Nach dem WM-Sieg 2014 sind wichtige Spieler der deutschen Nationalmannschaft zurückgetreten. Jetzt steht die EM 2016 in Frankreich bevor – und in der DFB-Elf haben zum Teil andere Spieler das Sagen. Vor allem zwei Helden vom Halbfinalsieg gegen Brasilien tragen jetzt die Verantwortung.

Es ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen: Sobald der Nationaltrainer einer großen Fußballnation seine endgültige Kader-Auswahl getroffen hat, wird darüber tagelang heiß diskutiert. Welcher Spieler hätte auf jeden Fall noch mit gemusst? Und welcher ist völlig zu Unrecht dabei?

Die EM 2016 wird in insgesamt zehn Stadien ausgetragen. Der nördlichste Spielort ist Lille, der südlichste Marseille. Wir haben die wichtigsten Informationen zu den Spielstätten in einer Grafik zusammengestellt.

So war es auch, als Bundestrainer Joachim Löw bekannt gab, welche Fußballer er mit zur EM 2016 nach Frankreich nehmen wird. Er hat einige diskussionswürdige Entscheidungen getroffen, darunter die, dass Lukas Podolski erneut zum Team gehören wird, obwohl Poldis Leistungen nach Ansicht mancher Beobachter dafür zuletzt nicht mehr ausreichten.

Joachim Löw erneut mit dem goldenen Händchen?

Aber der Bundestrainer hat schon mehr als einmal bewiesen, dass er mit seinen Entscheidungen häufig richtig liegt. Und wie bei der gewonnenen Weltmeisterschaft 2014 hat er auch diesmal eine Mannschaft zusammengestellt, die das Potenzial hat, um den Turniersieg mitzuspielen.

Es wird spannend zu beobachten sein, ob die von Löw ausgesuchten Spieler – insbesondere die Debütanten – auch wirklich das halten, was sie versprechen. Im Kampf um den Pokal wird aber eine andere Frage eine viel größere Bedeutung haben. Welche Spieler haben das Zeug, die neuen Leader des Teams zu sein?

Die Rücktritte von Philipp Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose wurden nicht vollumfänglich kompensiert. Und ob Bastian Schweinsteiger seine Rolle noch einmal so ausfüllen kann wie 2014, als er insbesondere im Finale durch seinen heldenhaften Kampf zu einem der Grands Seigneurs des deutschen Fußballs aufstieg, ist fraglich. Wegen Verletzungen im rechten Knie kam er im Jahr 2016 für seinen Verein Manchester United nur in sechs Spielen zum Einsatz, nur zweimal ging er über die vollen 90 Minuten.

Wer in der Abwehr das Kommando hat, ist seit dem Viertelfinale der WM 2014 klar: Mats Hummels und Jerome Boateng sind die Chefs. In den letzten drei Turnierspielen in Brasilien entwickelten sie sich zu einem stabilen Innenverteidiger-Duo. Allerdings fällt Hummels wegen eines Muskelfaserrisses mindestens das erste Spiel gegen die Ukraine aus, vielleicht sogar auch im zweiten Gruppenspiel gegen Polen.

Im Angriff hat Löw die Wahl zwischen einer echten und einer hängenden Spitze, hinter der zumeist eine Dreierformation agieren wird. In deren Zentrum dürfte Mesut Özil gesetzt sein, auf dem rechten Flügel Thomas Müller, für die linke Seite kommen mehrere Kandidaten in Frage. Das Zeug zum Leader hat im offensiven Mittelfeld vor allem der torgefährliche Müller; anders als er gilt Özil als vergleichsweise stiller Spielgestalter und Vorlagengeber.

Sonderrolle für Lukas Podolski

Eine Sonderrolle könnte Lukas Podolski zukommen, sollte er auf dem linken Flügel eingesetzt werden. Mit seiner Erfahrung aus sechs Turnieren mit der Nationalmannschaft und seiner aggressiven Art des Tempofußballs kann er den Rest des Teams mitreißen, wenn es etwa im Fall eines Rückstands kurz vor Schluss hart auf hart kommt. Das ist wohl einer der Gründe, weshalb Löw trotz der Kritik erneut nicht auf Podolski verzichten will.

Den größten Einfluss haben Führungsspieler jedoch am Scharnier zwischen Abwehr und Angriff, im zentralen und defensiven Mittelfeld. Eigentlich eine Position, auf der Löw die Qual der Wahl hat. Aber weil Bastian Schweinsteiger noch nicht bei 100 Prozent ist und Ilkay Gündogan wegen einer Knie-OP gar nicht erst mit nach Frankreich reisen kann, dürften nun Sami Khedira und Toni Kroos erste Wahl sein.

Kroos und Khedira - gesetzt auf der Sechs?

Beide standen schon in Brasilien und bei Real Madrid häufiger zusammen auf dem Feld und könnten sich gut ergänzen: Khedira käme in einer Doppelsechs wegen seiner Zweikampfstärke die etwas defensivere Rolle zu, während sich Kroos mit seinen präzisen Pässen und dem Blick für Räume vor allem dem Einleiten von Angriffen widmen würde.

Sollte es so kommen, könnte die EM für die Wahrnehmung Kroos' ein wichtiger Faktor werden. Mit 26 Jahren ist er ein fester Bestandteil des DFB-Teams, in neun von zehn EM-Qualifikationsspielen stand er in der Startelf. Sowohl Khedira als auch Schweinsteiger spielten wegen diverser Verletzungen seltener.

Trotzdem haftet Kroos bisweilen noch immer der Ruf als Hilfsarbeiter für die Stars an. Eine Rolle, der er längst entwachsen ist: Kroos hat die Ambition und das Potenzial, beim DFB zum Leader zu werden. Er ist kein Lautsprecher, weder auf noch neben dem Platz. Aber durch seine Souveränität, mit der er das Tempo steuert, und die Ruhe, mit der er das Spiel verlagert, zieht er schon jetzt die Fäden im Mittelfeld.

Etliche Stunden Anschauungsmaterial lieferte er unter anderem während der WM 2014, als er in allen sieben Spielen in der Anfangsformation stand und nur einmal ausgewechselt wurde – kurz vor dem Abpfiff im Viertelfinale gegen Frankreich.

Am besten erinnern sich wohl die meisten Fans an seine Gala in Belo Horizonte, als er beim 7:1-Halbfinalsieg der deutschen Mannschaft gegen Brasilien zwei Tore und eine Vorlage beisteuerte. Bei seinem Verein Real Madrid hat er sich seitdem noch weiter entwickelt, vor kurzem erst gewann er die Champions League als einer der Schlüsselspieler des Teams.

Die EM ist für Toni Kroos genau die richtige Bühne, um der Öffentlichkeit ein weiteres Mal zu zeigen, welche Bedeutung er für die deutsche Nationalmannschaft hat.