

Ein Kommentar
von Michael Wollny, Schlussredakteur und stellvertr. CvD

Die Frage, ob eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft auch wirklich über einen Führungsspieler verfügt, ist ein bewährter Stammtisch-Klassiker der deutschen Nörgel-Kultur im Land der eintausenduneins Bundestrainer. Zieht immer, wenn’s nicht läuft. So auch im Vorfeld des letzten Gruppenspiels gegen Nordirland.

Führungsspieler gibt es genug

Jerome Boateng hatte nach der blassen Punkteteilung gegen Polen wort- und gestenreich bewiesen, dass es keinen akuten Mangel an Führungsspielern gibt. Zumal der Plural hier ohnehin verfängt. Erfolgreicher Mannschaftssport erfordert kein Kollektiv aus Anführern, sondern ein angeführtes Kollektiv.

DFB-Star kontert mit klaren Worten Kritik von ARD-Experte Scholl.

Insofern ist Deutschland mit Manuel Neuer, Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und nun eben auch Jerome Boateng bestens aufgestellt. Das Problem liegt also nicht in einem Mangel an Führung. Es liegt in der Fixierung darauf.

Deutschland rühmt sich zu Recht seiner Talente. Sie sind das Ergebnis einer professionalisierten Nachwuchsförderung vom Jugendbereich bis hinauf zu den Profis. Eine Reaktion auf das grauenvolle Altherren-Gekicke nach den beiden Titelgewinnen der Neunzigerjahre.

Auch ohne Führung Wege finden

Doch es scheint, als bliebe auf diesem strikt durchgetakteten Erfolgsweg bei manchen etwas Entscheidendes auf der Strecke: Der Mut zur Nonkonformität, zum Bruch mit der Regel, um sich selbst als Ausnahmespieler zu bestätigen. Um selbstbewusst und selbstbestimmt auch ohne Führung eine eigene Richtung finden zu können. Sowohl neben als auch auf dem Spielfeld.

Spielplan der Fußball-EM 2016 in Frankreich

Doch auf dem Weg nach oben vom Bolzplatz ins Rampenlicht der großen Arenen wurden Kanten abgeschliffen und schräge Typen begradigt. Wenn bei diesem charakterlichen Zähmungsprozess zwischen Medien-Schulung, Marken-Pflege und Fremdsteuerung durch Berater und Sponsoren mal einer durchrutscht wie Thomas Müller, genießt er den Seltenheitswert eines bunten Hundes.

Auf dem Platz ist diese aberzogene Fähigkeit zum Querdenken und Querschießen fatal. Wenn dann wie gegen die Ukraine und Polen die offensiven Ideen fehlen und sich das Spiel nur noch auf taktische Disziplin reduziert, dann mangelt es nicht an Führung, sondern an Eigeninitiative.

Schluss mit dem Versteckspiel!

Es mangelt an Kreativität und dem Mut, sich eben nicht auf andere zu verlassen, sondern auf das eigene Können, um auch mal das Unerwartete zu wagen.

Man kann Zlatan Ibrahimovic für seine beispiellose Egozentrik vergöttern oder aus genau demselben Grund für einen narzisstischen Kotzbrocken halten. Aber in keinem Fall kann man ihm vorwerfen, er würde sich mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten auf dem Platz hinter dem Kollektiv verstecken und gar auf Führung warten.

Sami Khedira hat also recht, Deutschland mangelt es nicht an Führungsspielern. Es mangelt an Spielern, die keiner Führung bedürfen.

Mesut Özil. Mario Götze. Julian Draxler. In der Selbstdarstellung gerne schillernde Superstars, im Spiel häufig die Schatten ihrer selbst.

Das Können ist stets vorhanden, doch viel zu oft fehlen Mut und auch Lust, es im wahrsten Sinne des Wortes allen mal so richtig zu zeigen.

Thomas Müller ins Zentrum? Mesut Özil nach rechts? Mario Götze oder Mario Gomez? Und was ist eigentlich mit Leroy Sane? Joachim Löw hat vor dem Nordirland-Spiel einige Fragen zu klären. Im Grunde spitzen sich alle Diskussionen um die deutsche Offensive aber auf eine Kernthese zu.