Vor dem Auftakt des DFB-Teams bei der EM in Frankreich gegen die Ukraine am Sonntag (21:00 Uhr) spricht Weltmeister Thomas Berthold im Interview mit unserer Redaktion über die Problemposition der deutschen Nationalmannschaft, die Rolle von Mario Götze und erklärt, warum Bastian Schweinsteiger unersetzlich ist.

Herr Berthold, Mats Hummels fehlt wohl beim EM-Start, Antonio Rüdiger fällt kurzfristig aus. Der Bundestrainer hat den unerfahrenen Jonathan Tah nachnominiert – die richtige Entscheidung?
Thomas Berthold: Der Innenverteidiger ist bei uns eine spezielle Position. Da haben wir nicht so viel Auswahl. Dasselbe gilt für die Außenverteidigerposition. Dem Bundestrainer bieten sich nicht so viele Optionen. Er kann nur darauf zurückgreifen, was er zur Verfügung hat.

Ergo, eine schnelle Rückkehr von Hummels ist alternativlos?

Das DFB-Team muss Verletzungen kompensieren. Schafft es das?


Die Innenverteidigung ist eine elementare Position. Mit Hummels und Jerome Boateng haben wir zwei Top-Leute, wenn der Bundestrainer sie bringen kann, ist es für ihn die halbe Miete. Aber auf Teufel komm raus einen angeschlagenen Spieler ranzulassen, bringt auch nichts. Hummels muss in der Lage sein, so zu spielen, dass eine weitere Verletzung ausgeschlossen ist.

Sie sprechen die Außenverteidiger an: Sollte Joachim Löw Youngster Joshua Kimmich vom FC Bayern vertrauen oder gar lieber auf eine Dreierkette umstellen?

Laut Umfrage wollen Deutsche gerne bei dem FCB-Stürmer schlafen.


Ich bin kein Fan einer Dreierkette. Deutschland hat fast ausschließlich mit Viererkette gespielt. Aber: Wir haben links und rechts nun mal nicht viel. Für links haben wir im EM-Kader eigentlich nur Jonas Hector vom 1. FC Köln. Rechts kommen immer wieder Spieler zum Einsatz, die keine "geborenen" Rechtsverteidiger sind. Da wir gegen Gegner spielen, die meistens eine defensive Ausrichtung wählen dürften, kann ich mir vorstellen, dass auf dieser Position am ehesten jemand kommt, der seine Stärken in der Spieleröffnung hat.

Ein Emre Can zum Beispiel.
Den habe ich ein paar Mal bei Freundschaftsspielen gesehen, also naja. Da kann man sich echt überlegen, ob man eben nicht doch den Kimmich aufstellt. Der hat das bei den Bayern auch gespielt. Ich finde ihn fußballerisch gut. Dass er kein klassischer Rechtsverteidiger ist, ist bekannt. Löw muss jetzt das Beste draus machen.

Schon früher wurde eifrig über diese Schwachstelle diskutiert – kann sie zum großen Problem für den Bundestrainer werden?
Das haben wir ja schon bei der WM in Brasilien gesehen. Schnelle Spieler, die im Eins-gegen-eins wegen ihres Tempos und ihrer Dribblings gefährlich sind, können uns Probleme bereiten.

Der Bundestrainer wird flexibel reagieren müssen. Mitunter wird ihm ja vorgehalten, dass er zu beharrlich an einzelnen Spielern festhalte – zum Beispiel an Bastian Schweinsteiger. Der fuhr mit zur EM, obwohl er nach langer Knieverletzung noch nicht fit ist. Gerechtfertigt?

Wir hatten dasselbe vor der WM mit Sami Khedira, der 2014 noch schwerer verletzt war, aber in Brasilien so fit gemacht wurde, dass er der Mannschaft doch noch helfen konnte. Man braucht bei einer EM Spieler, die Turniererfahrung mitbringen. Auch das Thema Druck ist elementar. Da ist er nicht zu ersetzen. Löw nimmt ihn mit, um ihm die Zeit zu geben, dass er irgendwann im Turnier einsteigen kann, wenn er in der entsprechenden Verfassung ist.

