Seine Nominierung für die EM 2016 in Frankreich wird in sozialen Netzen heftig diskutiert, Teile der Presse degradierten ihn gar zum bloßen Maskottchen - dabei ist Lukas Podolski viel mehr als das. Wieso der Stürmer im Laufe des Turniers sogar eine entscheidende Rolle in der deutschen Nationalmannschaft spielen könnte.

Als Bundestrainer Joachim Löw vor wenigen Tagen den endgültigen Kader der deutschen Nationalmannschaft für die EM 2016 in Frankreich verkündete, war das Geschrei unter den Fans wie immer groß.

Klar, unpopuläre Entscheidungen gehören zum Job des Bundestrainers dazu: Löw darf nun mal nur 23 Spieler für die Endrunde nominieren, also muss er entscheiden, wer zu Hause bleibt.

Für ihn kein Problem, das kennt er schon von seinen vier vorausgegangenen Turnieren als Cheftrainer. Und nach der gewonnenen WM 2014 sieht selbst mancher Kritiker ein, dass Löw mit seinen Entscheidungen auffallend oft richtig liegt.

Aber vor allem der Fall Marco Reus stößt vielen Fans und Journalisten sauer auf. Der Linksaußen von Borussia Dortmund darf wegen "massiver gesundheitlicher Probleme", so sagte es Löw während einer Pressekonferenz, nicht mit nach Frankreich. Und das, während andere Spieler, die es in den Augen vieler Fans weniger verdient haben, weiterhin zum Kader gehören.

Vergleichsweise leise kritisiert wurde in den sozialen Netzen zum Beispiel die Nominierung von Bastian Schweinsteiger, obwohl der Held des WM-Finales von 2014 im EM-Jahr 2016 wegen Verletzungen im rechten Knie gerade mal sechs Pflichtspiele für Manchester United bestritten hat. Er wird voraussichtlich erst im späteren Turnierverlauf einsetzbar sein.

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Lauter ist die Empörung hingegen bei Lukas Podolski. Dem bald 31-Jährigen, so scheint es, trauen große Teile der deutschen Öffentlichkeit ein so wichtiges Turnier einfach nicht mehr zu.

So schrieb ein User bei Twitter: "Kann Podolski nicht als Betreuer mitfahren? Dann klaut er keinem Spieler, der wirklich helfen könnte, den Kaderplatz." Und ein anderer spottete: "Löw nimmt Podolski als Maskottchen mit, lässt aber Schmelzer nach einer Hammersaison zu Hause. Muss man nicht verstehen."

Die Nicht-Nominierung von Marcel Schmelzer mit der Nominierung von Lukas Podolski zu verquicken, ist wegen der unterschiedlichen Wirkungsbereiche beider Spieler zwar nur bedingt zulässig. Aber die Kritik ist im Ansatz durchaus berechtigt.

Immerhin spielt Podolski in der Nationalmannschaft auf seiner Position schon seit der EM 2012 nicht mehr unangefochten die erste Geige. Bei der WM 2014 war er sogar nur noch Reservist, in der K.o.-Phase des Turniers stand er keine einzige Minute auf dem Platz. Aber wegen ihrer Heftigkeit schießen manche Fans mit ihren öffentlich verbreiteten Reaktionen weit übers Ziel hinaus.

Podolski-Nominierung mindestens nachvollziehbar

Denn im Sinne einer gesunden Mischung des EM-Kaders ist die Nominierung von Lukas Podolski trotz dessen reduzierter Rolle als Ergänzungsspieler mindestens nachvollziehbar, vielleicht sogar folgerichtig.

Und das eben nicht nur, weil er als Gute-Laune-Onkel heitere Stimmung im Team-Hotel verbreitet, wie es in den vergangenen Tagen so mancher Kommentator und Kolumnist schrieb.

Dabei zu helfen, eine harmonische Atmosphäre in der Mannschaft zu erzeugen, wird sicher eine der Kompetenzen von Lukas Podolski sein. Aber eben nicht die einzige.

Viele scheinen bei ihrer Kritik zu vergessen, dass Lukas Podolski bei den zurückliegenden sechs Turnieren mit der Nationalmannschaft dabei war. Über so große Erfahrung verfügt im aktuellen Kader außer ihm nur Bastian Schweinsteiger.

Und das könnte im Verlauf der EM durchaus wichtig werden, denn im Team befinden sich eine Handvoll junge Spieler, die zum Teil noch nie unter Wettkampfbedingungen für die deutsche A-Elf gespielt haben. Man denke nur an Spieler wie Leroy Sané (20), Julian Weigl (20) und Joshua Kimmich (21). Hier wirken Podolski und Schweinsteiger als routiniertes Gegengewicht.

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Zudem schreibt Joachim Löw Podolski immer noch einen sportlichen Wert für die Nationalmannschaft zu. Podolski hat für Galatasaray Istanbul eine starke Saison gespielt, in 30 Ligaspielen schoss er 13 Tore und bereitete neun weitere vor. Eine gute Ausbeute, obschon die türkische Süper Lig zwar keine Topliga ist, aber doch immerhin über eine beachtliche Qualität verfügt.

Die beiden Wolfsburger André Schürrle und Julian Draxler, die wohl in der Reihenfolge vor Lukas Podolski um den Platz im linken offensiven Mittelfeld konkurrieren werden, haben individuell zwar eine solide Saison gespielt, wegen des frustrierenden Abschneidens ihres Vereins aber womöglich eine weniger breite Brust als Podolski.

Zackige Sprints und harte Schüsse

Weiter wird Lukas Podolski vorgehalten, seine auf zackige Sprints und harte Schüsse ausgerichtete Positionsauslegung sei durch die taktischen Veränderungen der vergangenen zehn Jahre ein Auslaufmodell.

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Und tatsächlich ist "Poldi" kein Mann für endlose Passstafetten, wie man sie auch bei der deutschen Mannschaft heute sieht. Podolski ist zielgerichteter, aggressiver, stärker auf den schnellen Torabschluss fokussiert. Das mag heute nicht mehr zeitgemäß sein. Aber wenn es hart auf hart kommt, wenn Deutschland etwa kurz vor Schluss in Rückstand liegt, dann kann es die Mannschaft womöglich beleben, mit der Routine zu brechen und es stattdessen einmal mit dem altmodischen Hauruck zu versuchen.

Und ein Lukas Podolski hat wegen seines kumpelhaften Charakters sicher bessere Chancen, eine Mannschaft im Rückstand für die letzten Spielminuten noch mal aufzustacheln als Spieler wie Draxler oder Schürrle.

Lukas Podolski hat Recht, wenn er es als respektlos empfindet, von Presse und Fans zum Pausenclown degradiert zu werden. Nicht nur wegen seiner Verdienste in der Vergangenheit. Er ist nicht das Maskottchen, sondern Teil einer deutschen Nationalmannschaft, die in Frankreich um den Titel mitspielen will. Und er wird alles geben, um seinen Teil dazu beizutragen – auf und neben dem Platz.