Das EM-Aus gegen Frankreich hat dem DFB aufgezeigt, dass in den letzten Jahren in manchen Bereichen auch falsch ausgebildet wurde. Aus der ehemaligen Stürmer-Nation Deutschland ist ein Land ohne Angreifer geworden. Ein Ende der Misere ist kurzfristig nicht in Sicht.

Die Entwicklung ist nicht neu und sollte eigentlich auch niemanden überraschen. Denn der Niedergang der ehemaligen Stürmer-Nation ist ein schleichender. Er gipfelte in der 0:2-Niederlage gegen Frankreich, in der ein Vollstrecker fehlte.

Deutschlands Nationalmannschaften definierten sich jahrzehntelang über drei Säulen: Überragende Torhüter, eine kaum erreichte Disziplin - und Angreifer, die auf Welt gefürchtet und bewundert wurden.

Die Liste ist lang, sie reicht von Edmund Conen in den frühen 30er Jahren über Max Morlock und Helmut Rahn in den Nachkriegsjahren, danach Uwe Seeler, Gerd Müller, Dieter Müller, in den 80ern Karl-Heinz Rummenigge, Rudi Völler und Klaus Fischer, Jürgen Klinsmann und Ulf Kirsten eine Generation später bis hin zu Miroslav Klose und Mario Gomez. Von den ehemaligen DDR-Granden wie Joachim Streich und Hans-Jürgen Kreische ganz zu schweigen.

Joachim Löw nominierte nur einen Stoßstürmer

Deutschland war das Land großer Angreifer. Jetzt herrscht hier Notstand, das sollte nicht erst das Halbfinal-Aus bei der Europameisterschaft gegen Frankreich bewiesen haben. Joachim Löw hatte nur einen einzigen gelernten Stoßstürmer im Kader. Mario Gomez war alsbald auch gesetzt und wurde gegen die Franzosen schmerzlich vermisst.

Deutschland zeigte sich auch im Halbfinale gegen die Franzosen im Spielvortrag als beste Mannschaft der EM - scheidet aber trotzdem aus. Verantwortlich dafür sind allen voran zwei Dinge.

Nun kommen natürlich wieder jene aus der Deckung, die Löw ein verpatztes Kadermanagement vorwerfen. Wie konnte er nur mit einem einzigen echten Angreifer diese Mission beginnen? Aber so einfach ist das nicht. Mit dem Abschied von Miroslav Klose war klar, dass sich Deutschland einige Alternativen zu einem Spielsystem mit einer klassischen Neun basteln muss.

In der Nachwuchsförderung wurde in den letzten Jahren nicht immer genau hingeschaut, einige würden behaupten: Es wurde geschludert. Der Deutsche Fußball-Bund hat sich offenbar ein wenig blenden lassen von den Erfolgen der Nationalmannschaft und den allgemein gültigen Trends des internationalen Fußballs.

Deutschland hat die Bewegung weg vom Modell des Flügelspiels mit anschließenden Flanken in den Strafraum nicht nur mitgemacht, sondern auch forciert. Der FC Barcelona war stilbildend, auch Spaniens Nationalmannschaft.

Die falsche Neun war plötzlich in aller Munde. Das auch zurecht. Aber, wie man spätestens jetzt weiß, eben nicht als einzige heilbringende Variante. Andere Nationen haben den Trend zwar auch erkannt, sich aber nicht so sehr darauf verlassen.

Mario Gomez allein ist zu wenig

Italiener, Franzosen, Belgier, Engländer, Portugiesen, selbst die Spanier hatten eine reiche Auswahl an klaren Keilstürmern in ihren Kadern. Oder zumindest einen Spieler, der absolute Weltklasse auf dieser Position verkörpert. Deutschland hatte Gomez - und der durfte und konnte von sechs möglichen EM-Spielen nur die Hälfte von Beginn an ran.

