• Deutschland schlägt Finnland mit 3:0 und zeigt dabei, dass auch gegen tiefstehende Gegenerinnen Lösungen vorhanden sind.
  • Die vielen Wechsel führten zu kleineren Problemen, doch einige Spielerinnen nutzten ihre Chance.
  • Das DFB-Team beweist, dass es für das anstehende K.o.-Duell mit Österreich bereit ist.
Eine Analyse

Mehr aktuelle News zur EM 2022 finden Sie hier

Deutschland schlägt Finnland mit 3:0 und gewinnt damit auch das dritte Spiel souverän. Eigentlich hatte dieses letzte Spiel in der Gruppe B keinerlei Bedeutung mehr für das DFB-Team – und doch konnte Martina Voss-Tecklenburg dem viel Positives abgewinnen.

"Wir stehen mit neun Punkten und 9:0 Toren da und haben heute wieder drei gemacht. Dazu haben wir Spielzeit für alle Spielerinnen generieren können", erklärte die Bundestrainerin im ZDF, die darüber hinaus mindestens fünf weitere Erkenntnisse für die K.o.-Runde gewinnen konnte.

1. Deutschland kann auch tiefe Gegnerinnen

33 Abschlüsse, vier Großchancen, 3,77 erwartbare Tore – die Statistiken untermauern die Dominanz, mit der Deutschland das letzte Gruppenspiel bestritten hat. Finnland kam andererseits nur auf einen Abschluss, der keinerlei Gefahr ausstrahlte. 26 der 33 deutschen Schüsse kamen von innerhalb des Strafraums.

Nun ist Finnland sicher nicht das Kaliber, das die DFB-Auswahl in den K.o.-Duellen erwartet. Mit ihrer kompakten und aggressiven Verteidigung lieferten sie aber einen kleinen Vorgeschmack darauf, was Österreich im Viertelfinale entgegensetzen wird. Deutschland wird auch dann deutlich mehr Ballbesitz haben und gegen eine noch viel besser organisierte Defensive Lösungen finden müssen.

Gegen Finnland gelang es der Elf von Voss-Tecklenburg immer wieder sehr gut, die Flügel freizulaufen. Wie beim 1:0, als Giulia Gwinn die finnische Linksverteidigerin im Zentrum binden konnte und so Raum für Svenja Huth auf dem rechten Flügel entstand. Gwinn wich anschließend gut in den Halbraum aus, bekam den Ball und flankte ihn passgenau auf den Kopf von Sophia Kleinherne.

Deutschland hat bewiesen, dass sie gute Lösungen gegen tief verteidigende Gegnerinnen entwickeln können. Das gilt es nun auf höherem Niveau gegen Österreich zu bestätigen.

2. Deutschland hat "etwas zu meckern"

Mit dem Sieg waren selbstredend alle Spielerinnen und auch das Trainerteam zufrieden. Mit der Leistung hingegen nicht alle. Torschützin Sophia Kleinherne analysierte nach der Partie am ZDF-Mikrofon: "Natürlich gibt es auch an diesem Sieg etwas zu meckern." Auf Nachfrage umschrieb sie ihre Gedanken mit dem Wort "Kleinigkeiten".

Weit über 30 Flanken schlugen die Deutschen an diesem Abend, einige davon waren sehr gut vorbereitet und initiiert. Andere wiederum erfolgten zu hektisch. Auch der zweite Pfosten hätte konsequenter besetzt werden können. Deutschland verpasste es zu oft, den Deckel frühzeitig drauf zu machen und die klare Überlegenheit sowie die vielen guten Spielzüge in ganz klare Torchancen umzumünzen.

Dass in der zweiten Halbzeit nach den vielen Wechseln der Bundestrainerin der Spielrhythmus etwas verloren ging, ist wiederum wenig verwunderlich. Deutschland ist gut in Form, aber gerade im letzten Drittel gibt es immer noch Luft nach oben.

3. Linda Dallmann empfiehlt sich für die K.o.-Runde

Schon im Vorfeld kündigte Voss-Tecklenburg Rotation an. Vor allem im Herzen des Teams gab es einige Veränderungen. Weil Lena Oberdorf (gesperrt) und Lina Magull (Schonung) nicht eingesetzt wurden, bekamen Lena Lattwein und Linda Dallmann ihre Chance. Lattwein spielte abermals sehr solide und souverän. Dallmann aber ragte im deutschen Team sofort heraus.

