Abwehrchef Jérôme Boateng ist eine der Säulen der Fußball-Nationalmannschaft. Der Innenverteidiger von Bayern München könnte der erste Spieler mit Migrationshintergrund werden, der dauerhaft die Kapitänsbinde trägt. Sein Erfolgsgeheimnis? Ein Käfig in Berlin und die Tipps eines Psychologen.

Warum der Münchner in der Startelf nichts verloren hat - ein Kommentar.

Die Kritik saß. Michael Ballack (39), langjähriger Kapitän der DFB-Elf und jetziger TV-Experte des US-Senders "ESPN", erklärte nach dem 0:0 gegen Polen: "Dieser Mannschaft fehlen ein bisschen Persönlichkeit und Charakter. Die Schwäche dieses Teams ist, dass sie alles schön machen und den Ball ins Tor tragen wollen."

Jérôme Boateng kann der frühere "Capitano" mit seinen Worten nicht gemeint haben. Zum einen ist der Bayern-Profi als Verteidiger mit dem Verhindern von Toren beauftragt. Zum anderen gilt der 27-Jährige als echte Persönlichkeit und legitimer Anwärter auf die Kapitänsbinde, wenn Bastian Schweinsteiger seine DFB-Karriere beendet.

Und schließlich bemängelte Boateng selbst nach dem Polen-Match ungewohnt deutlich die Ausbeute seiner Vorderleute. Die Kritik des Abwehrchefs und Weltmeisters von 2014 steht sinnbildlich für seine gewachsene Rolle in der Mannschaft von Joachim Löw. Aber was macht Boateng so stark? Wie ist er zu dem Anführer gereift, der er heute ist?

Die Zeit im Käfig

Um das zu verstehen, ist ein Blick ins Berlin der 1980er Jahre hilfreich. Der 1988 geborene Boateng wächst, anders als seine älteren Brüder George (33) und Kevin-Prince (29), im bürgerlichen Westberliner Stadtteil Wilmersdorf auf. Obwohl auch der jüngste des Boateng-Trios ein Scheidungskind ist, reißt der Kontakt zum Vater nie ab: Er wächst behüteter als seine Halbbrüder auf.

Als bei einem D-Jugend-Kick der Vater eines Gegenspielers "Mach den Neger fertig!" brüllt, ist Boateng Senior da, um den weinenden Jérôme zu trösten. Wenn George und Kevin-Prince solche Sprüche hören, fehlt der gebürtige Ghanaer dagegen als Beschützer.

Die älteren Geschwister, die im bunten, rauen Wedding groß werden, lernt Jérôme erst mit acht Jahren kennen. Sie verbringen nun viel Zeit im "Käfig" - ein von Drahtzaun umgebener Bolzplatz an der Panke. "Der Käfig", vertraut George Boateng dem "Stern" an, "ist der Anfang von allem."

Der Beginn einer besonderen Nähe und einer großen Rivalität. Die großen Brüder wollen ihr Terrain verteidigen, der jüngere will zeigen, dass er mithalten kann. Die Tränen bei Niederlagen treiben sie Jérôme irgendwann aus. Es sind harte Stunden im Käfig. Eine Schule, von der er heute noch profitiert. "Ich war schüchtern, als ich dorthin kam", sagt Boateng später. "Aber im Käfig habe ich mich verändert."

Hilfe des Psychologen

In der Jugend von Tennis Borussia Berlin nimmt die große Karriere im Alter von zehn Jahren ihren Anfang. Später durchläuft Boateng die Jugendmannschaften von Hertha BSC, wird nach den Stationen Hamburger SV und Manchester City im Sommer 2011 von Bayern München verpflichtet. Da ist er längst zum Nationalspieler aufgestiegen, kommt bei der WM 2010 in Südafrika fünfmal zum Einsatz.

Aber zum Anker der DFB-Elf reift der 1,92 Meter große Berliner erst bei den Bayern. Auch wegen Ex-Coach Pep Guardiola, der Boateng durch Videozusammenschnitte seiner Fehler sowie Hinweise zur Positionierung und Körperhaltung einen weiteren Qualitätssprung ermöglicht.

Früher galt seine mangelnde Konzentrationsfähigkeit als große Schwäche: Immer wieder leistete er sich kapitale Fehlpässe, unter Stress überdrehte das Talent, grätschte ohne Not, kassierte rote Karten. Vor vier Jahren wandte er sich an den Teampsychologen des DFB, Dieter Hermann. "Ich wollte gezielt Übungen machen", berichtet Boateng dem "Stern".

Hermann gab ihm zwei Dinge mit auf den Weg: "Um wach zu bleiben, sollte ich einfach mit mir selbst sprechen – rechts! links! –, mich immer wieder umdrehen, räumlich denken", so Boateng. Die Selbstgespräche wurden Teil seiner Spielroutine - mit Erfolg. Im WM-Endspiel 2014 gewann der einstige Unsicherheitsfaktor 83 Prozent seiner Zweikämpfe, viele sahen ihn als besten Mann auf dem Platz. "Vor früheren Finals war ich sehr nervös", sagt Boateng, "aber auf dieses Spiel habe ich mich gefreut." Ein Unterschied wie Wedding und Wilmersdorf.

"Als Persönlichkeit gereift"

Der Weg des Jérôme Boateng ist noch nicht zu Ende. Der modebewusste Vater zweier Töchter, der eine eigene Brillenkollektion entwirft, träumt von der Kapitänsbinde. Zweimal durfte er sie in 58 Länderspielen schon aushilfsweise tragen, aber einen farbigen, dauerhaften Spielführer hatte die DFB-Elf noch nie. "Das wäre eine große Ehre für mich", sagte Boateng der B.Z.

Anfang des Jahres berief ihn der Bundestrainer in den sechsköpfigen Mannschaftsrat. "Ich bin als Persönlichkeit gereift, habe zu allen Spielern im Kader ein gutes Verhältnis, spreche viel mit den jungen Spielern und helfe ihnen, wenn sie Rat suchen."

Vielleicht hat er auch wegen seiner gewachsenen Reife so gefasst auf die beleidigenden Worte des AfD-Politikers Alexander Gauland reagiert - zumindest äußerlich.

"Er ist ein ganz lieber Junge", sagt sein Bruder George, "aber wenn es nicht so läuft, wie er will, und er es nicht nachvollziehen kann, hast du ein Problem mit ihm. Dann verschwindet der Gentleman schnell mal." Auf dem Feld sowieso. Da ist er ein Kämpfer, aggressiv, intensiv - aber nicht mehr überdreht. Einer, der schon mal den Finger in die Wunde legt. Wenn Fußballexperten der DFB-Elf anno 2016 fehlenden Charakter zuschreiben, dann haben sie einen Mann ganz sicher nicht gemeint: Jérôme Agyenim Boateng.