Weil es ohne Leader-Typen nicht geht?


Wir brauchen Spieler, die diese Eigenschaft nachweislich gezeigt haben. Ob das jetzt Khedira ist oder eben Schweinsteiger. Diese Erfahrung ist vor allem in puncto Körpersprache nicht zu ersetzen.

Löw setzt auch auf Mario Götze, der beim FC Bayern zuletzt außen vor war. Kann er zum X-Faktor werden wie mit seinem Final-Tor bei der WM?
Na gut, bei der WM hat er dieses Sensationstor im Finale geschossen. Ansonsten war es ja nicht sein Turnier. Wenn ich über die gesamte Saison keinen Spielrhythmus habe, ist es grundsätzlich immer auch schwer beim Turnier. Götze spürt aber das Vertrauen von Löw, das hat er vielleicht im Verein nicht gespürt. Ohne Selbstvertrauen ist es im Sport generell schwer.

Ein anderes Thema: Die Verbal-Attacken der Alternative für Deutschland (AfD) auf Jerome Boateng und Mesut Özil sorgten für Aufruhr.
Ich muss ganz ehrlich sagen, dass das an mir vorbeiging. Anscheinend haben die Langweile. Die sollen sich mal um andere Themen kümmern, die unsere Gesellschaft betreffen anstatt sich mit solch populistischen Äußerungen zu profilieren. So einen Blödsinn habe ich schon lange nicht mehr gehört.

Es wird viel über Integration und Identifikation diskutiert. Was ist das für ein Gefühl, für sein Heimatland bei solch einem Turnier zu spielen?
Das ist das Größte für einen Profisportler. Diese Turniere gibt es nur alle vier Jahre. Im Verlauf einer Karriere hat man nicht viele Chancen, an solch einem Turnier teilzunehmen. Man bekommt ja auch mit, was zu Hause los ist. Es gilt, die Erfahrung mitzunehmen und Gas zu geben.

Trauen Sie dem DFB-Team das Finale oder gar den EM-Sieg zu?
Ich denke, dass die Mannschaft ins Halbfinale kommt, dann ist auch das Finale möglich. Bei den großen Events sind wir einfach da, das gehört zu unserer Mentalität, das ist in unserer Kultur drin. Wir haben die Spieler und die Erfahrung, um Europameister zu werden, aber eine EM hat eben nochmal eine andere Qualität als eine WM, weil die Leistungsdichte höher ist. Mein Favorit ist Frankreich.

Warum?
Die Franzosen haben einfach die größte Qualität. Die haben ein unheimliches Tempo, Athletik, Erfahrung. Im Vergleich zur Konkurrenz gibt es kaum eine Schwachstelle. Umgekehrt sind die Erwartungshaltung und der Druck riesig. Dem müssen sie sich erst mal stellen.

Und wer kann für eine Überraschung sorgen?
Die Belgier werden ja immer genannt. Die sind zwar offensiv stark, haben aber ihre Probleme in der Defensive. Ich könnte mir vorstellen, dass die Schweizer und die Österreicher unangenehm zu spielen sind. Und die Engländer könnten das erste Mal nach 50 Jahren der Abstinenz eine Rolle spielen. Sie haben eine interessante Mannschaft, mit viel Tempo auf verschiedenen Positionen und Dynamik im Spiel nach vorn.

Thomas Berthold bestritt 62 Länderspiele für Deutschland und wurde 1990 Weltmeister. Bei der Europameisterschaft 1988 im eigenen Land gehörte er dem EM-Kader an. Das DFB-Team scheiterte aber im Halbfinale an den Niederlanden. Zwischen 1982 und 2000 spielte der heute 51-Jährige für Eintracht Frankfurt, Hellas Verona, AS Rom, Bayern München und den VfB Stuttgart. Mit den Schwaben wurde Berthold 1997 DFB-Pokalsieger. Heute arbeitet der einstige Abwehrspieler unter anderem als Experte für den TV-Sender Sport1 und die Münchner "tz".