Thorsten Legat ist unser Experte bei der Fußball-EM 2016 in Frankreich. Im Interview spricht der Ex-Bundesliga-Profi unter anderem über die Chancen der deutschen Nationalmannschaft, verrät, mit welchem DFB-Kicker er sich gerne ein Zimmer im Mannschaftshotel teilen würde und äußert sich zur Terrorgefahr in Frankreich.

Thorsten Legat, heute beginnt die EM 2016 in Frankreich. Was ist härter? Zwei Wochen Turnier-Vorbereitung oder zwei Wochen Dschungelcamp?

Thorsten Legat: Der Vergleich ist schwierig zu beantworten - aber die Zielsetzung ist ähnlich: Wenn ich etwas gewinnen will, muss ich an meine Grenzen gehen und top vorbereitet sein. Aber natürlich ist das Essen besser in Frankreich.

Wie stark schätzen Sie die deutsche Nationalmannschaft ein? Oder anders ausgedrückt: Wie viel Kasalla steckt im DFB-Team?

Der englische Nationalspieler Gary Lineker hat einmal gesagt: "Die Deutschen kämpfen auch dann noch, wenn sie schon wieder im Bus sitzen." Das trifft es. Also Kasalla in jeder Muskelfaser. Dazu kommt, dass wir in den letzten Jahren unsere bekannten Tugenden mit Spielwitz und Technik verbunden haben - deshalb wurden wir Weltmeister

Um den Titel zu holen, braucht man Typen: Haben wir die?

Diese Typen haben wir. Jerome Boateng, Mats Hummels, Manuel Neuer, Mesut Özil, Bastian Schweinsteiger - das sind Typen, die den Pott holen können. Ganz klar an vorderster Front dabei: Thomas Müller. In muskulärer Hinsicht zwar ein Strichmännchen - aber er punktet durch unorthodoxe Aktionen.

Deutscher EM-Fahrer spricht über seine Gemütslage und richtiges Verhalten.

Fehlt Ihnen ein Spieler im deutschen EM-Kader – und falls ja, warum?

Es ist jammerschade, dass Marco Reus wieder ausgefallen ist, weil er in Topform war. Auch der Kreuzbandriss von Antonio Rüdiger ist ein Dilemma, weil er sich gerade mit der Innenverteidiger-Position angefreundet hat. Er hätte Hummels anfangs ersetzen können.

Mit welchem der aktuellen Nationalspieler würden Sie am liebsten ein Zimmer teilen - und warum?

Haben die nicht alle Einzelzimmer? Okay Schweini wäre interessant. Seine Karriere ist sensationell. Er ist - wie auch ich es immer war - ein absoluter Teamplayer.

Wo gucken Sie am liebsten die EM-Spiele? Im Stadion? Auf der Couch? Oder vielleicht doch im Garten, während die Bratwurst auf dem Grill brutzelt?

Wenn es geht, natürlich im Stadion, weil die Atmosphäre einzigartig ist. Da ich auch in Frankreich unterwegs sein werde, kann auch mal ein Public Viewing dabei sein. Das hat mit den ganzen Fans Seite an Seite auch etwas von Stadionfeeling.

Es gibt viele Nationen, die das Zeug haben, den Titel zu gewinnen: Deutschland natürlich, aber auch Gastgeber Frankreich oder Titelverteidiger Spanien - wer ist Ihr großer Favorit?

Wenn ich an die WM in Frankreich zurückdenke, dann muss man die Franzosen dazurechnen. Sie sind damals über sich hinausgewachsen und haben den Titel gewonnen. Deutschland gegen Frankreich - das wäre als Finale ein Knaller. Ach ja: Wir gewinnen.

Spielplan der Fußball-EM 2016 in Frankreich

Bastian Schweinsteiger ist noch nicht fit, Mats Hummels fehlt wegen eines Muskelfaserrisses zum EM-Start: Wie sehr bereitet Ihnen der Fitnessstand dieser beiden Säulen Kopfschmerzen?

Das ist sicher nicht ideal, aber Kopfschmerzen bekomme ich deshalb nicht. Wir haben immer bewiesen, dass wir uns steigern können von Spiel zu Spiel. Wir sind eine Turniermannschaft. Das hat uns immer ausgezeichnet.

Die Nominierung von Lukas Podolski können einige Fans nicht nachvollziehen – kann "Poldi" dem Team wirklich noch helfen?

Er ist auf jeden Fall eine Frohnatur. Er verbreitet positive Stimmung, und das ist bei einem Turnier wichtig, damit kein Lagerkoller ausbricht. Aber er ist auch ein erfahrener Spieler, der uns vielleicht in manch einer Schlussphase helfen kann.

Er galt bei den Fans als Kultspieler mit einem Ruf wie Donnerhall. In der Liste "Die härtesten Hunde aller Zeiten" führte ihn die Zeitschrift "11Freunde" unangefochten auf Rang eins, und auch außerhalb des Fußballplatzes gab er sich nicht gerade zimperlich. Doch wenn Thorsten Legat zurückblickt, erscheint vieles in einem völlig neuen Licht. In seiner Autobiografie berichtet er erstmals auch von traumatischen Erlebnissen in seiner Kindheit.

Falsche Neun oder echte Neun? Sprich: Mario Götze oder Mario Gomez – wen würden Sie im Sturm aufstellen?

Ich würde mit Götze beginnen und dann später Gomez bringen. Götze hat die Spielweise Löws verinnerlicht, ist immer in Bewegung, technisch sensationell, gut im Kurzpassspiel und im 1:1. Mit Gomez und seiner Kopfballstärke - als Abnehmer für Boatengs Pässe in die Spitze - besitzt Löw eine zusätzliche Trumpfkarte.

Kommen wir zu einem sehr unschönen Thema. Nach den Terroranschlägen von Paris im vergangenen Jahr gibt es Ängste, dass auch während der EM Terror-Attacken verübt werden könnten. Kann man diese Ängste als Sportler komplett ausblenden?

Man kann versuchen, es auszublenden - aber das wird nicht immer leicht sein, weil wir als Mannschaft in Paris schon einmal mittendrin im Geschehen waren. Aber ich glaube, die Franzosen haben ihren Sicherheitsstandard noch einmal immens erhöht.

Die Österreicher haben eine sensationelle EM-Qualifikation gespielt. Was glauben Sie, ist für das ÖFB-Team drin?

Ich glaube, dass unsere Nachbarn in der Gruppe F eine gute Chance haben, sich durchzusetzen. Gegen Ungarn werden sie gewinnen - das ist ja ein Spiel mit Derby-Charakter. Ein Remis gegen Portugal und - wenn sie die Quali-Überflieger Island nicht unterschätzen - ist auch hier ein Sieg drin. Die Zeiten, als Hickersberger mit seinem Team 0:1 gegen die Faröer-Inseln verlor, sind lange vorbei. Ach ja, wichtig wäre es, dass David Alaba - für mich der Superstar der Österreicher - nicht noch so ein Eigentor schießt wie gegen Malta.

Die Schweiz hat einige Profis im Kader, die man aus der Bundesliga kennt: Wie schätzen Sie die Chancen der Nati bei der EM ein?

Gegen Albanien im ersten Spiel der Gruppe A werden sie gewinnen, das wäre schon die halbe Miete. Ich weiß nicht, ob es in Schwyzerdütsch einen Begriff wie Kasalla gibt - aber sie müssen schon an die Grenzen gehen, um Rumänen zu schlagen, denn dann wären sie vor dem Spiel gegen Frankreich schon fast durch.