Nach Italien bekommt es Deutschland im Halbfinale mit der nächsten großen Hürde zu tun. Gastgeber Frankreich begegnet dem DFB-Team zur Unzeit: Die Equipe Tricolore hat ins Turnier gefunden und zehrt von seiner überragenden Offensive und seinen Einzelspielern. Die deutsche Mannschaft geht wohl als Außenseiter in die Partie - unschlagbar ist aber auch Frankreich nicht.

Frankreich also. Die Equipe Tricolore, der Gastgeber, die individuell wohl am besten besetzte Mannschaft des Turniers. Nach Italien bekommt Deutschland wie erwartet den nächsten dicken Brocken serviert - nur sind dieses Mal die Vorzeichen doch ziemlich anders als noch vor dem Viertelfinale gegen Buffon und Co.

Deutschland hat große personelle Probleme, das Drama gegen die Squadra Azzurra hat körperlich und mental seinen Tribut gefordert. Löws Mannschaft musste dem Gegner mit einer Systemumstellung begegnen. Das hat gut funktioniert und macht Hoffnung. Auf der anderen Seite wird es gegen die Franzosen wohl wieder im gewohnten 4-2-3-1 gehen, mit allen Vor- und Nachteilen, die in den Spielen der Gruppenphase und im Achtelfinale gegen die Slowakei auszumachen waren.

Und der Gegner? Der hat nach anfänglichen Schwierigkeiten mittlerweile voll reingefunden in diese EM, die für das gebeutelte Land so viel mehr ist als nur eine Sportveranstaltung. Frankreich hat mit dem Einzug ins Halbfinale sein Minimalziel letztlich doch souverän erreicht und gilt jetzt angesichts der Umstände selbst gegen den Weltmeister als Favorit.

Gomez raus, Schweini fraglich - wie soll das gegen Frankreich klappen?

Unglaubliche individuelle Qualität

Frankreich ist gewaltig ins Rollen gekommen. In der Vorrunde fingen die überragenden Einzelspieler einige große Schwächen des Kollektivs noch auf, mussten die Franzosen gegen Rumänien und Albanien bis in die Schlussminuten um ihre Siege bangen und kamen gegen die Schweiz nur zu einem Remis.

Aber spätestens seit der zweiten Halbzeit gegen Irland im Achtelfinale rollt der blaue Express. Trainer Didier Deschamps machte die Tatsache, dass seine Mannschaft als Gastgeber zwei Jahre lang keine Spiele unter echten Wettbewerbsbedingungen spielen konnte, sichtlich zu schaffen. Jetzt haben sich er und sein Team eingegrooved und eine deutliche Leistungssteigerung in den letzten beiden Partien hingelegt.

Dass Frankreich formell zu den besten Mannschaften des Turniers gehört, stand von Beginn an außer Frage. Torhüter und Kapitän Hugo Lloris ist eine Bank, Laurent Koscielny ist der zweikampfstärkste Spieler des gesamten Turniers. Paul Pogba hat seinen Frieden mit sich und der Öffentlichkeit gemacht und sich reingebissen ins Turnier. Dimitri Payet ist der Überflieger, Antoine Griezmann mit sechs Punkten (vier Tore, zwei Assists) der beste Scorer und Torschütze der Veranstaltung.

Und das ist nur die eine Hälfte einer Mannschaft, in der noch Weltklasse-Akteure wie Patrice Evra, N’golo Kante oder Blaise Matuidi ihr Unwesen treiben. Und andere Begnadete, wie Bayerns Kingsley Coman, Moussa Sissoko oder Yohan Cabaye kaum in die Startelf schaffen. Frankreich ist individuell überragend gut aufgestellt. Und allmählich findet das Team auch als Kollektiv zusammen und schafft so etwas wie einen Spirit - das Kardinalproblem französischer Nationalmannschaften bei einigen der letzten großen Turniere.

Kein Happy End für die tapferen Wikinger: Der Europameister-Traum Islands ist im Viertelfinale der EM 2016 vorzeitig zu Ende gegangen. Auf Twitter feiern die Nutzer die Überraschungsmannschaft trotzdem überschwänglich. Für England hagelt es hingegen Hohn und Spott.

Griezmann ist der Schlüssel

Mit entscheidend dafür war die schwache erste Halbzeit im Achtelfinale gegen Irland. Die Mannschaft wurde beim Stand von 0:1 mit gellenden Pfiffen der eigenen Fans in die Kabine begleitet und Coach Deschamps sah sich gezwungen, das Spielsystem auf das anfangs praktizierte, aber nicht für adäquat befundene 4-2-3-1 zurückzustellen. Die Schlüsselfigur ist dabei Griezmann.