Deutschland hat den Gegentrend ein bisschen verschlafen. Das hat nicht zwingend zum EM-Aus gegen Frankreich geführt, war aber ein Mosaikstein dabei. Und noch schlimmer: Auf kurzfristige Sicht wird das Problem im Land des Weltmeisters auch Bestand haben. Die Nachwuchsleistungszentren der Profiklubs produzieren auf der Stürmerposition nicht jene Qualität an Spielern wie auf anderen Positionen.

Das kann damit zusammenhängen, dass den meisten Spielern beigebracht wird, flexibel und auf verschiedenen Positionen in der Offensive einsetzbar zu sein. Flexibilität und Variabilität schlagen hier eine Spezialbegabung. Hinter Gomez, der auch schon 30 Jahre alt ist, klafft ein riesengroßes Loch. Der letzte dieser Spezies von "dreckigen" Knipsern war Patrick Helmes, den seine anhaltende Verletzungsmisere mittlerweile sogar zum Sportinvaliden gemacht hat.

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Hansi Flick in der Verantwortung

Die hoffnungsvollen jungen Sternchen von früher? Alle verglüht. Julian Schieber, Pierre-Michel Lasogga oder der ehemalige Leverkusener Samed Yesil, der sich mit 17 Jahren den Sprung zum FC Liverpool zugetraut hatte und beim FC Luzern in der Schweiz kickte. Davie Selke hat sich für den Umweg 2. Liga entschieden, er wäre mit seinem Potenzial sicherlich ein Hoffnungsträger für die Zukunft. Daniel Ginczek hätte perfekt in Löws Beuteschema gepasst. Aber nach einem zweiten Kreuzbandriss binnen zwei Jahren ist der Stuttgarter vorerst auch kein Thema.

Hansi Flick, dereinst Co-Trainer von Löw und nun als Sportdirektor beim DFB der entscheidende Mann für neue Konzeptionen und Ideen, hatte bereits vor zwei Jahren gewarnt. "Man muss die Bundesligisten nur mal durchgehen: Klassische Stoßstürmer wie Miroslav Klose oder Mario Gomez gibt es derzeit nicht so viele. Und ein Robert Lewandowski, der den Ball in nahezu jeder Situation behauptet und beherrscht, spielt leider nicht für Deutschland."

Und Teammanager Oliver Bierhoff hatte Flick damals schon mit auf den Weg gegeben: "In der Tat sollten wir, und dies ist eine der Aufgaben von Hansi Flick, diese Entwicklungen in die Ausbildung von Außenstürmern und Torjägern in die Jugendarbeit einfließen lassen." In den U-Mannschaften des DFB tummeln sich immerhin einige hoffnungsvolle Talente. Die große Kunst wird es sein, diese auch in den Profibereich zu führen. Und zwar am besten in der Bundesliga.

Stammspieler haben keinen deutschen Pass

Zieht man die Abschlusstabelle der vergangenen Bundesliga-Saison zu Rate, sprechen die Fakten eine traurige Sprache: Es gibt kaum noch Stürmer mit einem deutschen Pass, die in ihren Klubs Stammspieler sind.

Robert Lewandowski (Bayern), Pierre-Emerick Aubameyang (Dortmund), Chicharito (Leverkusen), Klaas-Jan Huntelaar (Schalke), Jhon Cordoba (Mainz), Vedad Ibisevic (Berlin), Bas Dost (Wolfsburg) und Anthony Modeste (Köln) - acht der neun Bestplatzierten setzten auf ausländische Stoßstürmer. Und beim Tabellenvierten Borussia Mönchengladbach war der Brasilianer Raffael mit 13 Toren mit Abstand gefährlichster Schütze.

Das sind mehr als Trends. Es sind Alarmsignale, die schon länger ertönen, bisher aber geflissentlich auch überhört wurden. Der DFB muss die Inhalte in der Jugendausbildung überdenken, vielleicht auch wieder auf gesondertes Training für Stürmer zurückgreifen oder den Jüngsten ihre Begabung nicht abtrainieren und alles vereinheitlichen.

Diese Erkenntnis war bereits vor dem Halbfinale gegen Frankreich gereift. Nur wurde sie in den 90 Minuten von Marseille nochmals deutlich unterstrichen.