Deutschland spielt gegen Frankreich einen flinken, dynamischen und geradlinigen Offensivfußball mit ein paar frischen Gesichtern in der Startelf. Für einen der Weltmeister könnte es in Zukunft richtig eng werden.

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Es hat eine ganze Weile gedauert, bis sich bei der deutschen Nationalmannschaft tatsächlich etwas verändert hat. Auf den Tag genau 16 Wochen nach dem Komplettschaden gegen Südkorea bei der Weltmeisterschaft und den groß angekündigten Reformen hat Joachim Löw endlich reagiert.

Mit dem Rücken zur Wand hat der Bundestrainer im Nations-League-Spiel gegen Frankreich etwas riskiert und einen Eindruck davon vermittelt, wohin die Reise in Zukunft gehen könnte.

Löw konnte sich dazu durchringen, seinem ehemaligen Dogma vom Ballbesitzfußball abzuschwören, und sei es zunächst nur für diese eine Partie gegen den Weltmeister. Nach der harschen Kritik zuletzt hat sich Löw zu einem "Stück Umbruch" entscheiden, der "Mut und Zuversicht macht für die Zukunft. Darauf lässt sich aufbauen", sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel in der ARD.

Ein wenig bezeichnend bleibt es allerdings schon für den deutschen Fußball, dass eine 1:2-Niederlage nun der Startschuss in eine neue, erfolgreiche Ära sein soll.

Löw überraschte den Gegner und sprengte die Viererkette

Grindels wichtigster Angestellter hat sich jedenfalls ein paar Gedanken gemacht und nun auch den Mut gehabt, diese umzusetzen. Löw, der über ein Jahrzehnt die Spanier und deren Ballzirkulation als das Nonplusultra sah und sich daran orientierte, nimmt sich nun ein Beispiel am amtierenden Weltmeister Frankreich.

Mit einem Mittelfeldpressing, hohen Ballgewinnen und einem schnellen Umschaltspiel in die Tiefe überraschte Löw den Gegner - ganz so, wie sich Frankreich selbst vor einigen Wochen zum besten Team der Welt gekürt hatte.

Dazu sprengte der Bundestrainer seine Viererkette. Vielleicht auch deshalb, weil mit Jerome Boateng einer der beiden etatmäßigen Innenverteidiger ausfiel. In erster Linie aber, um mit drei gelernten Innenverteidigern in einer Dreierkette einen massiven Block zur Absicherung zu haben und in der 3-4-3-Grundordnung mit der Doppel-Sechs davor aggressiver nach vorne verteidigen zu können.

"Es war wichtig, Veränderungen vorzunehmen", sagte Löw nach dem Spiel in der ARD. "Wir hatten gerade in der ersten Halbzeit alles gut unter Kontrolle. So wie wir heute gespielt haben, hatte Frankreich wenig Zugriff auf uns. Wir müssen auch in Zukunft variabel sein."

Ein großer Teil der neuen Variabilität war auch auf dem Spielberichtsbogen zu sehen. Löw tauschte auf fünf Positionen und hatte nur noch vier Weltmeister in der Startformation, Kapitän Manuel Neuer, Abwehrchef Mats Hummels, Dirigent Toni Kroos und den damaligen Reservisten Matthias Ginter. Ein fünfter saß nur auf der Bank.

Wie passt Thomas Müller zu diesem Spielstil?

Thomas Müller musste den jungen Wilden den Vortritt lassen. Müller war als eines der Gesichter der Krise auserkoren worden, glücklos im Klub, farblos in der Nationalmannschaft. Es war kein Spiel für Raumdeuter und vielleicht wird es für einen Spielertypen wie Müller auch in Zukunft schwerer, wieder in die Stammelf zurückzufinden.

Die Mannschaft musste sich Räume in der Offensive nicht mühsam herauskombinieren und durch schlaue Laufwege öffnen. Die Räume waren aufgrund der eher zurückhaltenden Grundstruktur im Umschaltspiel einfach da.

Löw hat gegen Frankreich erstmals sein Personal und das Spielsystem an den Stärken seiner Offensivspieler ausgerichtet: Ohne einen Stoßstürmer, ohne die Spieler, die sich viel in den Zwischenräumen tummeln. Dafür hat er jene mit ungemein viel Geschwindigkeit losgelassen und die Art des Offensivspiels darauf auch ausgerichtet.

Leroy Sane, Serge Gnabry und Timo Werner bildeten einen Dreier-Sturm, der ordentlich wirbelte. Sehr direkt, sehr geradlinig wurden die deutschen Angriffe vorgetragen und Frankreichs Abwehrspieler dürften eine ungefähre Ahnung davon bekommen haben, wie sich ihre Gegenüber gegen Frankreichs Flitzer wie Kylian Mbappe oder Ousmane Dembele immer so fühlen.

Werner ist als Flügelspieler mittlerweile schon gesetzt, Sane nutzte seine Startelfchance, wenngleich ihm auch nicht alles gelang. Den besten Eindruck machte aber Gnabry, der sowohl im Zentrum als auch auf den Flügeln seine Dynamik einbrachte und jede Menge Zug zum Tor entwickelte - dem also gewissermaßen genau das gelang, was Müller seit Wochen oder Monaten abgeht.

Bruch der Weltmeister-Achse

"Wir sind stolz darauf, wie die jungen Spieler in dieser schwierigen Situation das Spiel angenommen haben", lobte Teammanager Oliver Bierhoff in der ARD. Gnabrys, Sanes und Werners Tempo ließen auch andere Spieler wieder besser wirken als zuletzt. Etwa Kroos, der endlich auch mal wieder Tiefenpässe zeigen konnte - weil sich Spieler tatsächlich mit genug Geschwindigkeit auch in die Tiefe bewegten.

25,4 Jahre war die deutsche Startelf im Schnitt alt, mit dem Bruch der Weltmeister-Achse setzt unweigerlich auch der nötige Verjüngungsprozess der Mannschaft ein. So ganz traut aber offenbar auch Löw selbst seiner neuen Marschrichtung noch nicht. "Man muss immer sukzessive einen Umbruch einleiten, auch schon wegen der Turniere im Zwei-Jahres-Rhythmus", sagte er. "Wir brauchen aber auch Erfahrung, letztlich eine gute Mischung. Drei, vier Ältere sind ja noch da. Und die Jungen brauchen manchmal diesen Halt. Sie haben noch nicht die Erfahrung, um auf Dauer erfolgreich zu sein. Was ich heute gesehen habe, macht mir aber Mut für die Zukunft."

Für diese Zukunft wird der Bundestrainer verkrustete Vorgaben und Gepflogenheiten noch mehr aufbrechen müssen. Einige seiner Entscheidungen waren zuletzt auch Zugeständnisse für alte Verdienste. Diese Zeiten sind vorbei.

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