Er ist nicht fit, hat keinen Spielrhythmus und wenig Selbstvertrauen. Trotzdem soll Bastian Schweinsteiger bei der EM 2016 eine wichtige Rolle einnehmen. Kann das überhaupt funktionieren?

Allzu lange war der Auftritt von Bastian Schweinsteiger beim 2:0-Sieg gegen Ungarn nicht. Knapp 25 Minuten stand der eigentliche Kapitän auf dem Platz. Und doch reichte der Kurzeinsatz, um den 31-Jährigen an die körperlichen Grenzen zu bringen.

Als es in der Nachspielzeit eine kleine Unterbrechung gab, beugte er sich erschöpft nach vorne. Für jeden Zuschauer war klar ersichtlich: Schweinsteiger ist noch lange nicht in EM-Form.

Bundestrainer verzichtet auf Angreifer - auch Bayer-Star fehlt.

Das erste Halbjahr 2016 war für den defensiven Mittelfeldspieler von Verletzungen geprägt. Anfang Januar setzte ihn ein Innenbandanriss für zwei Monate außer Gefecht. Kaum war er wieder zurück, riss das Innenband erneut.

Es ist nicht das erste Mal, dass Schweinsteiger angeschlagen in ein Turnier geht. Bei der Weltmeisterschaft 2014 hatte er mit einer lädierten Patellasehne zu kämpfen. Im zweiten Gruppenspiel kam er als Einwechselspieler erstmals zum Einsatz, daraufhin war er Stammkraft und spielte ein starkes Turnier. Im Finale zog er sich eine Risswunde unter dem Auge zu, machte trotzdem weiter und absolvierte eines der besten Spiele seiner Karriere.

Kommt Schweinsteiger während des Turniers in Form?

Es ist die große Hoffnung des Bundestrainers, dass sich Schweinsteiger im Turnierverlauf erneut so entwickelt. Joachim Löw erinnert im "kicker"-Interview an das WM-Finale 2014 und sagt: "Er hätte damals diese Leistung über 120 Minuten nicht zeigen können, hätte er zuvor alle Spiele gemacht."

Im ZDF stellt Schweinsteiger die Situation so dar, als wäre er diesmal fitter als vor zwei Jahren: "Bei der Vorbereitung auf die WM konnte ich eigentlich fast nichts machen. Jetzt konnte ich schon einiges machen in der Vorbereitung."

Doch hat die Medaille auch eine Kehrseite: 2014 hatte Schweinsteiger bei den Bayern im Saisonendspurt voll mitgemischt und sich erst am letzten Spieltag verletzt. Er war also voll im Spielrhythmus. Diesmal hatte er im gesamten Jahr 2016 lediglich sechs Einsätze für Manchester United - zuletzt am 20. März.

In Frankreich könnte die große Stunde eines "königlichen" Sechsers schlagen.

Dass er noch keine Sicherheit auf dem Spielfeld hat, war ihm gegen Ungarn klar anzusehen. Er passte den Ball hauptsächlich nach hinten oder zur Seite. Von dem alten Schweinsteiger, der im Spielaufbau die entscheidenden Akzente setzen kann, war er noch weit entfernt.

Löw stellt klar, dass der Kapitän viel Arbeit vor sich hat. "Er muss natürlich jetzt den Trainingsrhythmus hochhalten und auch an den beiden freien Tagen was tun", wird er auf DFB.de zitiert.

Es ist kaum vorstellbar, dass Schweinsteiger bald ein Kandidat für die Startelf ist. Zumal die Belastung bei einer Europameisterschaft, wo alle vier bis fünf Tage ein Spiel ansteht, groß ist. Er selbst traut sich momentan maximal eine Halbzeit zu.

Toni Kroos und Sami Khedira dürften im defensiven Mittelfeld gesetzt sein. Beide strotzen vor Selbstvertrauen. Kroos wurde mit Real Madrid Champions-League-Sieger, Khedira gewann mit Juventus Turin Meisterschaft und Pokal. Beide sind zu einem schnellen Kombinationsspiel in der Lage. Schweinsteiger fehlt dafür (zumindest noch) die Spritzigkeit.

Löw schätzt Schweinsteigers Erfahrung

Der Kapitän steuert also auf eine Reservistenrolle zu. Ex-Nationalspieler Andreas Möller ist dennoch davon überzeugt, dass "Schweini" auch dann eine wichtige Rolle einnimmt. Im "kicker" verrät er: "Schweinsteiger ist ein absoluter Leader und besitzt durch seine Leistung im WM-Finale unglaublich viel Kredit. Eine solche Galionsfigur mitzunehmen, die auch neben dem Platz sehr wichtig ist, kann ich nachvollziehen."

Schweinsteiger wurde nicht ohne Grund zum Kapitän ernannt. Er besitzt Führungsqualitäten. Bereits bei der WM 2014 war er wichtig für das Mannschaftsklima und kümmerte sich um die jungen Ersatzspieler.

Es scheint die Erfahrung und Routine zu sein, die Löw an Schweinsteiger besonders schätzt: "Er gibt der Mannschaft eine gewisse Sicherheit, wenn er mit seiner Persönlichkeit auf dem Platz steht."

Die Mitspieler sehen das offenbar ähnlich. "Er gibt den Takt vor und ist unser Kapitän", wird Jerome Boateng im "kicker" zitiert. "Sicher ist er noch nicht bei 100 Prozent, aber er ist sehr wichtig für uns."

Benedikt Höwedes sagt in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Er ist der Kapitän, er geht immer mit voran."

Schweinsteiger fehlte in vielen DFB-Spielen seit dem WM-Sieg

Niemand würde es wagen, Schweinsteiger als Auslaufmodell zu bezeichnen. Dabei zeigt ein Blick in die jüngere Vergangenheit, dass er schon lange kein Eckpfeiler der Nationalmannschaft mehr ist. 19 Länderspiele fanden seit dem WM-Triumph 2014 statt. An lediglich sieben Partien nahm er teil.

Als wäre die mangelnde Fitness nicht Problem genug, kommen auch noch unerfreuliche Gerüchte aus England hinzu. Die englische Tageszeitung "Mirror" berichtet, dass Manchester United Schweinsteiger loswerden möchte.

Die Vermutung, dass der Mittelfeldspieler seinen Zenit überschritten hat, liegt nahe. Aber wer weiß? Vielleicht zieht Schweinsteiger eine besondere Motivation daraus. Eine Europameisterschaft wäre die perfekte Bühne, um es allen Kritikern noch einmal zu zeigen.