Im Halbfinale der EM 2016 gegen Frankreich muss Bundestrainer Joachim Löw die Abwehr umbauen – wieder einmal. Auch im defensiven Mittelfeld muss voraussichtlich ein Stammspieler ersetzt werden. Nicht die besten Aussichten. Aber in der Abwehr hat Deutschland einen Schalker für alle Fälle – und auf der Sechs womöglich ein Ass im Ärmel.

Fünf EM-Spiele, ein Gegentor – und das fiel durch einen verwandelten Handelfmeter von Italiens Leonardo Bonucci. Die deutsche Abwehr hat sich im bisherigen Turnierverlauf Bestnoten verdient. Und das, obwohl Bundestrainer Joachim Löw die Hintermannschaft personell häufig umbauen musste; gegen Italien ließ er sogar erstmals im Turnier mit einer Dreierkette statt der sonst üblichen Viererkette spielen. Der Erfolg gibt ihm Recht: Deutschland steht im Halbfinale der EM 2016 – und bekommt es dort mit Gastgeber Frankreich zu tun.

Die Franzosen dürften der bisher schwierigste Gegner der deutschen Elf werden. Ihr Viertelfinale gewann die Équipe Tricolore am Sonntagabend mit 5:2 – vor allem die französischen Angreifer präsentierten sich dabei in Hochform.

Zwar war der Gegner "nur" der krasse Außenseiter Island. Aber der hatte es im Achtelfinale immerhin fertig gebracht, England aus dem Turnier zu schießen und ritt deswegen auf einer Welle der Euphorie.

Frankreich ließ sich davon nicht beeindrucken und siegte souverän und auch in der Höhe verdient. Man muss also davon ausgehen, dass Olivier Giroud, Antoine Griezmann, Dimitri Payet und Co. vor dem deutschen Tor deutlich mehr Alarm machen werden als die Angriffsformationen der bisherigen DFB-Gegner.

Mats Hummels fehlt wegen einer Gelbsperre

Ausgerechnet gegen das angriffslustige Frankreich wird Löw ein weiteres Mal seine Abwehr umstellen müssen. Innenverteidiger Mats Hummels, der nicht nur gegen Italien ein bärenstarkes Spiel zeigte, wird wegen einer Gelbsperre nicht zur Verfügung stehen.

Das ist umso ärgerlicher, weil vor allem die erste gelbe Karte aus dem Spiel gegen die Slowakei mindestens diskussionswürdig war. Auch Abwehrchef Jérôme Boateng hat kleinere Beschwerden in der Wadenmuskulatur, wird gegen Frankreich aber wohl fit sein.

Zudem ist noch unklar, ob Sechser Bastian Schweinsteiger rechtzeitig zum Halbfinale wieder fit wird. Er hatte im Spiel gegen Italien einen Schlag auf die Innenseite des rechten Knies erhalten, wodurch er sich eine Außenbandzerrung zuzog.

Bei Sami Khedira, der gegen Italien nach einer Viertelstunde angeschlagen ausgewechselt wurde, ergab die Untersuchung nach dem Spiel eine Adduktorenverletzung im Bereich des linken Oberschenkels.

Sein Einsatz gegen Frankreich wurde bereits ausgeschlossen. Bei Schweinsteiger stehen die Chancen etwas besser. Aber in der Pressekonferenz am Montag betonte Joachim Löw nachdrücklich: "Spieler, die angeschlagen sind, lasse ich definitiv nicht spielen."

Mustafi und Höwedes sind als Ersatz zur Stelle

Als Ersatz für Mats Hummels kommen vor allem zwei Spieler in Frage: Shkodran Mustafi und Benedikt Höwedes. Mustafi spielte schon im ersten Gruppenspiel gegen die Ukraine neben Boateng in der Innenverteidigung, weil Hummels zu dem Zeitpunkt noch angeschlagen war.

Hinten agierte er trotz einiger Wackler insgesamt solide, vorne gelang ihm sogar das Tor zum 1:0 für Deutschland. In den folgenden Spielen saß Mustafi trotzdem nur auf der Bank, weil sich Hummels früher als gedacht einsatzbereit meldete.

Der flexible Höwedes spielte in den ersten beiden Gruppenspielen gegen die Ukraine und Polen als Rechtsverteidiger. Gegen Nordirland und die Slowakei wurde er jeweils nur in der Schlussphase für Boateng eingewechselt, weil auf Rechts Youngster Joshua Kimmich den Vorzug erhielt.

Gegen Italien rückte er wiederum in die Startformation, weil Löw mit einer Dreierkette aus drei Innenverteidigern spielte. Neben seinen Kollegen Hummels und Boateng machte Höwedes ein starkes Spiel und leistete seinen Beitrag dazu, dass Italien aus dem Spiel heraus kaum Offensivaktionen gelangen.

Gegen Frankreich wohl wieder mit Viererkette

Das zeigt: Auch, wenn der Ausfall von Hummels bitter für Deutschland ist, muss man sich um die Abwehr keine ernsthaften Sorgen machen. Die Ersatzspieler sind stark genug, um Hummels ohne einschneidenden Qualitätsverlust zu ersetzen. Gleichwohl ist es gut möglich, dass Löw gegen die Franzosen zur Viererkette zurückkehren wird.

Jonas Hector und Joshua Kimmich, die gegen Italien ins Mittelfeld vorgerückt waren, würden in dem Fall wieder die Links- beziehungsweise Rechtsverteidigerposition einnehmen. Neben Jérôme Boateng würde vermutlich Höwedes in der Innenverteidigung beginnen, da er während des Turniers deutlich mehr Einsatzzeit verbucht als Mustafi, mit den übrigen Verteidigern also besser eingespielt ist.

Für Höwedes und Mustafi nebeneinander wäre nur Platz in der Startelf, wenn Löw erneut mit einer Dreierkette spielen würde. Das halten die meisten Beobachter jedoch für nicht sehr wahrscheinlich.

Löw selbst wich einer Antwort darauf vor den Journalisten galant aus. Mit einem Lächeln im Gesicht sagte er: "Gegen Italien war das notwendig. Man muss sich auch ein wenig nach dem Gegner richten. Gegen Frankreich? Das muss ich mir noch mal überlegen."

Bekommt Julian Weigl die Chance, sich zu beweisen?

Die möglichen Ausfälle im defensiven Mittelfeld könnten indes eine Chance für die Reservisten im deutschen Kader werden. Liverpools Emre Can und Dortmunds Julian Weigl können auf der Position spielen.

Vor allem Weigl wäre wegen seiner hohen Passsicherheit eine interessante und durchaus denkbare Option. Auch Jonas Hector, Joshua Kimmich und Mesut Özil haben Erfahrung auf der Sechs, sie werden aber an anderer Stelle gebraucht. Die Frage, wer neben Regisseur Toni Kroos spielen wird, falls Schweinsteiger ausfällt, gibt wenige Tage vor dem Halbfinale jedenfalls viel Raum für Spekulationen.

Solche würde es übrigens auch geben, wenn Deutschland am Donnerstag gegen Frankreich gewinnen und ins Finale der EM einziehen sollte. Dort würde entweder Wales oder Portugal auf die DFB-Elf warten. Dann dürfte auch Mats Hummels wieder mitmischen und Bundestrainer Joachim Löw müsste die Abwehr ein letztes Mal umbauen.