Seit der Angreifer von Atletico als eine Art freier Geist um Stoßstürmer Olivier Giroud kreisen darf, spielt die Equipe einen ganz anderen Fußball. Der sich aber entgegen aller Erwartungen gar nicht so sehr über Dominanz und Ballkontrolle definiert. Vielmehr ist Frankreich die beste Kontermannschaft des gesamten Turniers. Mit dem urgewaltigen Pogba und Staubsauger Kante spielen im Mittelfeld zwei Akteure, die wie geschnitzt sind für schnelle Umschaltmomente in beide Richtungen.

Besonders nach eigenen Balleroberungen geht bei den Franzosen sofort die Post ab. Der bisher überragende Payet ist da noch nicht mal eine Anlaufstelle in der meisten Angriffe, im Prinzip wird sofort in die Spitze auf Giroud oder Griezmann gespielt und die Bälle dort abgelegt - um dann mit der zweiten Welle entweder den Ball in die Tiefe zu spielen oder aber dank der Abschlussqualitäten von Payet oder dem nachrückenden Pogba aus der zweiten Reihe zum Erfolg zu kommen.

Die Franzosen sind sich auch nicht zu schade, neutrale Bälle hoch auf Zielspieler Giroud zu schlagen, um dann schnell auf die zweiten Bälle zu gehen und so auf ungefährlichem Weg einen großen Raumgewinn zu erzielen. Und dank physisch enorm präsenter Spieler wie Pogba, Kante, Sissoko oder Matuidi gelingen auch viele Balleroberungen in der gefährlichen Zone.

Überragend in der Luft

Herausragend war bisher das Kopfballspiel der Franzosen in der Offensive. Fünf ihrer elf Tore hat die Mannschaft per Kopf erzielt - mit Abstand der Spitzenwert aller 24 Teams. Die Mannschaft kann aus dem freien Spiel heraus Chancen kreieren, nach Standards, durch Fernschüsse oder eben nach Kontern. Das macht die Franzosen in der Offensive so schwer ausrechenbar. Und mit Griezmann, Payet und Giroud stellt die Equipe derzeit nicht zufällig die drei Führenden in der Torjägerliste.

Gepaart mit dem Schwung, den die Fans spätestens seit dem Kantersieg über Island erzeugen, und der Aussicht auf den dritten Titel in Folge bei einem Heimturnier nach 1984 (EM) und 1998 (WM), gilt Frankreich als der Favorit gegen Deutschland.

Das muss im Umkehrschluss aber natürlich nicht heißen, dass die Franzosen nicht verwundbar wären. Natürlich ist Payet ein wenig in die Rolle des Anführers gewachsen und Pogba auf dem Weg zu zeigen, was für ein überragendes Talent er besitzt. Wenn es gegen eine Kontrahenten auf Augenhöhe aber zu Komplikationen kommt, wenn es nicht so läuft wie geplant: Dann weiß auch in Frankreich so recht niemand, wer dann in die Rolle des Leaders schlüpfen soll oder kann.

Probleme in der Defensive

Und so stark die Offensive besetzt ist und so überragend Koscielny bisher spielt: In der Defensive wirken die Franzosen vom ersten bis zum bislang fünften und letzten Spiel nicht immer gut sortiert. Selbst gegen die spielerisch sehr limitierten Irländer und Isländer ließ Frankreich mehr als ein halbes Dutzend hervorragender Torchancen zu und kassierte drei Gegentore.

Adil Rami wird gegen Deutschland wohl wieder die Stelle neben Koscielny einnehmen. Der Innenverteidiger vom FC Sevilla ist aber überhaupt nur dabei, weil Raphael Varane sich vor dem Turnier verletzt hatte. Und bisher hat sich Rami alles andere als zuverlässig erwiesen. Frankreich hat nicht nur in der Luft einige Probleme, sondern auch dann, wenn der Gegner in den Zwischenraum vor der Abwehr kommt und mit Zug aufs Tor aufdrehen kann. Dann fehlt es Rami und den Außenverteidigern Bacary Sagna und Evra an Tempo.

Das macht aus deutscher Sicht ein wenig Zuversicht. Auch wenn mit Mario Gomez der einzige Spieler ausfällt, der aus dem Spiel heraus mit Kopfbälle hätte gefährlich werden können. Es bleiben aber ja immerhin noch Jerome Boateng, Benedikt Höwedes oder Shkodran Mustafi, die bei Standards mit nach vorne gehen.

Und: Deutschland hat es zuletzt vier Mal in Folge geschafft, in einem Halbfinale bei einem großen Turnier den Gastgeber rauszuwerfen. 1992 die Schweden, 1996 die Engländer, 2002 die Koreaner und 2014 Brasilien. Zumindest diese Statistik macht doch auch ein bisschen Mut.