Die kleine, wendige, aber sehr durchsetzungsfähige Mittelfeldspielerin machte von der ersten Minute an den Unterschied. Finnlands Plan, den Raum zwischen den beiden Viererketten möglichst klein zu halten, ging auch wegen der 27-Jährigen nicht auf.

Dallmann lief sich in diesen engen Zonen trotzdem immer wieder frei und war in der Lage, die Bälle dort zu verteilen und Pressingsituationen aufzulösen. Auch wenn sie an keinem Treffer direkt beteiligt war, so war sie der entscheidende Antrieb der gesamten Offensive. Dafür wurde sie zu Recht zur "Woman of the Match" gekürt – und ganz nebenbei hat sie sich damit für mindestens einen weiteren Einsatz empfohlen. Ihre Beweglichkeit könnte auch gegen Österreich ein großer Gewinn sein.

4. Deutschland kann sich auf die Bank verlassen

Die Kaderbreite des Teams wurde mehrfach analysiert und angesprochen. Das zu benennen und dann aber auch tatsächlich zu sehen, sind jedoch zwei verschiedene Dinge. Gegen Finnland kamen nun erstmals Spielerinnen wie Nicole Anyomi oder Laura Freigang zum Einsatz. Auch Tabea Waßmuth durfte erneut 28 Minuten spielen. Sara Doorsoun und Sophia Kleinherne starteten von Anfang an.

Zwar war im zweiten Durchgang ein Qualitätsabfall zu erkennen, doch das ist bei so viel Rotation und einem deutlichen Ergebnis üblich. Zumal einige Spielerinnen, die zuletzt auf der Bank saßen, überzeugen konnten. Neben Dallmann betrifft das vor allem Nicole Anyomi.

Die Offensivspielerin von Eintracht Frankfurt wird beim DFB aktuell meist als Rechtsverteidigerin eingesetzt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten im Defensivbereich überzeugte die 22-Jährige mit einer sehr guten Positionierung und Entscheidungsfindung. Das 2:0 leitete sie mit einem sehr guten Schnittstellenpass ein, das 3:0 erzielte sie sogar selbst.

Anyomi zeigte, dass sie sehr spielintelligent ist und genau wie Gwinn dazu in der Lage ist, Pressingsituationen auf dem Flügel aufzulösen. Auch ihre Frankfurter Teamkolleginnen Sara Doorsoun und Sophia Kleinherne haben sich bewiesen. Das Fehlen von Felicitas Rauch und Kathrin Hendrich machte sich zumindest gegen Finnland nicht bemerkbar. Die Bundestrainerin dürfte sich nach diesem Spiel bestätigt sehen: In der Breite ist dieser Kader eine Waffe.

5. Bereit für das Bundesliga-Duell mit Österreich

"Wir haben vor, hier noch drei Spiele zu machen", kündigte Voss-Tecklenburg selbstbewusst an. Das erste wird gegen Österreich stattfinden. Am Donnerstag erwartet das deutsche Team ein sehr aggressives und gut organisiertes Team, das aus vielen Bundesliga-Spielerinnen besteht.

Es ist ein gutes Zeichen für den deutschen Fußball, dass sich neben dem souveränen Auftakt der DFB-Auswahl auch die Österreicherinnen in einer schweren Gruppe mit England und Norwegen auf Platz zwei behaupten konnten. Wie schwer es für Deutschland im Viertelfinale werden kann, zeigte das Auftaktspiel.

Österreich konnte England, die anschließend Norwegen (8:0) und Nordirland (5:0) deutlich besiegten, das Leben sehr schwer machen. Die knappe 0:1-Niederlage gegen die Gastgeberinnen, aber vor allem die beiden Siege werden ihnen Energie und Selbstbewusstsein geben. Deutschlands Aufgabe liegt darin, den Nachbarinnen die Euphorie schnellstmöglich zu nehmen.

Es wird ein intensives und voraussichtlich packendes Duell. Auch wenn Deutschland favorisiert ist, könnte Österreich ein fieser Stolperstein werden. Gleichzeitig hat das DFB-Team nun ausreichend bewiesen, dass es bereit ist. Für diese Aufgabe und danach womöglich für zwei weitere Spiele.

Bildergalerie starten

Elf Gründe für den starken Auftritt der DFB-Frauen bei der EM 2022

Drei Jahre nach dem Viertelfinal-Aus bei der WM in Frankreich meldet sich das DFB-Team mit zwei starken Auftritten zurück. Nach dem 4:0 zum Auftakt gegen Dänemark glänzt das Team von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg auch beim 2:0 gegen Spanien. Elf Gründe für die bisher gezeigte Stärke. (Mit Material der dpa)